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Kurt Marti, Neapel sehen

Interpretationsaufsatz

Beispiel


Bei dem Text "Neapel sehen", der 1960 von dem Schweizer Theologen und Humanisten Kurt Marti geschrieben wurde, handelt es sich um eine Kurzgeschichte. Erzählt wird von einem Arbeiter, der sich nach seinem krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem Berufsleben doch nach der zuvor verhassten Fabrik sehnt. Nach dem Abriss einer selbst erbauten Bretterwand, die ihm von zu Haus die Sicht auf die Fabrik nehmen soll, stirbt er.
Die Kurzgeschichte ist in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders entstanden. Damals gab es wenig Arbeitslose und man lebte, verglichen mit den unmittelbaren Nachkriegsjahren. in verhältnismäßig großem Wohlstand. In dieser Zeit wurde auch der Spruch »Neapel sehen und sterben« geprägt, auf den auch der Titel der Geschichte Kurt Martis hindeutet. Traum eines jeden war es zu dieser Zeit, einmal im Leben nach Neapel zu reisen. Wenn man das erreicht hatte, also den dafür nötigen Wohlstand besaß, dann war sozusagen der Sinn des Lebens erfüllt, dann konnte man letztlich getrost sterben, so glaubte man.
Auch die Hauptfigur in dieser Kurzgeschichte, ein Fabrikarbeiter, lebt in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Mann, ein Malocher im wahrsten Sinne des Wortes, hat das Arbeiten zu seinem eigentlichen, ihm freilich zunächst nicht bewussten Lebenssinn gemacht. Anfangs, als er noch mitten im Arbeitsleben steht, hasst er seine Arbeit und alles, was damit zusammenhängt. Akkordarbeit an einer Maschine ist sehr hart, besonders für ältere Menschen, weil die Bewahrung ihres Lebensstandards direkt davon abhängt, wie viel sie leisten können.
Zunächst deutet also nichts darauf hin, dass der Mann seine Arbeit oder sein Berufsleben insgesamt als etwas Positives, gar wirklich Sinnstiftendes erleben könnte. Eindeutig und klar sind die Aussagen, die der Erzähler aus der personalen Sicht des Mannes über die Arbeit in der Fabrik macht. Alles, was darüber gesagt wird, erfolgt mit dem Ausdruck des Hasses ("er hasste die Fabrik", "er hasste seine Arbeit", "er hasste das Tempo der Maschine", "er hasste die Hetze nach den Akkordprämien" usw.). Ja sogar seine Frau ist ihm immer wieder verhasst, wenn sie ihn auf die psychosomatischen Folgen seiner Arbeit hinweist ("heut Nacht hast du wieder gezuckt"). Sein Hass richtet sich auch gegen jene im Betrieb, die ihn darauf aufmerksam machen müssen, dass er den gestellten Anforderungen nicht mehr völlig gerecht werden kann (Arzt, Meister). So wie ihm die Maschine entfremdet, ja feindselig begegnet, so sind auch die Motive dieser Personen von einer "verlogenen Rücksicht" geprägt.
Trotz alledem scheint der Mann, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er krank wird, mit seinem Leben als Ganzes zurechtzukommen. Er hat sich einigen Wohlstand erarbeitet, kann ein Haus und Gärtchen sein Eigen nennen. Damit und mit Hilfe einer Bretterwand, die ihm von zu Hause die Sicht auf die verhasste Fabrik verstellt, kann er anscheinend sein Berufs- und Privatleben deutlich von einander trennen. Doch der Schein trügt, denn die Zuckungen lassen auch nachts nicht nach und die krankmachenden Folgen seiner Tätigkeit holen ihn nach vierzig Jahren Berufstätigkeit, ein paar Jahre wohl vor der Rente, ein.
