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Christa Reinig, Skorpion

Texterfassung mit Interpretationshinweisen

Parallelkonspekt

 
 
  Der Text "Skorpion" von Christa Reinig lässt sich mit dem folgenden Parallelkonspekt erfassen:
Er war sanftmütig und freundlich. Gegensatz: Stachel;
Seine Augen standen dicht beieinander. Das bedeutete Hinterlist. Seine Brauen stießen über der Nase zusammen. Das bedeutete Jähzorn. Seine Nase war lang und spitz. Das bedeutete unstillbare Neugier. Seine Ohrläppchen waren angewachsen. Das bedeutete Hang zum Verbrechertum. Fremdbild (so sehen ihn die anderen) oder wirklicher Wesenszug?

Vorurteile: hinterlistig, jähzornig, unstillbar neugierig, kriminelle Veranlagung

Warum gehst du nicht unter die Leute? fragte man ihn. Er besah sich im Spiegel und bemerkte einen grausamen Zug um seinen Mund.
  • Aufforderung zur Überprüfung der Vorurteile

  • Probe vor dem Spiegel, Selbsteinschätzung bestätigt die Vorurteile

Ich bin kein guter Mensch, sagte er. Er verbohrte sich in seine Bücher. Konsequenz: selbst gewählte Isolation
Als er sie alle ausgelesen hatte, musste er unter die Leute, sich ein neues Buch kaufen gehn. Hoffentlich gibt es kein Unheil, dachte er und ging unter die Leute. Die "Probe" unter den Leuten: Verifizierung oder Falsifizierung des Vorurteils?
Eine Frau sprach ihn an und bat ihn, ihr einen Geldschein zu wechseln. Da sie sehr kurzsichtig war, musste sie mehrmals hin- und zurücktauschen. Der Skorpion dachte an seine Augen, die dicht beieinander standen, und verzichtete darauf, sein Geld hinterlistig zu verdoppeln. Situation 1:
  • Begegnung mit der kurzsichtigen Frau

  • Bin ich hinterlistig?

  • "Skorpion" ist ehrlich

In der Straßenbahn trat ihm ein Fremder auf die Füße und beschimpfte ihn in einer fremden Sprache. Der Skorpion dachte an seine zusammengewachsenen Augenbrauen und ließ das Geschimpfe, das er nicht verstand, als Bitte um Entschuldigung gelten. Situation 2:
  • Begegnung mit dem unverschämten Fremden

  • Bin ich jähzornig?

  • "Skorpion" ist geduldig und verzeihend

Er stieg aus und vor ihm lag eine Brieftasche auf der Straße. Der Skorpion dachte an seine Nase und blickte sich nicht und drehte sich auch nicht um. Situation 3:
  • Brieftasche am Boden (Was ist drin?)

  • Bin ich unstillbar neugierig?

  • "Skorpion" ist nicht besonders neugierig

In der Buchhandlung fand er ein Buch, das hätte er gern gehabt. Aber es war zu teuer. Es hätte gut in seine Manteltasche gepasst. Der Skorpion dachte an seine Ohrläppchen und stellte das Buch ins Regal zurück. Situation 4:
  • Versuchung, das teure Buch zu stehlen

  • Bin ich kriminell?

  • "Skorpion" ist ehrlich

Er nahm ein anderes. Als er es bezahlen wollte, klagte ein Bücherfeund: Das ist das Buch, das ich seit Jahren suche. Jetzt kauft's mir ein anderer weg. Der Skorpion dachte an den grausamen Zug um seinen Mund und sagte: Nehmen Sie das Buch. Ich trete zurück. Der Bücherfreund weinte fast. Er presste das Buch mit beiden Händen an sein Herz und ging davon. Situation 5:
  • Möglichkeit, sich gegen einen anderen durchzusetzen

  • Bin ich "grausam" ?

  • "Skorpion" ist rücksichtsvoll, selbst am Rande der Selbstverleugnung

Das war ein guter Kunde, sagte der Buchhändler, aber für Sie ist auch noch was da. Er zog aus dem Regal das Buch, das der Skorpion so gern gehabt hätte. Der Skorpion winkte ab: Das kann ich mir nicht leisten. - Doch, Sie können, sagte der Buchhändler, eine Liebe ist der anderen wert. Machen Sie den Preis. Der Skorpion weinte fast. Er presste das Buch mit beiden Händen fest an sein Herz und, da er nichts mehr frei hatte, reichte er dem Buchhändler zum Abschied seinen Stachel. Der Buchhändler drückte den Stachel und fiel tot um. Situation 6:
  • Buchhändler will den "Skorpion" den Preis machen lassen

  • Bin ich ein guter Mensch?

  • "Skorpion" zeigt sein wahres Gesicht, kann sein Schicksal nicht wirklich selbst aktiv gestalten, ändern; scheitert an der wichtigsten Frage

  • Skorpion kopiert das Verhalten des Kunden, kann die soziale Situation damit nicht mehr kontrollieren, schaltet nicht wie zuvor seinen Verstand ein, sondern handelt intuitiv/instinktiv

  • es liegt keine Mordabsicht vor

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.09.2014

 

 
     
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