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Friedrich Schiller: Maria Stuart - I,4

Vorgeschichte aus Sicht Kennedys

 
 
 
  Im Gespräch zwischen Maria Stuart  und ihrer Amme Hanna Kennedy in  Szene I,4 in Schillers Drama »Maria Stuart« erfüllt eine wichtige Aufgabe bei der Exposition des Dramas.
Im Unterschied zu dem Gespräch über die jüngere Vorgeschichte zuvor zwischen Maria Stuart und Amias Paulet, die zur Inhaftierung Maria Stuarts in England geführt hat, kommt in dieser Szene die weiter zurückliegende Vorgeschichte Maria Stuarts zur Sprache, von ihrer Kindheit bis hin zu ihrer zu ihrer Flucht aus Schottland.
Wie schon in der ersten Szene ist es auch hier die sog. Domestikenperspektive, die Betrachtungsweise von Hanna Kennedy, die - hier allerdings in Gegenwart von Maria - in einem allerdings nur mühsam dialogisierten Monolog ihre Sicht der Dinge darstellt. Dass die beiden Frauen gerade zu diesem Zeitpunkt in dieser Ausführlichkeit darüber ins Gespräch kommen, ist kaum plausibel und ebenfalls nur schwach motiviert.

Marias Eingeständnis ihrer Schuld

Den Jahrestag der Ermordung ihres vorletzten Mannes Darnley, an dem die Dramenhandlung sich vollzieht, begeht Maria mit Buße und Fasten. Er lässt in Maria angstvolle Bilder aufsteigen. Sie fühlt sich nämlich wegen ihrer Schuld an der Ermordung Darnleys von dessen "blut'gen Schatten [...] / Der zürnend  aus dem Gruftgewölbe steigt" (I,4 - V.272f.) zurecht bis an ihr Lebensende verfolgt. Dabei mildere die Tatsache, dass sie nicht selbst den Mordauftrag erteilt habe, in ihren Augen keineswegs die auf ihr lastende Schuld. Durch ihre Mitwisserschaft, das Gewährenlassen der Mörder und noch viel mehr ihr aktives Zutun, Darnley "schmeichelnd in das Todesnetz" zu locken (I,4 - V. 293), habe sie als junge Frau eine schwere Schuld auf sich geladen, die irgendwann auch ihr blutiges Ende fordern werde.

Hanna Kennedys gefühlvoll sentimentale Deutung von Maria Stuarts Vergangenheit

Gegen die unter heftigen Selbstvorwürfen leidende Maria stellt Hanna Kennedy, die als ihre Amme Maria von Geburt an kennt, ihre Sicht der Dinge dar. Die Ausführlichkeit, mit der sie über die Kindheit, Jugend und die verschiedenen Verfehlungen Marias in Schottland zu berichten weiß, weist sie als enge Vertraute der schottischen Königin aus. Ihr immer warmherziges Verhältnis zu Maria lässt aber auch kritische Töne zu, wenn es darum geht, bestimmte Verfehlungen Marias in der Vergangenheit, wie z. B. insbesondere ihre Leidenschaft für Bothwell und deren Folgen anzusprechen. Ihre Deutung ist Partei für Maria und zielt darauf, Maria bei der Verarbeitung der Vergangenheit zu unterstützen. Zugleich macht sie klar, dass ihre schottischen, längst gebüßten und vergebenen Verfehlungen einerseits und die unrechtmäßige Verfolgung Marias in England andererseits ganz verschiedene Dinge sind. Diese könnten weder von einer zu selbstzerstörerischer Melancholie tendierenden Maria noch von ihren englischen Änklägern miteinander vermengt werden.

