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Herbert Malecha: Die Probe

Identität als Scharnier zwischen innerer und äußerer Welt

Gert Egle


In der Kurzgeschichte "Die Probe" von Herbert Malecha, in Hamburg 1956 erschienen in "Die 16 besten Kurzgeschichten aus dem Preisausschreiben der Wochenzeitung "Die Zeit", geht es um das Problem der menschlichen Identität und ihrer Wirkungen. Erzählt wird von einem Mann namens Jens Redluff, der von der Polizei gesucht wird und längere Zeit untergetaucht war. Wieder in die Öffentlichkeit zurückgekehrt, kann er, beim Besuch einer Ausstellung zufällig als hunderttausendster Besucher ins Rampenlicht geraten, seine wahre Identität nicht verleugnen und wird verhaftet.
Die Geschichte ist in vier Abschnitte gegliedert, wobei jeder dieser Abschnitte von einem bestimmten Handlungsort geprägt ist.
Das unvermittelt präsentierte Geschehen am ersten Handlungsort, der Straße, führt mitten hinein in das Lärmen und Treiben einer verkehrsreichen Stadt. Jens Redluff ist, als das Geschehen einsetzt, gerade einem Verkehrsunfall entronnen und der Schrecken über das gerade Erlebte steckt ihm noch in den Gliedern. Die "brüske Bewegung", mit der er die besorgte Geste eines älteren Passanten zurückweist,  steht dabei in deutlichem Kontrast zu seinem eigenen Empfinden, das "eine Welle von Schwäche", ja fast "Übelkeit" in ihm aufkommen lässt. So gilt sein ganzes Bemühen in dieser Situation nur "jetzt nicht schwach" zu werden und sich "unauffällig" unter die "vielen auf der hellen Straße" zu mischen. So und mit Hilfe eines offensichtlich gefälschten Passes in der Brusttasche versucht Redluff "den Schritt der vielen anzunehmen, mitzuschwimmen in dem Strom". Damit ihm das zumindest rein äußerlich gelingt, muss er seine ganze Konzentration aufbringen, denn seine Wahrnehmung scheint seltsam begrenzt und von Furcht geprägt. Der Wirrwarr von Geräuschen und Bewegungen ("abgerissene Gesprächsfetzen schlugen an sein Ohr", "Motoren summten auf", "Straßenbahn schrammte vorbei" und nicht zuletzt die Vielzahl der Menschen auf der Straße erzeugen in Redluff Angst, Angst vor der Entdeckung durch die Preisgabe seiner wahren Identität. Dieser Angst versucht er dadurch Herr zu werden, dass er sie verleugnet ("nichts wie verdammte Einbildung"), aber seine Gestik und Mimik ("Finger kalt und schweißig") zeigen, wie wenig kongruent diese Haltung ist. So verschafft ihm nur das Abbiegen in eine etwas dunklere Seitenstraße, in der weniger Menschen zu finden sind ("Menschenstrom wurde dünner", "Rinnsale lösten sich auf, zerfielen in einzelne Gestalten, einzelne Schritte") eine gewisse Atempause.
Als Redluff eine "kleine, als Café aufgetakelte Kneipe", in der sich nur ein paar wenige Menschen aufhalten, betritt, wechselt der Schauplatz des Geschehens. Die Wärme, die in dem geschlossenen Raum mit seinem gedämpften Licht herrscht, endet das von seiner inneren Unruhe herrührende Frösteln, das ihn noch auf der Straße ergriffen hatte: "Gut saß es sich hier." Im körpersprachlichen Ausdruck seiner Entkrampfung kann Redluff entspannt ""seine Füße lang" ausstrecken.
In diese entspannte Atmosphäre platzt eine Razzia der Polizei, die Bedrohung für Redluff steigert sich um ein Vielfaches: zwei Polizisten kontrollieren die Ausweise der Gäste. Während einer der Polizisten sich von Tisch zu Tisch gehend die Papiere zeigen lässt, kann Redluff nur noch mit Mühe die Fassung bewahren. Als inneres Zeichen der Erregung kommt es ihm vor, dass der Raum "ganz leicht zu schwanken" anfängt, sinnbildliches Zeichen dafür, dass ihm der eben noch so sicher zu scheinende Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Sein krampfhaftes Klammern an der Tischkante und die Entfärbung seiner Fingernägel sind die äußeren Zeichen dieser höchsten Anspannung. Als der Polizist wegen der Ausweiskontrolle an seinen Tisch tritt - Höhepunkt dieser Szene - hat Redluff plötzlich seine Balance wiedergefunden. Die Gelassenheit, mit der er, bevor seinen gefälschten Pass zückt, seine Zigarette ausdrückt, zeigt deutlich, wie "ruhig" er im Moment höchster Gefahr wird. Und nicht nur das: Als er die Passkontrolle unbeschadet überstanden hat, beginnt er "aus seiner unnatürlichen Ruhe heraus" gar noch ein kleines Gespräch mit dem Polizisten, indem er sich sogar, allerdings gutgemeint, über die durchgeführte Ausweiskontrolle beschwert. Als die Polizisten die Kneipe verlassen, hat Redluff die Probe bestanden.
