deu.jpg (1524 Byte)

Friedrich Schiller

Schiller auf der Militärakademie

Albert Ludwig (1912)

 
 

Unter schwerem seelischen Druck betrat Schiller die Räume der Akademie, mühsam nur fand der sich in den ungewohnten Verhältnissen zurecht. Alles muss sich ihm empört haben gegen den militärischen Ton, die Disziplin, wohl auch teilweise den Unterricht; was sollte das alles ihm, der Pfarrer werden sollte! Die Folgen solcher Geistesverfassung zeigten sich auf den verschiedensten Gebieten. Er litt körperlich, allerdings vielleicht auch infolge schnellen Wachstums; in den ersten zwei Jahren war er sieben Mal krank, einmal fünf Wochen lang. Er zog sich Strafen zu: die meisten seiner 'Strafbillette' erhielt er in diesen beiden Jahren, meist für Verstöße gegen die "Propreté", zweimal für Überschreitungen der Hausordnung. Seine Leistungen waren durchaus nicht hervorragend; zwar erhielt er im Dezember 1773 einen Preis in der griechischen Sprache, aber sonst lauten die Urteile seiner Lehrer recht kühl: sie reden von seinem 'langsamen, dissoluten Wesen', nennen seine Gaben mittelmäßig, den Fleiß vorsichtig 'seinen Kräften angemessen', dann lautet es auch einmal besser, aber am 4. Dezember 1774 heißt es wieder, dass er wegen der öfteren Krankheiten 'bei allem seinen Fleiß doch gegen andere ziemlich weit zurückgeblieben' sei.
Besser als die Lehrer wissen häufig die Mitschüler, wie es um einen Kameraden steht. Durch jenes Ansinnen des Herzogs an die Eleven, über ihre Gefährten Auskunft zu geben, sind wir im Besitz einer ganzen Reihe von Urteilen seiner Mitschüler über Schiller - freilich, die Umstände, unter denen sie abgefasst wurden, sind nicht danach angetan, sie zu sehr verlässlichen Dokumenten zu machen, es wusste ja jeder, was er durch unvorsichtige Äußerungen für Unheil anrichten konnte. Immerhin geht etwas aus ihnen hervor: es wäre falsch, aus dem oben Gesagten zu schließen, dass Schiller selbst in der ersten Akademiezeit ein Kopfhänger gewesen wäre. Ein Franzose behauptet zwar, seine melancholische Gemütsstimmung mache ihn wenig gesellig, noch ein anderer nennt ihn still und nur selten munter, ein dritter spricht von seiner Eingezogenheit; in überwiegender Zahl preisen aber andere an ihm eine 'artige Lustbarkeit und Lebhaftigkeit', nennen in 'beständig aufgeräumt', 'immerdar lustig' und ähnliches. Die reichlich wiederkehrende Versicherung, er fühle sich mit seinem Schicksale ungemein zufrieden, ist natürlich wertlos, der Herzog wäre ja wohl außer sich geraten über menschlichen Undank, wenn von einem seiner Söhne etwas anderes gesagt worden wäre; aber im Ganzen scheint sich Schiller ins Unvermeidliche gefunden zu haben: er war verschlossen gegen solche, die ihm nicht gefielen - er hat es auch später sehr gut verstanden, sich unerwünschte Zeitgenossen vom Leibe zu halten - denen, die ihm näher standen, war ein heiterer und witziger Zeitgenosse; was er im Innersten empfand, wussten höchstens Vertrauteste.
Auch dafür sind diese Urteile ein Beweis, dass er sich in die militärische Propreté hineinfand. Dass er darin nie ein besonders Muster wurde, wird sich jeder selber sagen können, der bedenkt, was für Gedanken in diesem jugendlichen Kopfe bald gären sollten; aber wäre er in dieser Beziehung ein schwarzes Schaft gewesen, wie man wohl früher annahm, so hätten die Kameraden sicherlich nicht ganz überwiegend das Gegenteil gesagt.
Im fünfzehnten Jahre sollte er sich schon für ein Berufsstudium entscheiden: schweren Herzens wählte er die Rechte und musste sich nun auch noch mit Naturrecht, Reichshistorie und römischen Altertümern abquälen. 'Mit Munterkeit' habe er dieses Studium ergriffen, so versicherte er dem Herzog in seiner Selbstcharakteristik und fügte doch freimütig hinzu, dass er, bei aller freudigen Erwartung künftigen Beamtenwirkens, sich weit glücklicher schätzen würde, könnte er als Gottesgelehrter später seinem Fürsten und dem Vaterlande dienen. Auf deutsch hieß das, dass er der Akademie lieber heute als morgen den Rücken wenden wolle; uns zeigt es, dass die alte Sehnsucht noch in ihm lebendig war, und doch war schon eine neue entfacht.
