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Christa Reinig, Skorpion

Teilinterpretation

Gert Egle  (1994)

 
 
  Christa Reinig thematisiert in ihrer Parabel "Der Skorpion", erschienen 1968 in "Orion trat aus dem Haus. Neue Sternbilder", die Problematik der menschlichen Identität in einer von vorgeprägten Leitbildern und Vorurteilen geprägten Gesellschaft. Dabei, so scheint es, gibt es keinen Ausweg aus dem prinzipiellen Dilemma zwischen den Ansprüchen des Ich und seiner Natur und denen der Gesellschaft.
In der Parabel versucht ein Mensch, vom Erzähler Skorpion genannt, mit dem Bild, das sich die Gesellschaft von ihm und er sich infolgedessen von sich selbst gemacht hat zurecht zu kommen. Obgleich er ein offenbar sanftmütiges und freundliches Wesen besitzt, scheinen ihm die äußerlichen Merkmale wie Augenstellung, Brauenwachstum, Nasenform und Ohrläppchenart bestimmte negative menschliche Charaktereigenschaften zuzuweisen: Hinterlist, Jähzorn, Neugierde und kriminelle Neigungen. Weil der Skorpion befürchtet in menschlicher Gesellschaft diese Charaktereigenschaften zu zeigen, zieht er sich völlig zurück. Er tut dies, nachdem er sich noch einmal im Spiegel Klarheit über sich selbst verschafft hat. Der Spiegel bestätigt aber nur das bisherige Bild, ja fügt dem einen, jetzt kraft eigener Anschauung neu gewonnen, negativen Aspekt hinzu: den vermeintlich grausamen Zug um den eigenen Mund.
Nach dieser Überprüfung gewinnt die Erkenntnis des Skorpions über sich selbst den Charakter gänzlicher Unveränderbarkeit. Mit der Aussage "Ich bin kein guter Mensch." scheint der Skorpion sich selbst und sein Wesen angenommen zu haben. Er verbirgt sich hinter einer Traumwelt, die aus Büchern besteht, ohne dass ihm allerdings das Bewusstsein von der Realität verloren geht. Ihr muss er sich spätestens dann stellen, wenn ihm der Stoff, die Bücher, auszugehen drohen.
In der Begegnung mit den Menschen bzw. der Gesellschaft kommt es daher unweigerlich zu einer Überprüfung des Bildes, das der Skorpion von sich gewonnen hat. In sechs verschiedenen Situationen stellt er dieses auf die Probe.
Noch in der Erwartung, es könne oder werde ein Unheil geschehen, macht er sich auf den Weg zur Buchhandlung. Zweimal kommt er dabei ungewollt in Kontakt mit den Menschen.
Eine Alltagssituation beim Wechseln von Geld mit einer älteren, kurzsichtigen Frau besteht er, ohne der "hinterlistigen" Versuchung zu erliegen, sie beim Wechseln zu betrügen. Allerdings ist ihm der vermeintliche Charakterzug der Hinterlistigkeit durchaus bewusst.
Weiter kommt es weder zu dem erwarteten Ausbruch von Jähzorn, als der Skorpion das offenkundig unverschämte Verhaltens eines Fremden in der Straßenbahn ertragen muss, noch überwältigt ihn die Neugierde, als er auf der Straße zurück, eine verlorene Brieftasche entdeckt, diese aufzuheben und zu öffnen. Und selbst der große Reiz, sich den Weg in die eigene Traumwelt mit einem gestohlenen Buch zu öffnen, lässt der Skorpion nach kurzer Überlegung fallen und entschließt sich ein minder teures Buch käuflich zu erstehen. Als es ihm zuletzt gar möglich wird, auf ein schon ergriffenes Buch zugunsten eines anderen, daran interessierten Käufers zu verzichten, wähnt er sich in Sicherheit. Nun scheint für ihn der Beweis dafür angetreten, dass das Selbstbild, das er von sich gewonnen hat, nicht unveränderbar ist. In diesem Trugschluss bestärkt er sich dadurch, dass er das Verhalten gerührte Verhalten des Kunden imitiert, dem er zuvor das Buch überlassen hat. Wie dieser beginnt er fast zu weinen und presst, ebenso wie dieser zuvor getan hatte, das Buch mit beiden Händen an sich, das ihm der Buchhändler zu günstigen Konditionen überlässt. Erstmals muss er daraufhin eine Handlung in einer sozialen Situation ausführen, die nicht mehr von ihm kontrolliert wird. Das Nachahmen der Handlungen und Gefühle des Kunden wird ihm und dem Buchhändler zum Verhängnis. Denn, da der Skorpion nun keine Hand mehr frei hat, reicht er dem Buchhändler seinen todbringenden Stachel. Das Selbstbild, in gewissem Sinne auch die wahre Natur des Skorpions, verschafft sich damit wieder gewaltsam sein / ihr Recht. Das Experiment des Skorpions, nämlich herauszufinden, wer er wirklich ist, ist zu Ende. Wie vom Sternbild vorgeben, erfüllt er seine, wovon auch immer abgeleitete Bestimmung.
Die Geschichte Christa Reinigs ist eine Parabel. Die im Verhalten des Skorpions zum Ausdruck kommende Unabänderlichkeit seiner Natur, seiner natürlichen Identität, verweist auf die Unabänderlichkeit der Natur bzw. der "zweiten" Natur des Menschen, nämlich seiner Identität, im Wechselspiel von Fremd- und Selbstbild....

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.09.2014

 

 
 
   Arbeitsanregungen:

Führen Sie die Interpretation fort, indem Sie den Schluss der Geschichte und die gesamte Geschichte berücksichtigen.

 

 
     
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