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Friedrich Schiller

Schillers Lehrer an der Lateinschule in Ludwigsburg

Rudolf Krauß (1905)

 
 
[...] Sein erster Präzeptor, Abraham Elsäßer, war am 9. Februar 1735 zu Bittelbronn im heutigen Oberamt Neckarsulm geboren, also zur Zeit, da er Schiller unterrichtete, gegen 32 Jahre alt. Die Ludwigsburger Stelle war sein Anfangsdienst. Er hielt Sommers wie Winters täglich fünf Stunden und außerdem eine regelmäßige »Repetizstunde«, welche ihm quartaliter mit einem Gulden bezahlt wurde. In letzter wurden die Hausaufgaben angefertigt, was für Eltern und Schüler gleich bequem war. Wer irgendwie das Extrahonorar auftreiben konnte, ließ seinen Sohn diese im Schullokal abgehaltene allgemeine Privatstunde besuchen, schon darum, weil der Präzeptor selbst auf möglichst zahlreiche Beteiligung Wert zu legen pflegte. Gewiss hat auch Schiller diese Sitte mitgemacht, so dass er in der ersten Klasse täglich sechs Stunden zu sitzen hatte. Ebenso verhielt es sich mit der Stundenzahl in der zweiten und dritten Klasse, nur dass da noch die Extralektionen für die Landexamenkandidaten hinzukamen. Die Zeugnisse über Elsässer lauten recht günstig. Zum Beispiel 1768: "Testimonium im Fleiß, Zucht, Wandel und Ehe ist durchgängig gut, auch besonders an seinen Schulaufgaben nichts auszusetzen.“ Oder 1773: "Hat gute Schulaufgaben, auch hinlängliche studia; appliziert sich ernstlich und führt eine ordentliche Schulzucht, Wandel und Ehe.“ In letzterem Punkt passten die geistlichen Schulinspektoren den Präzeptoren besonders scharf auf. Im Visitationsbericht von 1779 ist einem ähnlichen Lob beigefügt: "Ist seit einiger Zeit nicht mehr so unruhig als vormals.“ Wir haben uns also Schillers ersten Ludwigsburger Lehrer als etwas nervös vorzustellen. Hervorgehoben wird ferner an ihm, dass er die Musik treibe und doziere. Hoven schildert Elsässer al einen ersten, etwas strengen Mann, der aber seine Schüler freundlich behandelt habe. Nach Christophinens Bericht war er über den guten Anfang von Schillers Kenntnissen sehr zufrieden, und dieser lernte bei ihm so eifrig, dass er oft nüchtern in die Schule ging, wenn das Frühstück nicht fertig war und die Stunde schlug. Er brachte es – nach derselben Quelle – denn bald auch so weit, dass er einer der ersten in der Klasse war. Aus dem allem gewinnt man den Eindruck, dass der Knabe zum Einstand an keinen von den schlimmen württembergischen Pädagogen geraten war.
Einen solchen sollte er in der zweiten Klasse kennen lernen. Ihr Lenker, der Magister Philipp Christian Honold, geboren zu Kirchheim unter Teck am 15. März 1728, zählte, als Schiller bei ihm eintrat, 39 ½ Jahre. Er versah damals schon seit 1755 sein Ludwigsburger Schulamt, das seine erste Bedienstung war. Er hatte gleichfalls sehr gute Zeugnisse aufzuweisen. 1768 heißt es von ihm: "Hat zwar sehr gute Schul-, doch bessere Predigamtsgaben und Studia; ist in seinem Schulamt ganz fleißig, in der Schulzucht ordentlich, im Wandel exemplarisch, in der Ehe vergnügt; übt sich zuweilen im Predigen mit großer Approbation der Gemeine.