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Otto Marchi: Landolts Rezept

Texterfassung

Text Bemerkungen - Interpretationshinweise
Er wagte es nicht, nach Hause zurückzukehren, betrat zum ersten Mal seit vier Jahren wieder einen Spielsalon, in dem nach Schulschluss Hochbetrieb herrschte. Das Geklingel und Geknatter betäubte ihn, es gab nur noch wenige Flipperkästen, das Tischfußballspiel, in dem er bis zur Matura an jedem Mittwoch Nachmittag ungeschlagen blieb, stand unbenutzt in einer Ecke, die meisten Jungen saßen vor quadratischen Bildschirmen und rammten mit ausdruckslosen Mienen Walfischen dicke Harpunen in die Leiber, die berstend zerplatzten, drückten auf rote Knöpfe und feuerten Torpedos auf Kriegsschiffe und Unterseeboote ab, schossen gegnerische Mittelstürmer mit explodierenden Fußbällen in die Luft, versenkten Spione in Liftschächten und knallten sie von den Dächern der Wolkenkratzer.

I. Landolt betritt den Spielsalon
 

personal gehaltener Erzählerbericht

  • Erzähltempus Präteritum

  • parataktische Reihung

  • Verben mit stark aggressivem Bedeutungsinhalt

Zeit der Handlung:

  • nach vier Jahren wieder in einem Spielsalon

  • nach Schulschluss

Personaler Erzähler fühlt sich beim Betreten des Spielsalons unbehaglich, weil Atmosphäre verglichen mit seinen früheren Erfahrungen verändert ist, was sich auch in den Gesichtern der Spieler widerspiegelt;· weil Spielgeräte, an denen er sich früher einmal vor anderen beweisen konnte, für die jetzigen Spielsalonbesucher uninteressant geworden.

Landolt quetschte sich in die enge Fahrerkabine eines Rennwagens, warf den Franken in den Schlitz, stellte den Geschwindigkeitshebel auf medium und umklammerte das Steuerrad. Übergang aus der Realität des Spielsalons in die imaginäre raumzeitliche Deixis des Computerspiels
Übergang von fiktionaler "Realität" in fiktive Spielsituation· bildlich bzw. "realer" Spielautomat: Rennwagen· Einwurf der Münze·

Erzähltempus Präteritum

Als die Karte mit der rot eingezeichneten Rennstrecke erscheint, ertönen blecherne Fanfaren, auf dem Armaturenbrett am Rande des Cockpits blinken große blaue Buchstaben auf average speed 293 km one lap 6 km ein kleines Flugzeug zieht von links nach rechts eine Schrifttafel über den Startplatz hinweg, auf dem die Boliden aufgereiht sind prepare to qualify. Die Startflagge geht nieder und Landolt presst den Fuß aufs Gaspedal, treibt die lahme Kiste mit Vollgas auf die erste Kurve zu, bremst viel zu hart ab, der Horizont steht schief, er klammert sich ans Steuerrad, schlingert mit geschlossenen Augen auf die Strohballen am Rand der Kurve zu, die auseinanderspritzen und den Wagen zurückwerfen. Die Leitlinie in der Mitte der Piste wird zum weißen Strich, die schneebedeckten Vulkankegel vor dem dunkelblauen Himmel schmelzen zu Girlanden zusammen, bei Dreihundertzwanzig beginnt der Bolide zu vibrieren; er rast im Zickzack weiter, verkrampft sich in die Speichen und stampft wütend aufs Pedal, wenn ein anderer Wagen haarscharf an ihm vorüberwetzt und ihm dicke Abgaswolken ins Gesicht pufft, die ihm für Sekunden die Sicht vernebeln hurry up sitzt wieder in Helens knallrotem Cabriolet, das er noch vierzehn Tage behalten darf, bevor sie wieder zu einem ihrer Kerle zieht, hämmert wieder mit der Faust aufs Lenkrad, will die Karre wieder zu Bruch fahren, reißt den Fahrthebel auf champion hinunter und der Wagen hechtet nach vorn, schießt haarscharf an der Reklametafel vorbei, die Vibrationen haben aufgehört, Landolt sitzt in einer Rakete und malt elegante Bögen aufs Pflaster, genießt es wieder, wenn die Räder an den Randstein krachen und knallt sich wieder von der Seite der Straße auf die andere hinüber und freut sich am aufschrillenden Dröhnen und Rumpeln der dicken Räder, die er auf den rotweißen Asphaltrillen der Pistenbegrenzung so lange rasiert, bis sich der Wagen verlangsamt und die anderen Boliden an ihm vorüberschießen you’re slow hurry up kann endlich überholen, schiebt sich langsam an Jakobs Güllenwagen vorbei, zwängt sich in die Kurve mit einem Ruck vor dessen Kühlerhaube, stemmt sein Gewicht aufs Bremspedal, die Räder schleifen funkenstiebend über den Asphalt und Jakobs Karre fliegt im Bogen über die Kurve hinaus und explodiert krachend in einem gezackten Feuerball bonus bonus und Landolt rast weiter, trickst sich an Barbaras aufgeplusterter Ente und Idas Leichenwagen vorbei als erster in die Doppelacht, die er pfeilgerade über Wiesen hinweg durchschneidet, und fliegt unter dem Geschrei der Zuschauer auf den Tribünen über die Ziellinie hinweg you’re qualified-prepare for competion

