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Dramentheorie

Über Tragödie und Mitleid

Gotthold Ephraim Lessing (Brief an Nicolai, 1759)


Texterfassung mit Hinweisen

[…] das erkenne ich für wahr, dass kein Grundsatz […] bessere Trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: Die Tragödie soll Leidenschaften erregen (…)

Affektenlehre als Basis der dramatischen Theorie  

Das meiste wird darauf ankommen: was das Trauerspiel für Leidenschaften erregt. In seinen Personen kann es alle möglichen Leidenschaften wirken lassen, die sich zu der Würde des Stoffes schicken. Aber werden auch zugleich alle diese Leidenschaften in den Zuschauern rege? Wird er freudig? wird er verliebt? wird er zornig? wird er rachsüchtig? Ich frage nicht, ob ihn der Poet so weit bringt, dass er diese Leidenschaften in der spielenden Person billiget, sondern ob er ihn so weit bringt, dass er diese Leidenschaften selbst fühlt, und nicht bloß fühlt, ein andrer fühle sie?

 

Die Affekte (Gefühle) des Zuschauers können nicht ohne weiteres so angesprochen werden, dass er selbst wie der handelnde Protagonist fühlt. Der einzige Affekt, der auslösbar zu sein scheint, ist der des Mitleids, wenn sich, modern gesagt, Betroffenheit einstellt.

Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. Sie werden sagen: erweckt es nicht auch Schrecken? erweckt es nicht auch Bewunderung? Schrecken und Bewunderung sind keine Leidenschaften, nach meinem Verstande […] Schrecken in der Tragödie ist nichts als die plötzliche Überraschung des Mitleides […] empirischer Ansatz
Die Leiter aber heißt: Mitleid; und Schrecken und Bewunderung sind nichts als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids […]. Das Schrecken braucht der Dichter zur Ankündigung des Mitleids, und Bewunderung gleichsam zum Ruhepunkte desselben. Der Weg zum Mitleid wird dem Zuhörer zu lang, wenn ihn nicht gleich der erste Schreck aufmerksam macht, und das Mitleiden nützt sich ab, wenn es sich nicht in Bewunderung erholen kann. Wenn es also wahr ist, dass die ganze Kunst des tragischen Dichters auf die sichere Erregung und Dauer des einzigen Mitleidens geht, so sage ich nunmehr, die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht bloß lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns so weit fühlbar machen, dass uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muss. […] Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses, oder — es tut jenes, um dieses tun zu können. Bitten Sie es dem Aristoteles ab, oder widerlegen Sie mich (…) Schrecken und Bewunderung sind für die dramatische Gestaltung wichtige Affekte. Sie ermöglichen es, das Mitleiden des Zuschauers auszulösen und für die Dauer des dramatischen Spiels aufrecht zu erhalten. Sie reizen den Affektzustand so, dass seine Wirkung nicht nachlässt.

christlich-humanitäre Umdeutung des Mitleid-Begriffes von Aristoteles, für den Mitleid ein zunächst einmal noch „ungezügelter“ Affektzustand ist, der nur in „gezügelter“ Form in Kombination mit dem Gerechtigkeitsgefühl seine wichtigen sozialen Funktionen entfalten kann (Katharsis bei Aristoteles in Bezug auf das Mitleid: von einem Übermaß an sozialer Ansprechbarkeit zu befreien, Affektabfuhr, Prinzip der Mitte)

Erweiterung der Mitleidsfähigkeit als Mittel der sittlichen Läuterung des Menschen

Für Rousseau (1712-1778) hat sich Mitleid erst in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschen, im Zuge ihrer Vergesellschaftung aus der natürlichen Menschenliebe zu einem Affekt entwickelt. Die im Naturzustand herrschende allgemeine Philanthropie ist so dem Gesellschaftszustand angepasst worden.
Allerdings steht Rousseaus Mitleidtheorie auch in Gegensatz zu Lessing, denn Rousseau erkennt durchaus, dass ein in der Tragödie gerührter Zuschauer in Wahrheit der größte Tyrann sein könne.

Der eigentliche Anküpfungspunkt für Lessing an die Mitleidstheorie von Rousseau ist der Gedanke, dass Mitleid Ursprung aller sozialen Tugenden sei. Denn die dem Mitleid zu Grunde liegende Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen, erlaubt erst, sich als Individuum mit einem anderen in ein soziales Verhältnis zu setzen. (vgl. Horst Turk, Wirkungsästhetik.Theorie und Interpretation der literarischen Wirkung)

Rousseaus Mitleidtheorie: J.J.Rousseau, Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, in: J.J. Rousseau, Schriften zur Kulturkritik (Die zwei Diskurse von 1750 und 1755), hg. v. K. Weigand (=Philosph. Bibliothek 243), Hamburg 1964, S.61-269; S.173/175

Im „Emil“ führt Rousseau über das Mitleid aus:

„Das Mitleid ist süß, denn wir versetzen uns zwar an die Stelle des Leidenden, empfinden aber zugleich die Freude, nicht so zu leiden wie er.“

J. J. Roussseau, Emil oder Über die Erziehung, Vollständige Ausgabe in neuer deutscher Fassung besorgt von Ludwig Schmidts, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 4. Aufl. 1978, S.222

       
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