Als Redluff danach im dritten Abschnitt wieder, dieses Mal mit raumgreifenden Schritten auf die Straße geht, hat sich seine Wahrnehmung des öffentlichen Geschehens völlig verändert. Es zieht in wieder in belebtere Straßen, die Menschen "lachten und schwatzten, er mitten unter ihnen". Und hatte er zuvor noch jede körperliche Nähe vermieden, so genießt er es jetzt geradezu, wenn ihn die Passanten "streiften". Die Geräusche, die nun von ihm wahrgenommen werden, haben alles Aggressive verloren ("dunkelglänzende Wagen sangen über den blanken Asphalt"). Dazu die "Kaskaden wechselnden Lichts", die sich in der Wahrnehmung Redluffs über die Fassaden ergießen. All dies suggeriert Sicherheit und Geborgenheit und bringt ihn geradezu in Sektlaune, inneres Zeichen einer wachsenden Unbekümmertheit und zunehmenden Verlusts der Konzentration: "Er gehörte wieder dazu, er hatte den Schritt der vielen, es machte ihm keine Mühe mehr."
Im sicheren Gefühl "ewig so gehen (zu) können", lässt Redluff sich "im Sog der Menge" in die Eingangshalle einer Ausstellung ziehen, wo das Geschehen im vierten Abschnitt der Kurzgeschichte spielt. Im Gedränge der Menschen kann er sich sogar noch mit einem Mädchen beschäftigen, das er zuvor schon gesehen zu haben glaubt. Und wie benebelt riecht er ihr Parfüm, als er sich hinter ihr an der Kasse anstellt. So trifft ihn der Ruf "Der! Der!", der aus der sonst "flutenden" Lautsprechermusik hervorhallt, völlig unvermittelt. Als das Blitzlichtgewitter über ihn hereinbricht, der Riesenblumenstrauß in seine Hände gerät und zwei strahlende Mädchen sich bei ihm fürs Fotoshooting unterhaken, ist Redluff wie gelähmt. Und die "geölte Stimme" - ohne dazugehöriges Gesicht wohlgemerkt - gratuliert ihm als dem hunderttausendsten Besucher der Ausstellung. Die Stimme, die zuvor schon "von innerer Freudigkeit fast zu bersten schien", entfaltet, da Redluff "wie betäubt" ist, ihre ganze suggestive Kraft, als sie ihn auffordert, seinen Namen zu nennen. Als er seinen richtigen Namen nennt, tut er dies automatisch und unbewusst und gibt damit seine wahre Identität preis. Als die anwesende Polizei auf Redluff zugeht, endet die Kurzgeschichte. 
Herbert Malechas Kurzgeschichte ist gekennzeichnet von dem Verhältnis von äußerem Raum des Geschehens und der Gefühlswelt der Figur Jens Redluff. Die Räume, in denen sich das erzählte Geschehen ereignet, haben dabei verschiedene Funktionen. 
Als Kontrasträume stehen sich die offenen Räume (zweimal auf der Straße und Kneipe sowie Ausstellung) gegenüber. Dazu kommt der Kontrast insbesondere zwischen den beiden Schauplätzen auf der Straße, die sich durch die unterschiedliche Wahrnehmung Redluffs grundsätzlich unterscheiden. Aus der personalen Erzählperspektive des Textes betrachtet sind alle dargestellten Schauplätze aber immer Perspektivräume, die von Redluff bewusst oder unbewusst als bedrohlich (Straße), angenehm (Kneipe), frei (Straße) und unbekümmert (Ausstellung) erlebt werden. Die sprachlich-stilistische Gestaltung der dargestellten Perspektivräume unterstreicht die Atmosphäre, die von ihnen ausgeht. Die verwendeten Mittel sind dabei vor allem die ausgeprägte Wassermetaphorik, aber auch eine Reihe von Vergleichen, die Wortwahl der Verben und die Gestaltung des Satzbaus.
So wird die Bedrohung, die Redluff auf der Straße erlebt, sichtbar an den Metaphern "Platzregen von Gesichtern", "Strom flutender Gesichter", "Menschenstrom", "Rinnsale", an Vergleichen "wie ein Kork auf dem Wasser", der "abgestoßen und weitergetrieben" wird oder "wie von Holz". Anschauliche, dynamische Verben der Bewegung mit einem aggressiv wirkenden Bedeutungsgehalt (hämmern, schrammen), (elliptische) Aufzählungen, die den Menschenstrom syntaktisch nachbilden, indem sich Redluff bewegen muss ("Und wieder Menschen, Menschen, ein Strom flutender Gesichter.") Die innere Getriebenheit und Unruhe der Hauptfigur wird durch den vermehrten Einsatz hypotaktischer Satzkonstruktionen unterstrichen.
Vergleicht man damit die sprachlich-stilistische Gestaltung im dritten Abschnitt, so spiegelt der Raum die innere Befindlichkeit Redluffs wider, der "am liebsten ... gesungen (hätte)". Entsprechend ändern sich auch die verwendeten Bilder und ihr Gefühlswert (Autos "sangen" und "Kaskaden wechselnden Lichts ergossen sich"), kein "schwarzer Gedanke" hat mehr im Denken und Fühlen Redluffs Platz.