Nicht nur Kränklichkeit und Unlust ließen seine Leistungen schwach und schwächer werden: eine besondere Welt nahm seine besten Gedanken, sein Sinnen und Trachten in Anspruch, die Welt der Poesie. Alle benutzbaren Mußestunden gehörten dichterischer Lektüre: Klopstocks gefühlvolles, die Zeit tief ergreifendes religiöses Gedicht, den 'Messias', einzelne seiner schwungvollen, gedankentiefen Oden hatte er wohl schon im Elternhause kennen gelernt, jetzt schwelgte er in der poetischen Welt des Alten Testamens, begeisterte sich an Psalmen und Propheten, las den römischen Epiker Virgil, alles Dingen, an denen ihn die Akademie kaum ernsthaft hindern konnte. Weshalb hätten ihre Zöglinge denn nicht die Bibel und römische Klassiker lesen sollen! Stärker ans Herz schlugen ihm aber doch wohl die neuesten Erzeugnisse deutscher Dichtung: Lessings Dramen waren noch jugendfrisch, Goethes 'Götz von Berlichingen', sein 'Werther', sie hatten eben erst der deutschen Welt verkündigt, was für poetische Schätze noch in Vergangenheit und Gegenwart zu heben seien. All das fand seinen Weg auf die Akademie und entzückte dort wie anderswo jugendliche Herzen: Schillers erstens uns erhaltenes Gedicht 'An die Sonne' entstand, mit Klopstock wetteifernd dichtete er an seinem religiösen Epos 'Moses', von dem nichts mehr vorhanden ist, und - welcher jugendliche Dichter mag im geheimsten Fache des Schreibpultes verbergen, was ihm die Muse schenkte! - vertrauten, gleichgestimmten Seelen wurde mitgeteilt, was so entstanden war.
Unter den Mitschülern wusste man auch Bescheid. Der Herzog bekam es vielfach zu hören, dass der Eleve Schiller an der Poesie den größten Geschmack finde; die Vertrautesten wussten auch, dass er zur Tragödie neige. Das schrieb in seiner Charakteristik Freund Hoven, der Jugendgespiele, mit dem sich der als Freundschaftsbund auf der Akademie erneuerte und der unter dem Einflusse Schillers nun auch einen Dichter in sich erwachsen fühlte. Und noch andere führte ähnliches Streben den beiden nach: da war der Pfarrerssohn Johann Wilhelm Petersen, der spätere gelehrte Bibliothekar und Verfasser einer Geschichte der Nationalneigung der Deutschen zum Trunke, über welche Neigung er übrigens auch praktisch sehr gut Bescheid wusste, da war vor allem, auf Jahre hinaus der Getreueste der Getreuen, der Mömpelgarder Goldschmiedsohn Georg Scharffenstein, der es später zum Generalleutnant brachte, das waren aus der Gruppe der Künstler und Musiker Heinrich Dannecker, späterhin Schwabens genialster Bildhauer, und Rudolf Zumsteeg, der später den Zeitgenossen so vieles aus den Werken seines Jugendfreundes zu Dank vertonte. Sie fanden sich in der Erholungszeit und auf den Spaziergängen zusammen, sie bildeten in der fremden Welt einen kleinen Kreis vertrauter Seelen, ihr gemeinsames Schwärmen und Träumen, Dichten und Trachten hat Schiller einen gewissen Ersatz für geopferte Ideale, ein Gegengewicht gegen den Druck der Verhältnisse.
Und nun erfuhren auch diese eine bedeutsame Umwandlung. Der Herzog beschloss, seine Akademie aus der Waldeinsamkeit der Solitude nach Stuttgart zu verlegen. […]
