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Friedrich Schiller: Maria Stuart - Einzelne Figuren

Kritik an der Synthesis-Konzeption Sautermeisters

 
 
  Harm-Torsten Reinke hat sich in seinem Aufsatz "Der Einfluss Schillers dramentheoretischer Schriften - insbesondere der Abhandlung Über das Erhabene- auf aktuelle Maria Stuart-Interpretationen der Germanistik" (http://www.literaturdigital.de/index.html?schiller.html, 2.5.02) mit den Auffassungen Gert Sautermeisters unter Bezugnahme auf Aussagen Schillers auseinandergesetzt.

Dabei setzt er sich mit insbesondere mit folgenden Interpretationsaussagen Gert Sautermeisters auseinander (Sautermeister, Gert (1992). “Maria Stuart – Ästhetik, Seelenkunde, historisch-gesellschaftlicher Ort”. In: Walter Hinderer (Hg.): Schillers Dramen. Stuttgart, S. 280-335)

  • Die Figur der Maria Stuart verwirkliche am Ende "das vollständige Ganze der ästhetischen Erziehung" (Sautermeister 1992, S.320 f.)

  • "Maria hebt die Differenz zwischen äußerer Vollkommenheit und menschlicher Unvollkommenheit in ihrer Todesstunde auf. Sie wird zur schönen Seele: jetzt wetteifern die königliche Schönheit ihrer Gestalt und der Adel ihrer Menschlichkeit harmonisch miteinander" (Sautermeister 1992, S.320)

  • Unmittelbar vor der Vollstreckung des Todesurteils gelange Maria in eine Seinssphäre, welche das Auseinanderstreben von Sinnlichkeit und Vernunft überwinde und den Menschen zur schönen Seele mache (vgl. Sautermeister 1992, S.).

  • Schiller gehe es nicht darum, die in der Fachliteratur sonst zitierte Theorie des Dualismus von Trieb und Vernunft aufzuzeigen, sondern vielmehr darum, eine versöhnende Synthesis-Konzeption vorzustellen.

  • Sautermeister Synthesis-Konstruktion: "Eine ihrer zentralen Kategorien [der Synthese] ist die schöne Seele – Symbol der harmonischen Verfassung des Individuums, das seine sinnlich-natürlichen und sittlich-geistigen Kräfte zwanglos versöhnt (Sautermeister 1992, S.321).

  • Die ursprünglich gegeneinander streitenden Kräfte von Trieb und Vernunft sehe Sautermeister bei Maria im Einklang miteinander, ".... nachdem sie sich vom Stau verdrängter Aggressionen entlastet hat (Sautermeister 1992, S.321).

  • So, meine Sautermeister, sei der Weg für Maria frei, das von Schiller formulierte Ideal zu veranschaulichen, das sich in ihrem Übertritt zur schönen Seele vollziehe: "Die schöne Seele ist weder Resultat einer kontinuierlichen Verinnerlichung des Sittengesetzes noch eine heroische Abweisung der Naturkräfte [...] Sie fällt vielmehr einem Menschen zu, der sich zu seinem unterdrückten, ‚unedlen‘ Selbst bekennt und es dadurch überwunden hat" (ders. 1992: 321f.). Dieser Zustand ermögliche es Maria, ohne Rachegelüste und aus freiem Willen mit Elisabeth Frieden zu schließen

  • “Sittlichkeit ist zum Naturtrieb geworden” (Sautermeister 1992, S.322). Daher finde der Widerstreit zweier entgegengesetzter Kräfte seine versöhnende Vereinigung im idealen Zustand der schönen Seele, was im Stück – gleichsam als anschauliche Entsprechung- durch eine Vielzahl sinnbildlicher Darstellungen zum Ausdruck kommt (vgl. Sautermeister 1992, S.324)

