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Bernhard Schlink: Der Vorleser

Die Reifeprüfung, USA 1967

Zum Vergleich mit dem Film

 
 
  Bis Mitte der der 60er Jahre herrschte im Hollywood-Film, was Sex anbelangte, eine von konservativen Strömungen bestimmte prüde Scheinheiligkeit. In diese von verstockten Rollenklischees und realitätsferne Benimmvorstellungen  geprägte  "heile Welt", platzte im Jahre 1967 Mike Nichols' Coming-of-age-Komödie "Die Reifeprüfung" mit seiner tabuisierten Beziehung zwischen einem adoleszenten College-Absolventen namens Benjamin Braddock (Dustin Hoffmann) und der viele Jahre älteren Mrs. Robinson (Anne Bancroft).
Benjamin Braddock ist soeben mit dem College fertig geworden, fast 21 Jahre alt, und hat keine rechte Vorstellung darüber, was er in Zukunft machen soll. Er ist sein ganzes Leben lang dem gefolgt, was ihm seine Eltern geraten haben und hat sich stets wohlverhalten gezeigt. Jetzt, da er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich eigene Verantwortung für seine Zukunft übernehmen muss, ist er überfordert und vollkommen ratlos.
In dieser Situation macht ihm Mrs. Robinson (Anne Bancroft), eine Freundin seiner Eltern, die  das unmissverständliche Angebot für eine sexuelle Äffäre. Nach anfänglichem Zögern nimmt Ben diese offene Einladung zu einer Affäre an und lebt eine Zeitlang zwischen Swimmingpool und Hotelzimmer ziellos in den Tag hinein. Eines Tages allerdings kehrt Elaine, die Tochter der Robinsons, heim und in der Folge entwickelt sich zwischen den beiden jungen Leuten ganz gegen den Willen von Mrs. Robinson eine Liebesbeziehung.
Dieser Plot des Filmes ist relativ knapp und seine Handlung enthält eigentlich wenig Überraschendes, was erklären könnte, weshalb dieser Film so berühmt geworden ist und Kultstatus erlangt hat. Der Grund dafür ist das, was in der ersten halben Stunde des Filmes zu sehen ist, nämlich die Vorstellung Benjamins und und seiner Welt. Da sitzt Benjamin in den ersten Szenen des Films fast verloren in einem Flugzeug, das über die Rollbahn gleitet, und dies so an den Rand der Einstellung gedrückt, dass die Opening Credits noch Platz finden. Dabei veranschaulicht dieser Einstieg in den Film von Anfang an die Passivität, Ziellosigkeit und Willenlosigkeit Benjamins. Zu Hause angekommen trifft er auf seiner Willkommensparty die Freunde seiner Eltern, von denen anzunehmen ist, dass sie auch die - einzigen - Freunde Benjamins sind. Von gleichaltrigen Freunden keine Spur. Die Welt der Erwachsenen hat den angepassten jungen Mann, so scheint es, völlig im Griff. Das geht sogar soweit, dass er, selbst nach einigen gemeinsamen Nächten im Hotelbett, seine Liebhaberin immer noch höflich mit "Mrs. Robinson" anspricht. Von diesem Setting lebt auch die berühmte Szene, in der er im heimischen Swimmingpool sein Geburtstagsgeschenk, einen Tauchanzug, vorführen soll. Er wird dazu von seinen Eltern ins kalte Wasser gestoßen und weiß nicht, was er tun soll.
Mrs. Robinson, die die Initiative zur Affäre ergreift, macht sich bei der Verführung Benjamins dessen sexuelle Unerfahrenheit und Wehrlosigkeit zu nutze und  missbraucht ihn als sexuellen Spielball gegen ihre eigene Langeweile. Anders als von ihr erwartet, schöpft Benjamin aber doch aus der Affäre jenen Mut, den er benötigt, um seinen Gefühlen gegenüber Elaine Ausdruck zu verleihen.
Eine Äußerung Benjamins, mit der er die Frage seines Vaters, was mit ihm los sei, beantwortet, sprach den zeitgenössischen Teenagern mit Sicherheit und wohl auch vielen heutigen jungen Leuten aus der Seele: "I want my future to be ... different" antwortet er und bringt damit seinen Wunsch nach Selbstbestimmung in einer Welt zum Ausdruck, die ihm heuchlerisch und falsch erscheint.  (vgl. Frank Michael Helmle)

Frank Michael Helmle hebt dabei noch andere Qualitäten des Films hervor, die ihn von anderen im Sujet ähnlichen Filmen abheben.
"Wo andere Filme gnadenlos verklären würden, bleibt »Die Reifeprüfung« eisenhart realistisch: Bei aller plötzlichen Willensstärke, mit der Benjamin seine Liebe zu Elaine durchzusetzen versucht, es wirkt doch immer ein bisschen so, als hätte er sich in diese Sache verrannt, weil sie ihm den Halt und die Perspektive gibt, die er so sehr sucht und braucht. Und wenn Ben und Elaine in der berühmten letzten Szene des Films - nach der mutigsten und spontansten Aktion ihres Lebens - im Bus Richtung Zukunft sitzen, hält Regisseur Nichols zwanzig Sekunden länger auf ihre Gesichter, als es ein gewöhnlicher Kollege tun würde - und fängt so ein, wie die Begeisterung des Augenblicks aus ihren Zügen weicht und die Erkenntnis über das Geschehene und das große vor ihnen liegende Ungewisse sich in ihr Bewusstsein schleicht.
Unterstützt durch den viel gelobten Soundtrack (der eigentlich nur aus vier Songs besteht) des damals ultra-angesagten Duos Simon & Garfunkel avancierte "Die Reifeprüfung" sofort zum Kultfilm. Dass er sich bis zum heutigen Tage als einer der wichtigsten, einflussreichsten und besten Streifen seines Genres gehalten hat, ist Beweis genug für die enorme Klasse, mit der hier gearbeitet wurde. Die große »Wohin-soll's-gehen-Frage«, die sich jeder denkende Teenager mehr als einmal stellt, wurde nie so treffend und markant eingefangen wie hier."

 
Die Reifeprüfung (The Graduate)
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 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Worauf ist der Erfolg des Filmes zurückzuführen?

  2. Beschreiben Sie Inhalt und Wirkung des Filmplakates? - Vergleichen Sie die Filmplakate miteinander.

  3. Im Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink beobachtet der jugendliche Michael Berg im Alter von 15 Jahren durch einen Türspalt, wie sich zu Beginn ihrer Affäre die 21 Jahre ältere Hanna Schmidt ihre Strümpfe anzieht. Zeigen Sie die Bedeutung des Nylonstrumpf-Motivs auf:

"Ich wartete im Flur. Sie zog sich in der Küche um. Die Tür stand einen Spalt auf. Sie zog die Kittelschürze aus und stand in hellgrünem Unterkleid. Über der Lehne des Stuhls hingen zwei Strümpfe. Sie nahm einen und raffte ihn mit wechselnd greifenden Händen zu einer Rolle. Sie balancierte auf einem Bein, stützte auf dessen Knie die Ferse des anderen Beins, beugte sich vor, führte den gerollten Strumpf über die Fußspitze, setzte die Fußspitze auf den Stuhl, streifte den Strumpf über Wade, Knie und Schenkel, neigte sich zur Seite und befestigte den Strumpf an den Strumpfbändern. Sie richtete sich auf, nahm den Fuß vom Stuhl und griff nach dem anderen Strumpf. "
 

 
      
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