“ Im Visitationsbericht von 1773 lautet seine Prädizisierung ähnlich; seine "erbaulichen Predigten“, deretwegen er besonders beliebt sei, werden wiederum hervorgehoben. In beiden Jahren wird vermerkt, er verlange Promotion ins Ministerium ecclesiaticum. Dieser Wunsch wird ihm 1778 erfüllt, in dem er die Pfarrei Erdmannhausen im Oberamt Marbach übertragen erhielt. Er starb am 4 Juni 1787. Honold ließ auch als Lehrer das theologische Element offenbar aufs stärkste hervortreten. Er wird von dem keineswegs unbilligen Hoven (Autobiographie, Nürnberg 1840, S. 17f.) als ein Frömmling geschildert, der hauptsächlich auf fleißigen Besuch der Predigten sah, in der deutschen Stunde gewöhnlich christliche Bücher lesen ließ und nicht selten förmliche Katechisation hielt, der die Knaben nachträglich im Lateinunterricht durchprügelte, wenn sie die geistlichen Lieder, die er sie auswendig lernen ließ, nicht hatten fertig hersagen können. Dieses Regiment empfahl den Prügelpädagogen natürlich bei den geistlichen Scholarchen im Stile Zillings, und man darf sich darum über die guten Zeugnisse Honolds nicht wundern.*
Oberpräzeptor Friedrich Jahn, am 25. Dezember 1728 in Brackenheim geboren, war 1750 Oberpräzeptor in Neuenstadt am Kocher, 1763 in Lauffen, 1767 in Ludwigsburg geworden. Wir haben schon vernommen, dass er im Juni 1771 an die Militärakademie auf der Solitude versetzt wurde, und werden noch von seiner im Juli 1775 erfolgten Zurückversetzung an die Ludwigsburger Lateinschule hören. Er starb in Ludwigsburg am 22. August 1800 an der Wassersucht. Im Jahre 1768 stellte ihm Dekan Zilling das Zeugnis aus: "Hat treffliche Schulgaben und Studia, einen unverdrossenen Fleiß im Amt, ordentliche Schulzucht, unsträflichen Wandel und friedliche Ehe.“ Der Visitator bemerkte dazu, er wisse dem Oberpräzeptor keine anderes Zeugnis zu geben, als ihm der Dekan gegeben habe. Ausdrücklich wird in demselben Visitationsbericht von Jahn hervorgehoben, dass er die Musik verstehe, sie aber nicht doziere. Erst neuerdings ist bekannt geworden […], dass Jahn im Jahre 1769 Absichten auf die damals erledigte Ludwigsburger Stadtorganistenstelle hatte, die dann Schubart erhielt. Und zwar wurde eine dauernde Vereinigung dieses musikalischen Postens mit dem Ludwigsburger Oberpräzeptorate angestrebt. Der mit Jahn befreundete Dekan Zilling unterstützte den Plan. Das Oberamt und der Stadtmagistrat zu Ludwigsburg erklärten sich jedoch dagegen, weil der Oberpräzeptor mit seinem Schuldienste genug zu schaffen habe, mithin durch diese neue Stelle, welche auch ihren eigenen Mann erfordere. daran sehr verhindert und das Ludwigsburger Schulwesen sehr vernachlässigt würde. So unterlag Jahn mit seiner Bewerbung. Wahrscheinlich hatte ihn dazu hauptsächlich seine missliche Finanzlage veranlasst; es heißt. er sei zeitlebens aus den Schulden nicht herausgekommen. Seine spätere Tätigkeit an der herzoglichen Militärakademie, über die sich aus dieser Anstalt mancherlei beibringen lässt, eingehender zu schildern, würde zu weit führen; er ist an der Organisation des Lehrplans einigermaßen beteiligt gewesen. Ohne Frage war Jahn der bedeutendste unter Schillers Ludwigsburger Lehrern. " Ein kalter, rauer, murrsinniger Polterer, doch ein regelfester, nicht unverdienter Sprachgelehrter“ – so urteilte Petersen über ihn (Morgenblatt für gebildete Stände 1807, Nr. 164). Gegen diese Schilderung wandte sich Elwert sofort nach ihrem Erscheinen in einem Brief an Petersen vom 10. Juli 1807. Hoven in seiner Autobiographie (S. 