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Ende Februar 1959 macht sich Michael auf den Weg, um sich auf Wunsch
seiner Mutter bei Hanna Schmitz zu bedanken. Diese Begegnung ist in der
Erinnerung des Erzählers deutlich in zwei Teile geteilt. An das, was sie
in der ersten Zeit während seines Besuchs bei ihr in der Küche gesprochen
haben, kann sich der Erzähler nicht mehr erinnern. Allerdings bemerkt er,
dass Hanna während ihres Gesprächs in der Küche auch ihre Unterwäsche vor
seinen Augen bügelt, was wohl mehr als seine reine Aufmerksamkeit erregt,
denn trotz seines Willens nicht hinzuschauen, kann der davon seinen Blick
nicht abwenden. (S.14) So sehr ist seine Wahrnehmung daran gebannt, dass
er sich zwar noch daran erinnern kann, welche Kleidung sie getragen hat
und wie ihre Frisur ausgesehen hat, aber kein Bild von ihrem Gesicht mehr
vor Augen hat. Zwar glaubt das erzählende Ich zu wissen, dass der junge
Michael das Gesicht schön gefunden habe, doch muss es versuchen, dieses
Gesicht mit einer nüchternen Beschreibung zu "rekonstruieren", weil sich
die späteren Gesichter Hannas über diese Eindrücke gelegt hätten. Damit
wird aber zugleich auch ausgedrückt, dass die Wiedergabe des Geschehens
aus der Perspektive des erlebenden Ichs, zumindest in diesem Falle, durch
die Wahrnehmung des erzählenden Ichs getrübt ist.
Was hier erzählt wird, trägt deutlich die "Handschrift" des erlebenden
Ichs. Geradezu atemlos verfolgt der junge Michael auch die kleinste
Bewegung, was sprachlich mit einer nur von Kommas unterbrochenen
Aufzählung unterstrichen wird. Die erotische Wirkung dieses Motivs ist
durch die Werbung, aber auch durch Filme wie "Die
Reifeprüfung" (Regie: Mike Nichols, USA 1967) mit Dustin
Hoffmann und Anne Bancroft hinlänglich bekannt und wird dort, allerdings
in etwas anderer Form, sogar
in verschiedenen Filmplakaten in Szene gesetzt.
In der Zeit nach seinem Erlebnis beim ersten Besuch bei Hanna durchlebt
Michael Nächte, in denen seine erregenden Phantasien immer wieder zu
Samenergüssen im Schlaf führen. Auch wenn nicht explizit gesagt wird, dass
sich dieses Phantasien unmittelbar um Hanna drehen, so ist doch davon
auszugehen, dass die "Bilder und Szenen", von denen die Rede ist, damit in
Zusammenhang stehen. Diese erzeugen in dem Jugendlichen, insbesondere weil
er auch bewusst solchen Phantasien nachhängt, ein "schlechtes Gewissen".
(S.20) Solche Gewissensbisse sind angesichts der in dieser Zeit
herrschenden Moral, die die Masturbation im Allgemeinen noch als
unmoralisch, selbstsüchtig, ja widernatürlich angesehen hat. Dennoch
fürchtet Michael nicht für seine "Geheimnisse der Kindheit" von Mutter und
Schwester und sogar von seinem Pfarrer offenen Tadel zu bekommen, während
er aber zugleich die stattdessen antizipierten liebevollen und besorgten
Ermahnungen als noch größeres Übel empfindet. Hinter diesem Gefühl steht
dabei wohl der Anspruch von den Erwachsenen nicht mehr als Kind behandelt
werden zu wollen.
Kein Wunder, dass derartige Überlegungen dem erwachsenen Michael Berg wie "Vernünfteleien" vorkommen, mit denen er als Jugendlicher sein "schlechtes Gewissen zum Schweigen gebracht" habe. Zugleich aber spürt das erzählende Ich heraus, dass diese allein die Entscheidung, Hanna erneut aufzusuchen, nicht hinreichend motivieren bzw. erklären können. So stellt der Erzähler ernüchtert fest: "Ich weiß nicht, warum ich es tat." (S. 21) Die Erklärung dafür sieht er in einem sein ganzes Leben durchziehenden Muster von Denken und Handeln: "Ich denke, komme zu einem Ergebnis, halte das Ergebnis in einer Entscheidung fest und erfahre, daß das Handeln eine Sache für sich ist und der Entscheidung folgen kann, aber nicht folgen muß. [...] Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will [...]". (S.21f.) Das Handeln hat, so führt er weiter aus, für ihn stets "seine eigene Quelle" und folgt für ihn erfahrungsgemäß nicht zwingend aus einem kognitiven Entscheidungsprozess.