In Stuttgart wurde die Akademie bedeutsam erweitert: sie erhielt eine medizinische Fakultät, so dass ihre Zöglinge auf ihr zu Ärzten ausgebildet werden konnten. Schiller mag diese Neuerung als Erlösung betrachtet haben. Der Sinn stand ihm gar nicht nach den Erklärungen, Unterscheidungen und ´verzwickten Fällen der Juristerei, er schmachtete nach lebendigerem Stoff. Dazu die Lücken seines Wissens, die ihm schier unausfüllbar erschienen; kurz, er und Hoven entschlossen sich Mediziner zu werden. Dem Herzog, der für die neue Fakultät Studenten haben musste, war es recht, er stellte sogar in diesem Berufe eine bessere Versorgung für späterhin in Aussicht als im erstgewählten; so wurde denn der Berufswechsel vollzogen - ein neues Leben konnte beginnen.
Es begann noch lange nicht. Liebe zur Heilkunst hatte wahrhaftig nicht Schiller zu ihr geführt; drum spürte er auch keinen übermäßigen Drang, sich ihr mit Herz und Sinn gefangen zu geben. Zwar sorgte er dafür, dass er nicht wieder in so eine peinliche Lage geriet wie bei den juristischen Studien, aber sein volles Interesse war anderswo. Jetzt blühten im gerade die ersten Erfolge (sie waren an sich bescheiden genug) auf dem Felde der Poesie: zwar sein noch auf der Solitude entworfenes Drama 'Der Student von Nassau', bei dem Werthers tränenreiches Schicksal Pate gestanden hatte, wurde nur den Freunden bekannt und schließlich wieder vernichtet, aber ein Gedicht 'Der Abend', das sein junger Autor an Haug, den Herausgeber des 'Schwäbischen Magazins', einer in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift, sandte, wurde von diesem (1776) veröffentlicht. Er hat des öfteren, um junge Talente zu fördern, die Spalten seines Blattes Schülern der Akademie oder des Gymnasiums geöffnet - immerhin: zum ersten Mal gedruckt! Wie mochte das dem jungen Dichter den Mut höhen, die Achtung der Kameraden steigern, besonders da der gutmütige Haug ihm, wenn er so fortführe, auch noch in pomphaftem Latein eine Drommetenstimme ('os magna sonaturum', einen Mund, bestimmt Großes zu verkünden) verheißen hatte. […]
Auch anderes war geeignet, ihn schon damals in die Bahn zu lenken, die ihm bestimmt war. In Stuttgart fanden die neuesten Erzeugnisse der Literatur noch schneller Eingang als auf der Solitude. Die geheimnisvoll wehmütigen Gesänge aus altkeltischer Vergangenheit, die unter dem Namen des schottischen Barden Ossian gingen, wie die ganz anders gearteten, mehr als bedenklichen Verserzählungen Wielands wurden gelesen, im Mittelpunkt von Schillers Interesse stand aber zweifellos das Drama. Lessings kritische Tätigkeit, sein hervorragendes Beispiel hatten den Weg zu einem den Deutschen eigentümlichen Drama bereitet, der 'Götz' goss deutschen Leben einer reichen Vorzeit in dramatische Form, ließ seine Menschen die kräftige Sprache der Natur reden, eine Reihe junger Dramatiker folgte diesen Spuren: große Leidenschaften wollten sie in urwüchsiger Sprache darstellen. Aufsehen hatten besonders zwei Dramen erregt, 'Die Zwillingen' von Klinger und 'Julius von Tarent' von Leisewitz, beides Tragödien des Bruderhasses. An der letzen vor allem begeisterte sich Schiller, unter ihrem Einfluss erwuchs ihm wieder ein Drama, in dem er sich zum ersten Mal auf historischen Boden wagte, aber auch dies, 'Cosmus von Medici' benannt, teilte das Schicksal seiner Vorgänger.
Vor allem lernte er aber jetzt den Dichter kennen, der dem germanischen Drama seine kraftvollste Gestaltung gegeben hat: er las Shakespeare. Und er wurde ihm durch den Unterricht zugeführt, durch den anregendsten und verehrtesten seiner Lehrer, den Philosophen Abel. […]
Nicht als ob er [Schiller, d. Verf.] sich an den englischen Dichter unbedingt hingegeben hätte: er bewunderte die Macht seiner Gestalten, die Fülle seiner Welt- und Menschenkenntnis, die Art, wie den Leidenschaften Sprache verlieh, aber - wer war denn dieser Shakespeare? Wo stand er mit seinem Herzen? So meinte es der junge Schwabe nicht, wenn er dichtete: er wollte nicht hinter seinen Gestalten verschwinden, ihm ein Sprachrohr sollten sie sein, und alles Volks sollte merken, was ihr Schöpfer auf dem Herzen habe.