Als er nach vierzig Jahren zum ersten Mal krank wird, bedeutet dies einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Er liegt im Bett und betrachtet seinen kleinen Garten. Dort aber fixiert er nur immer wieder die Bretterwand, die Natur davor oder um ihn herum nimmt er gar nicht wahr. Auf einmal stört ihn diese Wand. Er fühlt sich von ihr eingeengt und durch sie in seiner Langeweile bestärkt. So entschließt er sich, die Bretter von seinem hilfsbereiten Nachbarn nach und nach entfernen zu lassen, und gibt sich erst zufrieden, als die Bretterwand völlig verschwunden ist. Jetzt ist der Blick wieder frei auf "seine" Fabrik und der Kranke kann das tägliche Geschehen dort, das ihm nunmehr wie ein Spiel des Lebens erscheint, mit großer, ja "zärtlicher" Anteilnahme beobachten. War die Fabrik während seines Arbeitslebens ein verhasster Ort, so wird sie und das von ihr geprägte Leben nun der einzige wirkliche und sinnstiftende Bezugspunkt des Lebens für den Mann. Was vorher streng voneinander geschieden war, Berufs- und Privatleben, haben nun ihre wahre Sinnmitte im Arbeitsleben gefunden. Die von der Bretterwand nur notdürftig vom Arbeitsleben Privatsphäre hat sich nach dem Niederreißen der Wand hin zum Berufsleben geöffnet. Der Mann erlebt dies mit großer innerer Befriedigung. Auch wenn er ein paar Tage nach dem völligen Entfernen der Wand stirbt, "entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken", als er die Sinnmitte seines Lebens fühlen, sein "Neapel" erleben kann.
Es ist ein trostloses Leben, was hier beschrieben wird. Vierzig Jahre Arbeit, Krankheit, dann Tod. Monotonie im Privatleben und das "Stakkato" des Akkords im Berufsleben beherrschen den ganzen Alltag dieses Menschen. Kaum zu ahnen, wo Ansätze eines selbst gestalteten Lebens zu finden sind. Besonders auffällig ist wie der tiefe Hass, den der Mann vierzig Jahre lang gegen die Fabrik entwickelt hat, schließlich vollends umschlägt in Sehnsucht nach der Fabrik. Dieser Widerspruch kommt wohl daher, dass Gefühle wie Liebe/Sehnsucht und Hass in Wahrheit sehr nahe beieinander liegen und sehr subjektive Gefühle sind. Sie können sich durch eine radikale Änderung der Lebensumstände schnell ändern. Dies geschieht um so mehr, wenn sie, wie im Falle des Mannes mit seiner Hassliebe zur Fabrik ohnehin schon stark miteinander vermengt sind. Für ihn ist das Fabrikgelände auf einmal das gelobte Land, der Ort, an dem alles schön ist, wo man gern wäre. Der heimliche Wunsch, Neapel zu sehen, erfüllt sich in der Umkehrung von Hass zu Liebe gegenüber der Fabrik und damit zu dem das Leben des Mannes wirklich bestimmenden Teiles seiner Identität.
Die erzähltechnischen und sprachlichen Mittel, die Kurt Marti einsetzt, unterstützen die Aussagen der Geschichte.
Bei den sprachlichen Mitteln der Wortwahl fällt zunächst auf, dass Begriffe, die zum Umfeld des Begriffs "Fabrik" gehören (Arbeit, Maschine, Tempo, Akkord, Meister, Hetze) überwiegen, ferner häufige Wortwiederholungen auftreten (Arbeit, zuckten). Der Begriff Hass stellt dabei das Schlüsselwort dar.
Der relativ gleichförmige Satzbau, die Wiederholungen am Satzbeginn (Anaphern) und die kurzen, parataktisch aneinander gereihten Sätze prägen die Aussagen.
Kurt Marti hat mit dieser Kurzgeschichte vielleicht keinen authentischen, aber doch guten Einblick in die Psyche eines Arbeiters in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegeben. Auch wenn dem Leser das Verhalten zunächst seltsam und vielleicht sogar unlogisch erscheint, versteht man es, wenn man sich in das Leben der Hauptfigur hineindenkt. Die Suche nach Lebenssinn und der eigenen Identität kennzeichnet ,das Leben des Mannes. Dabei erscheint es weniger wichtig zu sein, dass der Lebenssinn dieses Mannes dem Leser als in hohem Maße "sinnlos" erscheinen mag. Auch wenn sich im Anschluss an die Lektüre der Kurzgeschichte, die zwar unvermittelt beginnt, aber ein klares Ende findet, Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen können, findet jedes Leben seinen Sinn in sich selbst. Die eigentliche Kunst besteht darin, diesen Sinn zu akzeptieren oder andernfalls Anstrengungen zu unternehmen, einen anderen Sinn zu finden.
 
  
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie das Schülerbeispiel einer Textinterpretation   zu  Kurt Martis Geschichte "Neapel sehen"  und arbeiten Sie die Vorzüge und Schwächen heraus.

  

     
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