Der Begriff der "schönen Seele" bei Schiller und die Kritik an Sautermeister

Unter Bezugnahme auf die nachfolgenden Aussagen Schillers entwickelt Reinke seine Kritik an der Synthesis-Konzeption Sautermeisters:

  1. "Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, dass es dem Affekt die Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf, und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben in Widerspruch zu stehen” (1)

  2. "Die schöne Seele hat kein andres Verdienst, als das sie ist. Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte, übt sie der Menschheit peinlichsten Pflichten aus, und das heldenmütigste Opfer, das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige Wirkung eben dieses Triebes in die Augen” (Schiller 1994: 111). Schiller schreibt weiter: “Daher weiß sie [die schöne Seele] selbst auch niemals um die Schönheit ihres Handelns, und es fällt ihr nicht mehr ein, dass man anders handeln und empfinden könnte..." (2)

  3. "In einer schönen Seele ist es also, wo die Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung.” (3)
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • Die schöne Seele erfüllt im spontanen Handeln die Gesetze der Vernunft.

    • "Das Bewusstsein um einen unreglementierten Affekt, der Triebfeder einer alternativen Handlungsweise wäre, geht der schönen Seele verloren, was unzweifelhaft Folge einer Internalisierung der Sittengesetze ist. Und zwangsläufig ist es dieser Verlust, der die Grazie der äußeren Erscheinung ermöglicht."

  4. "So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist Würde Ausdruck einer erhabenen Gesinnung" (4).

  5. “Der Mensch ist zwar in ihrer Hand [der Natur], aber des Menschen Wille ist in der seinigen” (5).
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • Diese Würde zeigt sich  nur in Extremsituationen, in denen die Gesetze der menschlichen Eigenart im krassen Widerspruch zu denen der Natur stehen. In einer solchen Situation  delegiert der Mensch, sofern er das kann, seinen Willen an die Vernunft. Damit gewinnt er  Freiheit von der Natur und ihren immerwährenden Gesetzen.

  6. "Ein Mensch, der mir das Todesurteil schreiben kann, hat darum noch keine Majestät für mich, sobald ich selbst nur bin, was ich sein soll. Sein Vorteil über mich ist aus, sobald ich will" (6).
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • Die erhabene Reaktion "hilft" dem Menschen in zwei Extremsituationen: Zum einen wenn er mit dem (sinnlich-) Unendlichen, den Schranken seiner Vorstellungskraft konfrontiert wird, zum anderen wenn ihn etwas Furchtbares übermächtig bedroht. In beiden Fällen bedrängt ihn ein Gefühl des Wehseins. Dieses Gefühl überträgt er jedoch in eine von der Vernunft geleitete Vorstellung, was ihm wiederum ein Gefühl des Frohseins vermittelt. So empfindet er nämlich Freude darüber, unabhängig von der unfassbaren Natur zu sein,  indem er sich mit abstrakten Begriffen über sie hinwegsetzt, Ebenso froh ist er aber auch, nun unabhängig von der verderbenden Natur zu sein, indem er das Unabänderliche selbst aus freien Stücken will.

  7. "Bei dem Schönen stimmen Vernunft und Sinnlichkeit zusammen, und nur um dieser Zusammenstellung willen hat es Reiz für uns [...] Beim Erhabenen hingegen stimmen Vernunft und Sinnlichkeit nicht zusammen, und eben in diesem Widerspruch liegt der Zauber, womit es unser Gemüt ergreift" . (7)
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • In der Empfindung des Erhabenen ist der Dualismus von Trieb und Vernunft nicht aufgehoben, im Schönen befinden sie sich allerdings im Einklang.

  8. "Die schöne Seele muss sich also im Affekt in eine erhabene verwandeln, und das ist der natürliche Probierstein, wodurch man sie von dem guten Herzen oder Temperamentstugend unterscheiden kann” (8).
    Erst wenn die schöne Seele über den Willen herrscht, geht die schöne Seele “[...] ins Heroische über und erhebt sich zur reinen Intelligenz” (9).
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • Sautermeisters zentraler Begriff der schönen Seele lässt den eigentümlichen Schluss nicht zu, Schiller visiere eine Synthese von Trieb und Vernunft an.