18f.) erteilt Jahn als Pädagoge wie als Menschen ein gleich ausgezeichnetes Lob und rühmt unter anderem an ihm, dass er ganz in seinem Schulamte aufgegangen sei und nicht, wie Honold, nebenbei gepredigt habe. Er imponierte nach Hovens Zeugnis nicht nur durch reiches Wissen, sondern auch durch hohe Würde, ruhigen Ernst und Konsequenz im Unterricht und wirkte nach den verschiedensten Richtungen anregend. Wir werden Hoven und Elwert um so mehr Glauben schenken dürfen, als beide Jahns Unterricht schon in Ludwigsburg genossen hatten, Petersen nur auf der Solitude, und letzterer ohnehin zu billigen Urteilen allzu geneigt war. Auch das zeugt für Jahn, dass Schiller, als er sich 1793/94 in Ludwigsburg aufhielt, mit ihm verkehrte. Wir stellen uns also mit Fug und Recht diesen dritten Ludwigsburger Lehrer des Dichters als eine würdige Persönlichkeit vor. […]
Jahns Nachfolger, Magister Philipp Heinrich Winter, hat am 29,. Mai 1744 zu Esslingen das Licht der Welt erblickt; das Ludwigsburger Oberpräzeptorat war seine Anfangsstelle. Er vertauschte es 1788 mit der Pfarrei Hohenacker im Oberamt Waiblingen, kam 1800 als Pfarrer nach Öschelbronn im Oberamt Herrenberg und starb am 11. Mai 1812. Im Kirchenvisitationsbericht von 1773 heißt es von ihm: " Hat treffliche dona didacta, auch gute ministerialia, wie er sich dann auch im Predigen und Katechisieren öfters übt: die Studia sind ebenfalls gut, sowie seine Applikation im Amt und seine Schulzucht; sein Wandel und Ehestand ohne Klage.“ Der Visitator bestätigte dieses Lob des Dekans, das sich im Vistationsbericht von 1779 in verstärkten Ausdrücken wiederholt. Offenbar gravitierte Winter, ähnlich wie Honold, nach der theologischen Seite, und das war von Übel. Auch in der gewandten Handhabung des strafenden Bambusrohrs scheint dieser Oberpräzeptor dem Präzeptor der zweiten Klasse geähnelt zu haben. Wenigstens weiß eine von Petersen überlieferte Anekdote (Neuer literarischer Anzeiger 1807, Nr. 49, Spalte 780f.) zu berichten, dass Schiller einmal von Winter, und überdies noch unschuldig, harte Stockschläge bekommen habe, von denen auf seinem Rücken deutliche Spuren zurückgeblieben seien. Wenn der Lehrer sich nachträglich beim alten Schiller entschuldigen zu müssen glaubte, kann ihn dazu ebenso gut Angst, der Vater möchte sich beschweren und ihm Ungelegenheiten bereiten, als Reue über seine ungerechtfertigte Grausamkeit bewogen haben. Jedenfalls hat der junge Schiller in Ludwigsburg das ganze Elend der in württembergischen Lateinschulen üblichen, auf ein rohes Prügelsystems gestützten Geistesdressur auskosten müssen.

 

* Elwert schreibt: "Unser Präzeptor war Honold, ein sehr frommer, maliziöser und dummer Mann, der den Stecken weidlich zu führen wusste. Dieser drohte, uns durchein zu bläuen, wenn wir (Schiller und Elwert, beim Aufsagen des Katechismus in der Kirche) ein Wort fehlten.“

(aus: Krauß, Rudolf (1905), Friedrich Schiller in der Ludwigsburger Lateinschule, in: Marbacher Schillerbuch (1905), S. 189-200

 

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie die Unterschiede der drei Lehrerpersönlichkeiten heraus.

  2. Welchen Einfluss haben sie auf die Entwicklung Friedrich Schillers genommen?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

     
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