Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Schiller: Maria Stuart - Einzelne Figuren

Die Bedeutung des religiösen Motivs für Maria Stuart

Peter-André Alt (2000)

 
 
  Von besonderer Bedeutung bleibt das religiöse Motiv, das die Weltsicht Marias  beherrscht. [...] Marias Frömmigkeit bildet zwar am Schluss das Medium, das ihre Inszenierung als schöne Seele ermöglicht, doch repräsentiert sie zugleich ein Element ihres politischen Rollenverständnisses, das im Zeitalter des Konfessionalismus von religiösen Orientierung nicht zu trennen ist. Maria erhebt ihren Anspruch auf den englischen Thron als strenggläubige Katholikin, was die Annäherung von Politik und Glaubensbekenntnis verdeutlicht. [...] Im Lichte solcher Äußerungen wäre es falsch, Marias religiöse Haltung im Schlussakt für das Indiz einer völligen Glaubenskorrektur zu betrachten. Selbst wenn sie sich dem Gesetz des Glaubens unterwirft, bleibt die Heldin doch stets von dem Bewusstsein einer politischen Sendung, damit auch von einem spezifisch sozialen Selbstverständnis beherrscht. [...]
Ambivalente Züge nimmt schließlich die religiöse Dimension der Abendmahlsszene an. Sie zeigt Maria als schöne Seele im Gestus einer moralischen Überlegenheit, die nicht um den Preis ihrer sinnlichen Präsenz erkauft ist, sondern diese gemäß den Bestimmungen von Anmut und Würde einschließt. Dass der eucharistische Akt mit den Requisiten einer pathetisch grundierten ästhetischen Inszenierung versehen ist, tritt deutlich zutage. Marias Auftritt in V,6 strahlt einen erotischen Reiz aus, der die Märtyrerattitüde einschränkt, welche die Königin durch ihre Rhetorik des Verzichts im Schlussakt unterstreicht. Weiß gekleidet, mit einem Agnus Dei, Rosenkranz und Kruzifix geschmückt, den schwarzen Schleier zurückgeschlagen, so dass man das Diadem erkennen kann, das die Haare ziert, tritt Maria effektsicher in den Kreis ihrer Vertrauten. Auch die Dramaturgie der folgenden Beichtszene gehorcht einem kunstvollen Ritus mit markanter Schauwirkung. Die einzelnen Elemente des Vorgangs entsprechen den Regeln der Eucharistie: Melvil ergreift den Kelch, der den Wein enthält, entblößt das Haupt, zeigt Maria die Hostie in der goldenen Schale, lässt sie niederknien, hört ihre Beichte, segnet sie und reicht ihr das Gefäß und Brot. Durch die Einbindung in einen Dialog mit pathetischem Zuschnitt gewinnt die Abfolge des rituellen Akts jedoch eine eigene Spannkraft, weil sie die emotional bewegende Selbstdarrstellung Marias unterstützt. [...] Die Beichte gerät zum Lebensrückblick, zur moralischen Bilanz, die nicht frei von melancholischen Momenten bleibt. [...] Die Beichte gewinnt die Züge einer symbolischen Verherrlichung der schönen Seele, die vor dem Hintergrund der Insignien weltlicher Macht (NA 9, 135) zur geschichtlichen Apotheose Marias gerät. Dass die ästhetische Schauwirkung der Szene die Botschaft ihrer religiösen Sinnbilder übergreift, nahm Herder [...] zum Anlass, beim Herzog gegen die Darstellung des eucharistischen Ritus auf der Bühne zu protestieren.
Schiller hat gerade die hier manifeste sinnliche Prägnanz des Glaubensrituals für ein Merkmal religiöser Praxis gehalten. [...] Die für zeitgenössische Kritiker problematischen Züge der Abendmahlsszene liegen dort, wo die religiöse Ebene einzig als Medium einer sinnlich gestützten Demonstration von Marias Anmut erscheint. Deren erotische Komponente ist im Moment der Beichte nicht unterdrückt, sondern vollends offenkundig. Das machte das Skandalon des üppigen Tableaus aus, das bei Aufführungen zu Lebzeiten Schillers meist der Zensur geopfert wurde." (Alt 2000, Bd., 2, S. 508f.)
 
 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Bedeutung des religiösen Motivs für Maria Stuart heraus.

  2. Überprüfen Sie die Aussagen Peter-André Alts am Text von Szene V,6 und V,7 und erläutern Sie diese Aussagen.

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
  Auftritte ] Bausteine ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de