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Schiller: Maria Stuart - Einzelne Figuren

Die Figur Elisabeth, wechselnd beleuchtet

Harald Frommer (1981)

 
 
 
  Vom nämlichen Autor [Otto Ludwig (1813-65), d. Verf.] stammt die Aussage, Schiller habe "aus der mächtigen Gestalt der Elisabeth einen gewöhnlichen, platten Theaterbösewicht" gemacht. Noch härter urteilt 1889 Emil Mauerhof. Er nennt die Königin einen "Auswurf des Menschengeschlechts" und erläutert, worin er die Schwäche des Dramas sieht: "Eine Königin von England kann ihre Nebenbuhlerin hinrichten lassen und doch dabei Würde bewahren: Die Tat muss nicht nur begreiflich gemacht werden. Schiller scheint solches nicht vermocht zu haben; und er suchte sich damit zu helfen, dass er die Frau in ein Monstrum verwandelte, das sich mit vollem Behagen in einem, tiefen Sumpf von Gemeinheiten wälzt." Wenn es zutrifft, dass die "kontrastreiche Schwarz-Weiß-Struktur" [Jurij Lotman, Die Struktur literarischer Texte 1972, d. Verf.] eine Sache des Lesers nicht des Autors ist, muss der Text eine Art Gegenprobe zulassen. Die Beleuchtung, die Maria zur blutleeren Heiligen und Elisabeth zum blutrünstigen Monstrum macht, muss veränderbar sein. Wir verschieben also probeweise die Lichtquelle, um eine andere Verteilung von Licht und Schatten zu erhalten. Unser Ausgangspunkt sind einige andersgeartete Urteile über Elisabeth, die ihr Handeln durchaus "begreiflich" erscheinen lassen. Da wird ihr "Existenzangst" zugute gehalten (Pongs  1935), da wird sie als "tragische Gestalt" bezeichnet, die sich "der großen Verantwortung ihres Amts bewusst" sei (Mettin 1937)), da wird ihr "Leistungsbereitschaft, Askese, Disziplin, Strenge" bescheinigt (Sauermeister 1979, S.184) bescheinigt, da gilt sie schließlich als die "modernste Politikerin dieses Stücks" (Rischbieter 1969, S.52).
In der Tat schneidet Elisabeth unter dem politischen Aspekt weitaus besser ab als ihre Gegenspielerin. Der "Flecken" (3223) ihrer Geburt erweist sich für sie als eine Herausforderung, auf die sie schöpferisch und zukunftsweisend antwortet. Für sie ist Herrschaft Dienstleistung am Volk, sie orientiert sich an der öffentlichen Meinung und sucht von dort her ihre Legitimation. Sie wächst damit über das dynastische Denken ihrer Zeit hinaus; ihr politisches Handeln ist voll vom Vor-Schein des Kommenden. Maria dagegen, die von ihren Untertanen außer Landes Gejagte, hat außer ihrer Abstammung nichts vorzuweisen. Durchdrungen von der Idee der Unantastbarkeit des Königtums und ihrer eigenen Bevorzugung durch Geburt, getragen von der internationalen Solidarität der Herrschenden gegen die Beherrschten, glaubt sie, sich als Regentin alles leisten zu können, ohne etwas zu leisten.. Und nicht genug damit: Ihr völliges Scheitern als Königin von Schottland hindert sie nicht daran, noch weitergehende Herrschaftsansprüche zu behaupten und dadurch die Herrschaft Elisabeths und den Frieden des Inselreichs zu gefährden. Elisabeths Unterschrift unter das Todesurteil ist, politisch gesehen, eine revolutionäre Tat. Sie bringt den Bruch mit der auf den Schutz königlicher Privilegien ausgerichteten Rechtsordnung des Gottesgnadentums und setzt an ihre Stelle das Recht des Volkes auf "Wohlfahrt" (3182) und inneren Frieden. Diese Befreiung von der historisch überständigen Rechtsordnung kommt zustande als Antwort auf eine Herausforderung und unter schweren Skrupeln, sie ist kein Akt der Herrscherwillkür. [...]
Was das Persönlich anbetrifft, so ist Elisabeths moralisch-menschliche Unterlegenheit keineswegs ausgemacht. Während sie sich das Leben schwer macht, meister Maria auch die schwierigste Lebenslage mit einer Lebenskunst, die im weitesten Sinne als Leichtlebigkeit zu charakterisieren ist. Als Königin wird die Stuart den überlieferten dynastischen und patriarchalischen Erwartungen gerecht [...]. Elisabeth dagegen wagt etwas unbedingt Anstößiges: Sie versucht, die Rolle der Königin auszufüllen "wie ein Mann" (1171). Sie bezahlt dafür mit Vereinsamung und dem Verlust ihrer Identität. Die Rolle, die sie ausfüllt, wird von ihr nicht erwartet - die Rolle, die man von ihr erwartet, füllt sie nicht aus.
