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Zur
Interpretation
des 10. Kapitels von
Bernhard Schlinks Roman »Der
Vorleser« könnte die folgende
mehrteilige Arbeitsanweisung gestellt
werden:
Was ist bei diesen Arbeitsanweisungen verlangt?
Ganz allgemein gilt: Eine mehrteilige Arbeitsanweisung ist stets nur ein
Hinweis auf die Gesichtspunkte, die bei der Interpretation in jedem Fall
behandelt werden müssen. Zugleich stellt sie meistens eine Art
"Fahrplan" dar, nach der eine Interpretation aufgebaut sein sollte.
Die meistens durchnummerierte Form der Arbeitsanweisung darf aber nicht so
aufgefasst werden, als handle es sich dabei um einzelne Aufgaben, die wie
in einer Klassenarbeit, z. B. in Biologie, nacheinander "abgehakt" werden
können. Alle Teile zusammen geben das Ganze des Interpretationsaufsatzes,
der ein zusammenhängendes Textganzes darstellt. ad 1)
Grundsätzlich geht es bei dieser Aufgabe darum, die zu analysierende und zu interpretierende Textstelle in ihren inhaltlichen und strukturellen Bezügen zum Gesamttext zu betrachten. (vgl. FAQ: Wie ordnet man eine Textstelle ein?) Im vorliegenden Fall des 10. Kapitels des "Vorlesers" bedeutet dies:
Wie geht man vor? Zunächst einmal muss man natürlich erfassen, worum es im 10. Kapitel des Romans geht. Dies lässt sich u. a. durch die Beantwortung der folgenden Fragen klären:
Als kurz gefasste Antwort auf diese Fragen lässt sich festhalten: Die Auseinandersetzung, die zwischen Hanna und Michael wegen der
Geschehnisse während der frühmorgendlichen Straßenbahnfahrt nach
Schwetzingen zu Beginn der Osterferien stattfindet, stellt den ersten
ernsthaften Streit der beiden dar, wenn man von der Auseinandersetzung
um das Schulschwänzen Michaels (Teil I, 8. Kap., S.36) absieht. Michael
sieht sich in seinen Motiven missverstanden und von Hanna zu Unrecht
verletzt und gedemütigt. Er ist auf dem Heimweg von seinen Gefühlen so
überwältigt, dass er länger weint. Als er Hanna gegen Mittag zu Hause zur
Rede stellen will, dreht Hanna den Spieß um. Sie macht Michael nun
ihrerseits die heftigsten Vorwürfe. Zugleich droht sie ihm mit
Liebesentzug und fordert ihn mit klaren Gesten auf zu gehen. Sie tut dies,
obgleich Michael völlig verunsichert beginnt, den Fehler allein bei sich
zu suchen, und sich entschuldigt. Eigentlich entschlossen, für immer zu
gehen, verlässt Michael Hanna, kehrt aber nach einer halben Stunde wieder
zurück und nimmt alle Schuld auf sich. Mit dem Ritual ihres sexuellen
Zusammenseins gewährt ihm Hanna, ohne dass offenbar weitere Worte nötig
sind, ihre Verzeihung. Sie beantwortet Michaels verunsicherte Frage
danach, ob sie ihn liebe, sogar mit einem gestischen Ja. Dem erzählenden
Ich des reifen Michael Berg erscheint freilich das, was sich an diesem Tag
ereignet hat, besonders wichtig. Es erkennt, dass es sich an diesem Tag um
eine strategische Niederlage in einem von Hanna unter Umständen bewusst
inszenierten Machtspiel gehandelt hat: Von diesem Tag an, so urteilt
Michael Berg im Nachhinein, habe er Hanna gegenüber stets bedingungslos
kapituliert. Sein Versuch, mit Hanna schriftlich in Form zweier Briefe
darüber ins Gespräch zu kommen, scheitert: Hanna ist schließlich
Analphabetin. Hat man so erfasst, worum es in der Textstelle geht, muss man sich an
die Einordnung des Geschehens in den Gesamtverlauf der Handlung machen.
Das bedeutet zunächst einmal, den Inhalt des Romans zu überblicken und
zusammenzufassen. Dabei soll aber der Inhalt des Romans keineswegs
seitenlang ausgebreitet und jede Einzelheit erwähnt werden. Die
Gesamthandlung muss in ihren wesentlichen Zügen skizziert und jene
Gesichtspunkte daraus besonders hervorgehoben werden, die für das
Verständnis des Kapitels besonders wichtig sind. Die Leistung, die hier
erbracht werden soll, ist also nicht der Nachweis darüber, dass man den
Text bis zum Ende gründlich gelesen hat, sondern dass man unter einer
bestimmten Problemstellung - wie hier dem Geschehen im 10. Kapitel -
das Wesentliche aus dem Text "herauslesen" kann.
ad 2) Ohne Aussagekern wird dabei ein kurz gehaltene Inhaltsangabe des zu analysierenden Kapitels verlangt. Dabei sollten Inhalt und Aufbau der äußeren und inneren Handlung des Kapitels berücksichtigt werden. Äußere Handlung bedeutet dabei das, was sich als Getanes oder Geschehenes von außen betrachten lässt, innere Handlung das, was die Personen, hier natürlich nur der Ich-Erzähler selbst, denken. Wenn sowohl der Inhalt, als auch der Aufbau der inneren und äußeren Handlung dargestellt werden soll, muss man die Handlung in Sinnabschnitte einteilen. Am besten stellt man diese Beschreibung des Aufbaus an den Beginn, ehe man sich dann, noch einmal darauf zurückgreifend, dem Inhalt des jeweiligen Sinnabschnittes wieder zuwendet. Bei diesem Arbeitsauftrag geht es zunächst darum, das Kapitel unter
einem systematischen Blickwinkel zu beschreiben und zu analysieren. Dies
erfolgt systematisch, getrennt für Hanna und Michael, und unter
klarem
Textbezug, der durch
sinngemäßes und
wörtliches Zitieren hergestellt wird. (vgl.
FAQ: Wie funktioniert das eigentlich mit einem korrekten Textbeleg?) Dieser Arbeitsauftrag der Arbeitsanweisung lenkt den Blickwinkel auf den Stellenwert des im 10. Kapitel stattfindenden Geschehens für die weitere Handlung. Auch an dieser Stelle wird ein systematischer Ansatz verlangt, der bestimmte Gesichtspunkte der weiteren Handlung herausgreift, die am Text belegt, den Blick auf die Gesamtinterpretation des Textes richten. |
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Arbeitsanregung:
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