Und er hatte viel auf dem Herzen an persönlichem Ingrimm, denn er erwachte zum Bewusstsein seiner Eigenheit und ihrer Rechte. Es ist einmal so: man sich in seine Lage einleben, sie sich erträglich zu machen verstehen und doch gerade dann anfangen, sie als unwürdig zu empfinden und gegen sie zu rebellieren. So war es mit Schiller: er hatte sicherlich nicht mehr das drückende Gefühls des Zurückbleibens wie früher; […] Er war ihm achtzehnten Jahr und dürstete nach Freiheit und Selbstbestimmung. Den Ordnungen der Akademie ein Schnippchen zu schlagen, hatte er gelernt, aber war es nicht unwürdig, dass er das nötig hatte? Damals hat er mittelbar oder unmittelbar Gedanken Rousseaus, des großen Genfer Schriftstellers, kennen gelernt. Von den verderblichen Einflüssen der Zivilisation predigte der, aus den freien Kindern der Natur habe sie Sklaven gemacht, ihre Tugenden in Laster verkehrt, darum zurück zur Natur, in und mit ihr soll der junge Mensch aufwachsen, seine Gaben soll der Erzieher sich entwickeln lassen, ihn aber nicht hineinpressen in irgendein Schema. Ja, dann geschah ihm, dem jungen Schiller, himmelschreiende Gewalt! Wer hatte ihn nach Neigungen und Fähigkeiten gefragt, wer fragte noch danach? Eine Dressur war sein tägliches Leben - und wie lange lag noch der ersehnte Tag der Freiheit hinaus"
Wen musst er aber für all das verantwortlich machen? Den Herzog. Nun hätten Karl Eugens imponierende Persönlichkeit, so manche gelegentliche Freundlichkeit, mancher Scherz den natürlichen Gegensatz verringern können, aber begnügte er sich ja nicht; er wollte laut verkündete Dankbarkeit. Der junge Schiller wird oft genug bei den Akademiefesten die Reden seiner Genossen angehört haben: was muss er empfunden haben bei der dick aufgetragenen Schmeichelei, was bei dem Gedanken, dass ähnliche Lobhudeleien eines Tages auch ihm zugemutet werden könnten! […]‘
Solche Gedanken klingen mit in dem zweiten Gedicht, das der Jüngling im 'Schwäbischen Magazin' (1777) veröffentlichte und das 'Der Eroberer' heißt. Die Dichtung hält Gericht ab über einen Großen der Erden, über den Kriegshelden, der um seines Ruhmes, seine Macht willen Staaten zerstört und Völker knechtet, dem Menschenleben ein Spiel und Spott sind. Ihm flucht er mit allem Pathos Klopstockscher Odensprache - gäbe es denn aber in seiner Gegenwart solcher Völkergeißel?
Nein, und literarische und geschichtliche Erinnerungen hätten am Ende nicht genügt, um dem jungen Dichter gerade diesen Stoff zu führen, wenn er nicht in nächster Nähe einen Mann gesehen, seinen Druck empfunden hätte, der an despotischem Wollen, an Rücksichtslosigkeit gegen das Glück anderer es mit seinem 'Eroberer' aufnahm. Diese Stimmung kann nur vertieft worden sein, als man auf der Akademie von Schubarts Schicksal, das ihn gerade jetzt traf, hörte, als gleichzeitig des unglücklichen Mannes Sohn, Ludwig Schubart, in die Akademie aufgenommen wurden und da nun im allgemeinen Chor von Dankbarkeit gegen den Kerkermeister seines Vaters überzufließen hatte.
Die Stimmung, aus welcher 'Der Eroberer' hervorgegangen war, suchte sich weiter Luft zu machen, und ein günstiges Geschick gab dem jungen Dichter den geeigneten Stoff an die Hand. Freund Hoven machte ihn auf eine Erzählung eben jenes Schubart aufmerksam; von zwei feindlichen Brüdern handelte sie, und nach des Freundes Idee sollte die Geschichte dazu dienen, darzustellen, wie das Schicksal zur Erreichung guter Zwecke auch auf den schlimmsten Wegen führe. Aus diesem löblichen Zwecke wurde freilich nicht viel: all der Zorn und Ingrimm, all die Nöte eines leidenschaftlich bewegten jugendlichen Herzens wurden in dies Gefäß gegossen, und so entstand in jahrelanger Arbeit keine gutmütige Rechtfertigung des Wettlaufs, sondern jene gewaltige, die tiefsten Gegensätze des Menschenlebens aufwühlende Dichtung, 'Die Räuber'.