Die Leiden beider Frauen sind unterschiedlich verursacht. Maria erfährt sie als etwas ihrem Wesen Fremdes, von außen Aufgenötigtes, und meistert sie mit dem Geschick der großen Lebenskünstlerin, ihrem eingefleischten Leicht-Sinn. Sie nützt die Chance, die sich ihr im Park von Fotherinhay bietet - nicht etwa, um ihr Leben zu retten. Diesen Vorsatz lässt sie bald hinter sich, dank ihrer glücklichen Gabe, selbstvergessen im Augenblick aufzugehen. Statt dessen kostet sie den ersehnten Triumph über die Rivalin bis zur Neige. Nicht minder triumphal gestaltet sie ihren Weg zum Schafott: im weißen Kleid, ihres Ruhms als Märtyrerin gewiss. Bis zu ihrem Tode fehlt es ihr nicht an verständnisvollen Gesprächspartnern, sie kann sich aussprechen, wann immer sie will. Anders Elisabeth. Wo Maria mit Einverständnis rechnen kann, stößt sie auf Unverständnis. Ihre Versuche, sich rückhaltlos zu offenbaren, schlagen fehl - die Gesprächspartner täuschen sich durch Verstellung. Am Ende bleibt ihr nur noch der Monolog als Möglichkeit, sich auszusprechen. Sie trägt das Stigma der Ausnahmeexistenz, um sie ist Einsamkeit, ihre Liebesbeziehungen sind gestört. "Offenbar verleihen Disziplin, Askese und politischer Beruf der Erscheinung Elisabeths einen Einschlag maskuliner Härte, der die Männer erotisch indifferent lässt." (Sautermeister 1979, S.182) Sie vermag die gesellschaftlichen Bedingungen der "Liebenswürdigkeit" nicht erfüllen und leidet darunter, so sehr, dass ihr, der Klugen und Übervorsichtigen, Fehler um Fehler unterläuft, wenn sie es mit Leicester zu tun hat. An ihn knüpft sich ihre Hoffnung, als Frau dem Anspruch der Liebenswürdigkeit zu genügen. Nur so erklärt sich ihre Anfälligkeit für seine plumpen Schmeicheleien und (im vierten Aufzug) ihre Bereitschaft, sein tollkühnes Lügengespinst schließlich für bare Münze zu nehmen. Sie klammert sich an Leicesters Lügen, weil ihre eigene Lebenslüge daran hängt. Mit dem letzten Satz des Dramas wird sie ihrer letzten Illusion beraubt. Was bleibt, ist Kälte und Erstarrung.
Elisabeths Leiden ist ihrer Persönlichkeit angelegt, es wurzelt von langer Hand in ihrer glücklosen Kindheit. Einen guten Teil daran hat sie sich selbst auferlegt durch die Strenge ihrer Lebensauffassung und ihren Mut, sich über herrschende Konventionen hinwegzusetzen. Auch ihr Leiden ist außerordentlich.
Rückt man die Beleuchtung beider Hauptfiguren in dieser Weise zurecht, so tritt Maria in den Schatten der Elisabeth. Sie erscheint, gemessen an der Außerordentlichkeit ihrer Gegenspielerin, als konventionell und unbedeutend.
Unser Gegenentwurf zu Mauerhofs "Monstrum" bleibt notwendig skizzenhaft. Aber er ist durch Schillers Text deckt, Zug um Zug belegbar. Allerdings beruht er auf einer Auswahl aus der Fülle von Daten, die das Drama bietet. Andrerseits hat sich auch Mauerhof sein Urteil nicht aus den Fingern gesogen. Wir räumen ihm sogar gerne ein, dass er für seine Deutung die auffälligeren Daten des Textes herangezogen hat. Denn unser Ehrgeiz war es ja gerade, Unauffälliges und Verstecktes durch Zusammenfassungen auffällig zu machen. Wir sind schon mit dem Zugeständnis zufrieden: So kann man es auch sehen. Halten wir also fest: Der Text lässt zwei entgegengesetzte Perspektiven auf die beiden Hauptfiguren zu, er legt Standort und Urteil des Betrachters nicht fest. Wer Elisabeth als Monstrum wahrnimmt, erlebt sie aus dem Blickwinkel Marias. Sie ist für ihn der Inbegriff des Bösen und Bedrohlichen, eine Kontrastfigur, kein eigenständiger Charakter. Sie ist Hintergrund und wird "flächig" wahrgenommen, nicht "plastisch". Weil sich dieser Betrachter mit Maria identifiziert, fühlt er sich aufgefordert, Elisabeth zu verdammen. Wir gestehen ihm zu, dass er sich so verhält, wie des der Text "nahe legt". Aber das Naheliegende ist noch nicht unbedingt das Richtige.