Als Michael von Hanna aufgefordert wird, seine Sachen auszuziehen, zögert
Michael zunächst, überwindet aber, als er bemerkt, dass die Badewanne fast vollgelaufen ist, seine natürliche Scham. Doch als Hanna entgegen ihrer
Versicherung, sie werde nicht hinschauen, ihn doch genau mustert, wird er
rot. Nachdem er sich in Abwesenheit Hannas selbst den Schmutz vom Körper
abgewaschen hat, spürt er eine Erektion, die er auf das Gefühl eines nicht
näher bezeichneten "erregenden Behagens" zurückführt. (S.26) Die Tatsache,
dass er diese Regung in dieser Situation keineswegs mit Hanna verbindet,
zeigt, dass er sich den sexuellen Kontakt mit Hanna eigentlich überhaupt
nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will oder aber eine solche
Vorstellung nicht zulassen kann. So wendet er Hanna, als diese mit einem
Badetuch zurückkommt und ihn abtrocknen will, schamhaft den Rücken zu, als
sie ihn abtrocknet. Wie gelähmt bleibt er stehen, als sie damit fertig
ist, womöglich aus Scham ebenso wie wegen Erwartung, was nun passieren
würde. Jedenfalls gewinnt man den Eindruck, dass das Abtrocknen von ihm
als erstes Signal für Hannas sexuelles Interesse an ihm gedeutet wird. Als
er dann spürt, dass sich Hanna ebenfalls auszogen hat und sie ihm zugleich
unterstellt, dass der Wunsch nach Sex mit ihr ja schließlich das Motiv
seines Besuches sei, ist er völlig konsterniert und sprachlos. So bleibt
er von der Situation und dem Anblick der nackten Frau, nachdem er sich
umgedreht hat, so überwältigt, dass er lediglich eine Äußerung über ihre
Schönheit herausbringt, die von Hanna mit der Bemerkung: "Ach, Jungchen,
was redest du." abgetan wird. Stattdessen beginnt sie mit Liebkosungen des
Jungen, die bei Michael zunächst Angst auslösen, eine Angst, die in der
Vorstellung gipfelt, dass er "ihr nicht gefallen und nicht genügen würde."
(S.27) Damit bricht sich auch die Angst Bahn, den Ansprüchen Hannas im
Allgemeinen und im Sexuellen im Besonderen als unerfahrener Jugendlicher
nicht entsprechen zu können, die Angst davor, als Versager dazustehen, wie
er dies später einmal, in einem allerdings anderen Kontext, selbst
formuliert ("Oder wollte sie keinen Versager als Geliebten?", S. 37)
In der Nacht nach dem ersten Geschlechtsverkehr mit Hanna hat sich
Michael, wie er nüchtern berichtet, "in sie verliebt." (S.28) Das scheinen
ihm die Gefühle und Regungen zu signalisieren, die ihn in dieser Nacht
überwältigen: "Ich schlief nicht tief, sehnte mich nach ihr, träumte von
ihr, meinte, sie zu spüren, bis ich merkte, daß ich das Kissen oder die
Decke hielt. Vom Küssen tat mir der Mund weh. Immer wieder regte sich mein
Geschlecht, aber ich wollte mich nicht selbst befriedigen. Ich wollte mich
nie mehr selbst befriedigen. Ich wollte mit ihr sein." Hin und hergerissen
von seinen sexuellen Phantasien bietet er seine ganze Selbstbeherrschung
auf, um sexuelle Befriedigung durch Onanie zu vermeiden. Angesichts dessen
erscheint die Erklärung, er habe sich in Hanna verliebt, kaum mehr als ein
Deutungsmuster darzustellen, die diese Empfindungen des pubertierenden
Jugendlichen legitimieren sollen. Die ersten sexuellen Erfahrungen, die Michael mit Hanna macht, sind einseitig von Hanna und ihren Bedürfnissen bestimmt und hinterlassen bei Michael ein Gefühl der Verunsicherung. Er kann nämlich nicht recht einschätzen, welche Bedeutung das Ganze für die 21 Jahre ältere Frau überhaupt gehabt hat. Noch nach sechs oder sieben Tagen, an denen sie schon Geschlechtsverkehr miteinander hatten, quälen das erlebende Ich die zwei Fragen: "Aber war ich ihr Geliebter? Was war ich für Sie?" (S.36) Fragen, die zeigen, dass der junge Michael sich eigentlich über die Gründe, die zur Aufnahme sexueller Beziehungen geführt haben, und die Motive für deren Beibehaltung völlig im Unklaren ist. Noch ist er aber auch noch nicht bereit, seine Gefühle für Hanna mit einem Liebesbekenntnis auszudrücken ("Zuerst wollte ich sagen: Ich liebe dich. Doch dann mochte ich nicht.", ebd.) Zwischen beiden ist, das spürt der Fünfzehnjährige heraus, bis dahin, aller sexueller Begegnungen zum Trotz, keine Nähe und auch kein Vertrauen entstanden. Sie kennen nicht einmal ihre Namen und als Michael "die Frau" - so nennt er sie noch am Anfang des 8. Kapitels!- danach fragt, gibt Hanna diesen erst nach einem misstrauischem Zögern preis. Etwa eine Woche nach der ersten sexuellen Begegnung reflektiert Michael Berg in der Rolle des erlebenden Ichs m 8. Kapitel des 1. Teils über seine bis dahin gemachten sexuellen Erfahrungen mit Hanna:
Michael kann mit dem von Hanna ständig wiederholten Duschen und der peniblen Körperreinigung wenig anfangen. Mehr noch: Ginge es nach ihm, dann wäre ihm der Alltagsgeruch Hannas viel lieber. Auch wenn sich Michael darüber an dieser Stelle keine weiteren Gedanken macht, scheint er doch zu spüren, dass die "echte", in den Gerüchen und den Handlungen der Erwachsenwelt agierende Hanna damit, sobald sie sich begegnen, in eine neue Rolle schlüpft, ohne diese für Michael verständlich zu definieren. Andererseits überlagern die in diesem Reinigungsritual vorgenommenen Handlungen, die für Michael stets auch ein Erkunden des weiblichen Körpers unter sexueller Erregung bedeuten, solche Widerstände gegen das Duschritual. Michael betont, dass er selbst gerne von Hanna eingeseift worden sei und er diese gerne eingeseift habe. ... Weiterführende Links:
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