Aber vorläufig hieß es ein Doppelleben führen. Was ihm am Herzen lag, die eigenste Dichtung, musste heimlich´, in abgestohlenen Stunden, gefördert werden, und selbst darin musste er sich Maß auferlegen, denn die Anforderungen des Fachstudiums wuchsen, und er wollte ihnen genügen.[…]
Der Kandidat der Medizin schloss seinen Bildungsgang mit einer in erster Linie philosophischen Abhandlung ab; [....]
Was sonst noch an Prüfungen und Disputationen abzumachen war, wurde erledigt: Seit dem 9. Dezember (1780) fanden sie mit dem üblichen Gepräge statt, und der 14.Dezember war dann der Tag der Preisverteilung und Entlassung aus den Räumen, die ihm verhasst und vertrat, lieb und leid geworden waren. Die Akademie hatte an ihm getan, was ihres Amtes war; draußen sollte nun der Eleve zeugen, was in ihm steckte. Er hat es gezeigt, und trotz allem darf sich Karls Anstalt dieses Zöglings rühmen. Nicht nur dass sie ihm die treffliche philosophische, die umfassende allgemeine Bildung gab, die in diesem Geiste schließlich das Gemäße war, nicht nur dass auf ihr, in ihrer männlichen Umgebung, ihrem soldatischen Betriebe, der dem Dichter ans sich gar nicht zusagte, sich das Erbe des Vaters, jener starke, fast kriegerische Geist, in ihm unwillkürlich entfalten konnte und so sich ihm jener männliche Charakter ausprägte, dessen Männer sich immer wieder freuen - die Akademie hat uns gerade diesen Dichter Schiller, so wie er dem deutschen Volke ein Heros geworden ist, gegeben. Ob sie das wollte, ist eine ganz andere Frage.
In schnödester Vergewaltigung eigensten Wunsches war er ihr Schüler geworden und geblieben; gegen ihren weit über das Knabenalter hinausreichenden Zwang zu militärischer Disziplin in unmilitärischen Dingen befand sich sein werdendes Selbstbewusstsein in steter Fehde, die er doch im stillen Busen bewahren musste; die Einmischung des Herzogs, der Zwang zu höfischer Schmeichelrede und erheuchelter Dankbarkeit gaben der Stimmung noch eine politische Beimischung: aus allem ergab sich als Frucht der herzoglichen Schule, der Pflanzstätte vielgetreuer Beamten, bei Schiller eine geradezu revolutionäre Gesinnung, ein Aufbäumen gegen die Zustände in Staat und Gesellschaft, das in seiner Jugenddichtung seinen hinreißenden Ausdruck fand. […] Auch auf Klosterschule und Stift wäre aus Schiller ein Dichter geworden, und eine hellere Jugend wäre ihm im Ganzen wohl auch beschert gewesen; aber nimmer wäre Karl Moor in die böhmischen Wälder gegangen, nimmer wäre über Fürstenwillkür und Ministerhochmut das Gericht in 'Kabale und Liebe' gehalten worden. […] Sein Volk darf im Zwange der Akademie, in der Willkür ihres Stifters eine Fügung des Schicksals sehen. Das Eisen, das in dieser Schmiede geschmiedet war, erwies sich als hart, und eine weichmütige Zeit konnte es brauchen. 

(aus: Ludwig 1912, S.40-56, gekürzt)

 
   
   Arbeitsanregungen

Untersuchen Sie die Darstellung unter folgenden Gesichtspunkten:

  1. Welche Ereignisse und Erfahrungen prägen nach Ansicht Ludwigs Schillers Zeit auf der Karlsschule?
  2. Was erfährt man über das Leben in der Karlsschule, was nicht?
  3. Wie beurteilt Ludwig die Zeit Schillers auf der Karlsschule im Hinblick auf seine weitere Entwicklung?
  4. Die Biographie Ludwigs ist im wilhelminischen Kaiserreich verfasst und kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschienen. Lassen sich zeitbedingte Einflüsse an der biographischen Darstellung Ludwigs ausmachen?
  5. Verfassen Sie eine Kritik an der Darstellung Ludwigs aus heutiger Perspektive.

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

     
   
   

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de