Über die Hauptfigur Jens Redluff, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, erfährt man im Text nicht viel. Die Darbietungsformen der erlebten Rede und des inneren Monologs, mit der die innere Befindlichkeit Redluffs erzählt wird, dominieren vor allem im ersten und dritten Abschnitt, die damit den Schwerpunkt auf den "Innenraum" der Figur selbst legen (Innensicht). Je mehr die Geschichte ihrem Ende zustrebt, desto unwichtiger wird aber das innere Erleben, dominiert das äußere Handeln Redluffs als Zeichen scheinbar wieder gewonnener Orientierungssicherheit in der Öffentlichkeit. 
Der Text ist eine Kurzgeschichte, die unvermittelt einsetzt und einen offenen Schluss besitzt. Dem Ausschnittcharakter des erzählten Geschehens entspricht die Tatsache, dass man über Jens Redluff nur das Notwendigste erfährt. So wird - auch dies in Form der erlebten Rede ("war das ja noch anders" erzählt, dass Redluff vor drei Monaten von der Polizei mit einem Steckbrief "an jeder Anschlagsäule" gesucht worden war. Danach taucht er in einem "Loch" unter und wagt sich erst, nachdem er sich neue Papiere unter dem Namen Wolters besorgt hat, wieder in die Öffentlichkeit.  Als die Geschichte einsetzt, will er ein Schiff finden um fortzukommen. Die Gründe, warum Redluff von der Polizei gesucht wird, werden nicht erwähnt. Sie sind auch für das dargestellte Geschehen und die Aussage der Kurzgeschichte letztlich ohne Belang. 
Mit seiner Kurzgeschichte gestaltet Malecha das Problem der Identität des Menschen. Für diesen ist es ein aussichtloses Unterfangen, seine unverwechselbare Eigenart (Identität), d.h. alles, was den Einzelnen zu dem macht, was er ist und was ihn von anderen abhebt, einfach zu wechseln. Was man ist, ist man durch Kommunikation, durch den Kontakt zu anderen Menschen und durch die Beziehung zu ihnen und die Hoffnung auf einen einfachen Wechsel der eigenen Identität als quasi bloße Häutung kann sich nicht erfüllen. Identität kann sich aber auch nur in der Beziehung mit anderen, in der Kommunikation verändern. Dies ist allerdings ein langwieriger Prozess und die Veränderung gelingt weder durch Konsum - wie bei Redluff durch Erwerb eines neuen Passes - noch durch Überanpassung an das Gegebene.
"Als selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und äußeren Welt“ (Keupp u. a. 1999, S.28) eines Menschen soll die ein Leben anhaltende Konstruktionsarbeit an der eigenen Identität individuelle Selbstbestimmung ermöglichen und den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung gewähren. In lebenslanger Identitätsarbeit wird dieses Scharnier vielleicht immer wieder neu justiert, damit es seine Funktion erfüllen kann, durch ein anderes ersetzen lässt es sich freilich so ohne weiteres nicht, auch wenn die digitale Welt mit ihren sozialen Netzwerken zum Spiel mit der eigenen Identität immer wieder einlädt. Die Passungsarbeit zwischen Innerem und Äußerem, zwischen Fremd- und Selbstbild, die der einzelne ein Leben lang leisten muss, bleibt, auch wenn sie mit den neuen Mitteln bei der Identitätskonstruktion mehr Identitätsfacetten erproben kann, im Kern die gleiche. Redluffs Versuch der "Ichverleugnung misslingt in der extremen Situation, in der der einzelne herausgerissen aus der schützenden Masse als Individuum (und sei es auch "nur" als hunderttausendster Besucher) gefordert ist" (Schardt 1991, S.24), weil die fehlende Passung von innen und außen, von Fremd- und Selbstbild dabei offenkundig wird.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 18.09.2014

 
 
  Arbeitsanregungen
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   Untersuchen Sie die Interpretation.

  1. Arbeiten Sie den Aufbau der Interpretation heraus.
  2. Suchen Sie im Originaltext die entsprechenden Belegstellen für die Zitate.
  3. Arbeiten Sie heraus, in welcher Beziehung die innere Befindlichkeit Redluffs und sein Erleben der verschiedenen Handlungsorte stehen.
  4. Zeigen Sie, mit welchen sprachlichen und erzähltechnischen Mitteln der Autor die Aussage seiner Geschichte gestaltet. Beachten Sie dabei besonders die Raumgestaltung und die Darbietungsformen des Erzählens.

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