II. Spielrunde 1

Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens: Übergang von Realität in Spielwelt, imaginärer Zeitbegriff während des Spiels, indem es selbst doch so sehr auf Zeit ankommt;

umgangssprachliche Wendungen mit abwertendem Bedeutungsakzent: Kerle, Karre

Landolt spielt in der gleichen Weise aggressiv wie die anderen Spieler um ihn herum

zunehmende Preisgabe der Regeln von Syntax und Zeichensetzung entspricht dem Verlust der über das Spiel hinausgehenden raumzeitlichen Koordinaten der fiktionalen Realität im Bewusstein Landolts.

Er drückt den zweiten Franken zitternd in den Schlitz und schiebt sich millimetergenau gleich ins vordere Drittel vor, hängt sich ans Hinterrad der Ente, jagt sie am Ende der Startgeraden in die Linkskurve hinein, die sie gerade noch schafft, drosselt das Tempo, hat auf einmal Zeit, braucht nichts mehr zu überstürzen, weiß, dass bald die zweite Gerade kommt, lässt ihr bei der Schikane den Vortritt, hängt sich an ihr aufreizendes Heck, lässt sich nicht abschütteln und nicht austricksen, zwängt sich nach der Schikane an ihr vorbei, trampelt mit beiden Füßen aufs Pedal und haut mit den Fäusten you’re winning aufs Lenkrad, bis er den Wagen näher an sie heransteuern kann und sich seine Radnabe langsam in ihre bohrt und sie bonus bonus vor der nächsten Kurve abbremsen muss, übers Gras schleudert und in einem Zackenblitz verdonnert; jetzt weiß er, dass er unschlagbar ist faster you’re winning und als der Hornissenschwarm der Weiber von hinten wieder über ihn herfällt und ihn zwischen sich zerquetschen will, rammt er seine spitze Kühlerhaube frontal ins Heck des Leichenwagens bonus bonus schleudert mit Powerplay zu Ruths Panzerambulanz hinüber, knallt bonus Rosas Schlammsauger an die Reklametafel, ist endlich allein, rast weiter übers Asphaltband ‑ und die weißen Kegelberge hüpfen wie Kängurus vorbei, an deren Fuß eine Flagge langsam größer wird, gelb wird, zu blinken beginnt slow down slow down und der Wagen beginnt zu schlittern und zu schleudern, die Öllache ist groß wie ein See, er stampft den Bremshebel mit beiden Füßen fast durch den Boden der Kabine, überschlägt sich und kracht bei den Boxen der Kabine kopfüber auf die Leitplanken game over you’re dead

III. Spielrunde 2

1. Penetrationsbild (Erregung) = männliche Dominanz

Tempus Präsens

a) L. gewinnt Sicherheit im Spiel und gegenüber den in das Spiel projizierten Personen seiner fiktionalen Realität

 

 

 

 

 

2. Penetrationsbild: 

  • rammt Idas Leichenwagen

  • Ruth (Panzerambulanz?) als Frau, die sich L. Penetrationswünschen widersetzt und ihn wie einen Kranken behandelt; 

  • Rosa, die ihn mit ihrer Lust aufsaugt; 

b) L. fühlt sich "unschlagbar" wie ehemals an den Mittwoch Nachmittagen vor der Matura); 
 

c) steigert sich in einen orgiastischen Zustand hinein, in dem er seine Penetrationsphantasien als männliches Dominanzverhalten ausleben kann 

d) Spiel endet allerdings ohne erfolgreiches Ausleben der Phantasien Landolts: Landolt versagt (endgültig?)

 

 

Rezept im Spiel die Oberhand zu bewahren über die Frauen misslingt

Landolt blieb noch lange vor dem Bildschirm sitzen, auf dem unablässig neue Rennen gestartet und ausgeblendet wurden, erhob sich mühsam und trat auf die Straße hinaus. Es war Nacht geworden. Nieselregen hatte eingesetzt, der Verkehr war verebbt. Er lief im Laufschritt durch den Regen zur Telefonkabine hinüber, wählte mehrere Nummern, bei denen sich niemand meldete, bis ihm nichts anderes übrig blieb, als Hanna anzurufen.

IV.

Tempuswechsel: Präteritum
 

erzählte Zeit: nach mindestens einem ganzen Nachmittag im Spielsalon, den er ja nach Schulschluss betreten hat, kehrt L. in reale Zeit zurück (nachts!).

Es ist also auch während des Spiels sehr viel mehr Zeit vergangen als die Spielsituation vorgibt.  (imaginärer Zeitablauf)
 

Zeitraffung im Erzählerbericht

     
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