Die weiter zurückliegende Vorgeschichte aus Sicht Kennedys

  1. Die Fakten
  • Maria hat – selbst als Königin - Darnley zur Königswürde verholfen (I,4 – 301). (Kennedy)
  • Nach der Hochzeit wird Maria von ihrem Mann Darnley bald schon verdächtigt und grob behandelt. Zudem will er Maria beherrschen und ihr seine Dominanz beweisen, indem er ihren "Liebling, den schönen Sänger Rizzio" vor ihren Augen ermorden lässt. Aus diesen Gründen wendet sich Maria von ihm ab. (1,4 - 307ff.)
  • Maria beginnt in Sterylin als verheiratete Frau ein Verhältnis (37f.) mit Bothwell (I,4 – 327), dessen ungestümem männlichen Durchsetzungsvermögen sie voller Bewunderung erliegt (I,4 –328), ja letzten Endes hörig wird (IV,1 – 341).
  • Nach dem Mord an Darnley lässt Maria Bothwell das königliche Schwert unter der hellen Empörung des Volkes durch Edinburgh tragen (I,4 – 347), nötigt die Richter Bothwell vom Mordvorwurf an Darnley freizusprechen, und bietet ihm darauf die ihre Hand zur Heirat. (I,4 – 355) , sie hat von der Ermordung ihres Ehemannes Darnleys gewusst, Darnley sogar in die Falle gelockt und nichts gegen den von anderen durchgeführten Mordanschlag unternommen (I,4 – 292)
  1. Die Beurteilung der Fakten
    1. Entschuldigungsstrategie: Mildernde Umstände wegen des jugendlichen Alters

  • "Nicht Ihr habt ihn gemordet! Andre taten's!" (V. 291)

  • "Jugend mildert Eure Schuld. Ihr wart / So zarten Alters noch." (V. 294f.)

  • "Ihr wart durch blutige Beleidigung / Gereizt" ( V. 297f.)

  • Maria hat ihn durch ihre Gunst zur Königswürde erhöht (vgl. 299ff.)

  • Darnley "Beleidigte mit niedrigem Verdacht, / Mit rohen Sitten Eure Zärtlichkeit" (V. 307f.)

  • "Ihr floht erzürnt des Schändlichen Umarmung / Und gabt ihn der Verachtung preis" (V. 311f.)

  • "Ihr rächtet blutig nur die blut'ge Tat." (V. 320)

  • "Da Ihr die Tat geschehn ließt, wart Ihr nicht / Ihr selbst, gehörtet Euch nicht selbst," (V. 323)

  1. Entschuldigungsstrategie mit anklagendem Unterton: Leidenschaft und sexuelle Hörigkeit

  • "Ergriffen / Hat Euch der Wahnsinn blinder Liebesglut, / Euch unterjocht dem furchtbaren Verführer" (V. 325f.)

  • Bothwell, der "Über Euch / mit übermüt'gem Männerwillen herrschte" (V. 327f.)

  • "Der Schreckliche, der Euch durch Zaubertränke, / Durch Höllenkünste das Gemüt verwirrend, / Erhitzte - " (V. 329f.)

  • "Alle Geister der Verdammnis / Musst' er zu Hilfe rufen" (V. 333)

  • "Eure Wangen, sonst der Sitz / Schamhaft errötender Bescheidenheit, / Sie glühten nur vom Feuer des Verlangens" (V. 339ff.)

  • "des Mannes keckes Laster hatte / Auch Eure Blödigkeit besiegt, Ihr stelltet / mit dreister Stirne Eure Schmach zur Schau" (V. 343ff.)

  • "O, lasst ein ewig Schweigen diese Tat / Bedecken! Sie ist schauderhaft, empörend." (V. 356ff.)

  1. Verarbeitung der eigenen Schuld als Voraussetzung für die neue Bewährung

  • "...Ihr seid keine Verlorene" (V. 359)

  • "Weich / Ist Euer Herz gebildet, offen ist's / Der Scham - der Leichtsinn nur ist Euer Laster. (V. 359ff.)

  • "Seit dieser Tat, die Euer Leben schwärzt, / Habt Ihr nichts Lasterhaftes mehr begangen" (V. 369f.)

  • "Macht Friede mit Euch selbst!" (V. 372)

  • "vor diesen / Anmaßlichen Gerichtshof dürft Ihr Euch / Hinstellen mit dem ganzen Mut der Unschuld." (376ff.)

 

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