    • Der Gegensatz von Trieb und Vernunft wird zwar überwunden, aber keineswegs zugunsten einer Synthese. Vielmehr beherrscht die Vernunft letzten Endes den Trieb.

    • Die auf der Bühne zur Darstellung von Marias Vollkommenheit ausgestellten Symbole können seine Synthesis-Konzeption nicht wirklich beweisen. So bleibt die Frage offen, wo beispielsweise der Selbsterhaltungstrieb der Maria bleibt , wenn “[...] die Versöhnung von übersinnlichem Gesetz und natürlichem Affekt in Marias Sterbestunde [...]” erfolgt (10)

    • Schiller war die Macht dieses Triebes durchaus bewusst: “Denn der Erhaltungstrieb ringt ohne Unterlass nach der gesetzgebenden Gewalt im Gebiete des Willens, und sein Bestreben ist, ebenso ungebunden über den Menschen wie über das Tier zu schalten” (11)

  9. “Das Erhabene verschafft uns also einen Ausgang aus der sinnlichen Welt, worin uns das Schöne gern immer gefangen halten möchte. Nicht allmählich (denn es gibt von der Abhängigkeit keinen Übergang zur Freiheit), sondern plötzlich und durch eine Erschütterung reißt es den selbständigen Geist aus dem Netze los, womit die verfeinerte Sinnlichkeit ihn umstrickte, und das umso fester bindet, je durchsichtiger es gesponnen ist” (12).
    Deutung und Kritik an Sauermeister:

    • Folgt man der Auffassung, dass Maria angesichts ihres nahenden Todes selbstlose Versöhnungsbotschaften sendet, und die Personen in ihrer Umgebung an ihr kein “Merkmal bleicher Furcht, kein Wort der Klage” (Schiller o. J.: 1.Aufz., 1. Auftr., Z. 3410) erkennen, liegt dies an der Erhabenheit, zu der sie gelangt ist. Denn durch das Erhabene findet Maria Stuart Ausgang aus einer von sinnlichen Kräften gesteuerten Welt gefunden hat. Diese Wandlung zur Erhabenheit könnte möglicherweise eingetreten sein, als sie von ihrem Todesurteil erfährt, auch wenn gerade dieses Ereignis merkwürdigerweise von Schiller nicht auf die Bühne gebracht worden ist.

(1) Schiller, Friedrich (1994). “Über Anmut und Würde”. In: Klaus L. Berghahn (Hg.): Kallias oder die Schönheit. Stuttgart, S. 111
(2) ebd.
(3) ebd.
(4) ebd.
(5) Schiller, Friedrich (1995 b). “Über das Erhabene”. In: Klaus L. Berghahn (hg.): Vom Pathetischen zum Erhabenen. Schriften zur Dramentheorie. Stuttgart, S. 88
(6) Schiller, Friedrich (1994), S. 133
(7) Schiller, Friedrich (1995 b), S.88f.
(8) Schiller, Friedrich (1994), S. 119
(9) ebd.
(10) Sautermeister, Gert (1992). “Maria Stuart – Ästhetik, Seelenkunde, historisch-gesellschaftlicher Ort”. In: Walter Hinderer (Hg.): Schillers Dramen. Stuttgart, S. 280-335, h: S.323.
(11)  Schiller, Friedrich (1994), S.120
(12) Schiller, Friedrich (1995 b), S.90f.

 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Kritikpunkte Reinkes an Gert Sautermeisters Konzeption der schönen Seele heraus..

  2. Nehmen Sie kritisch Stellung zu der Frage:
    Maria Stuarts Ende - Erhabenheit oder schöne Seele?
    Ziehen Sie dazu auch Schillers eigene Aussagen "Über das Erhabene" (um 1794) heran.

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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