Die gegenläufige Perspektive, die von Elisabeth auf Maria, tut sich im Text selten einmal länger als augenblicksweise auf. Wer sich auf sie einlässt, wird nicht so häufig bestätigt wie der Schwarz-Weiß-Betrachter. Er wird sich, was die "bösen" Züge der Elisabeth betrifft, an jene Bestandteile des Textes halten, die sich zur "biographischen Charakteristik" zusammenfügen, die die Motivation ihres Verhaltens "aus der trüben Jugend der Elisabeth heraus", "aus der haltlosen Stellung des Weibes auf dem Thron" (Petersen 1904,  zit. n. Ibel, 9. Aufl, 1982, S.49). Seine Haltung zu Elisabeth ist vom Verstehen bestimmt, nicht vom Verdammen. Bei alledem bleibt seine Rezeptionsweise distanziert: Identifikation mit Elisabeth wird schwerlich aufkommen, dafür bietet ihr verwinkelter Charakter zu wenig Zugang. Auch seine Beziehung zu Maria wird eher kühl ausfallen: Wer etwas von der leidenden Größe Elisabeths begriffen hat, wird das selbst inszenierte Märtyrertum ihrer Gegenspielerin wiegen und zu leicht zu befinden. [...]
Welche der beiden beschriebenen Perspektiven des Dramas ist nun die richtige? Die Frage stellen heißt sie zurückweisen. Nach Iser haben literarische Texte eine "perspektivische Anlage, die aus mehreren deutlich von einander abhebbaren Perspektivträgern besteht." (Iser 1976, S.62). Keine der durch sie vorgegebenen Perspektiven ist aber "ausschließlich mit dem Sinn des Textes identisch". Aufgabe des Rezipienten ist vielmehr die "Integration der Textperspektiven". Er ist aufgefordert, jene Leerstelle, die zwischen den Perspektiven liegt, mit seiner Vorstellung auszufüllen. Beide dominierenden Perspektiven der 'Maria Stuart' gehören also zum "Rollenangebot" (Iser) des Textes an den Leser. Ihre Vermittlung leistet der Betrachter dann, wenn es ihm gelingt, die beiden vorgegeben Standpunkte zu etwas Drittem zu verbinden. Man könnte dieses Dritte die "plastische Sichtweise" der beiden Hauptgestalten nennen. Um im Bilde zu bleiben: Wer das Drama "richtig" erfassen will, muss es mit beiden Augen sehen können. Er muss eine Doppelrolle wahrnehmen, die ihm erhebliche Flexibilität und Fähigkeit zur Differenzierung abverlangt. Er darf Elisabeth verurteilen, ist aber zugleich aufgefordert, sie zu verstehen und zu würdigen. Auf der anderen Seite ist er gehalten, sein Mit-Leiden mit Maria zu zügeln. Schiller selbst skizziert in einer bekannten Briefstelle die ihm für die Gestalt der Maria vorschwebende Rezeptionsweise so:
   "Meine Maria wird keine weiche Stimmung erregen, es ist meine Absicht nicht, ich will sie immer als physisches Wesen halten, und das pathetische muß mehr eine allgemeine tiefe Rührung als ein persönlich und individuelles Mitgefühl seyn."

(aus: Frommer, Harald: Lernziel: Leserrolle. Ein Annäherungsversuch an Schillers Königin Elisabeth in Klasse 10, in: Der Deutschunterricht, 33. Jg., 2(1981), S.61-65, gekürzt)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Interpretationsgesichtspunkte heraus, die sich nach  Frommer aus der Perspektive von Elisabeth auf Maria ergeben.

  2. Nach Jurij Lotman, den Frommer zitiert, gibt es eine Differenz zwischen den Bedürfnissen des Lesers und den Absichten des Autors, die darin besteht, dass der Autor die Tendenz hat "Charaktere zu komplizieren", während der Leser dazu neigt eine "kontrastreiche Schwarz-Weiß-Struktur" anstrebt.
    Stellen Sie dar, inwiefern sich diese Aussagen auf die von Frommer entwickelten Textperspektiven anwenden lässt.

  3. Arbeiten Sie heraus, was Frommer unter rezeptionsästhetischer Perspektive unter der "richtigen" Interpretation der Figur Elisabeths versteht.

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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