Lessing: Nathan der Weise

Toleranzstück oder Aufforderung zu mehr

Die Diskussion um den Toleranzbegriff im Nathan


Sieht man einmal von postmodernen Deutungen von Lessings Drama »Nathan der Weise« ab, dann herrschte lange Zeit und im Grund bis heute ein weitgehender Konsens darin, dass dieses Drama das "Toleranzstück" schlechthin darstellt. Der solcherart "klassische" Deutungsrahmen, den Monika Fick (2010, S.492ff.) skizziert, geht davon aus, "dass in dem Stück die »Botschaft der Toleranz« verkündet werde,  »Toleranz« allerdings verstanden nicht im Sinn einer herablassenden Duldung, sondern der Anerkennung der nicht christlichen Religionen als ebenbürtig und gleichwertig." Was dies freilich im konkreten Handeln des einzelnen und der gesellschaftlichen Praxis aller bedeutet, ist heute freilich ein "Mehr als Toleranz" (Kuschel 2011, S.12), wie es Lessing in seinem Stück selbst zum Ausdruck gebracht habe. Und so sei es denn auch "endlich" an der Zeit, mit dem Stereotyp Lessings "Nathan" sei "ein bloßes 'Toleranzstück" Schluss zu machen. Denn, so Kuschel weiter, Toleranz sei nämlich zunächst einmal nichts weiter "als das unverzichtbare Minimum beim Zusammenleben mit Menschen anderer Überzeugungen unter Voraussetzung einer für alle verbindlichen Rechtsordnung." (ebd.) Nicht mehr und nicht weniger fordern auch die Menschenrechte im Allgemeinen oder die in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, aber auch in vielen anderen freiheitlich-demokratisch verfassten bürgerlichen Rechtsstaaten verbürgten Rechte. Im →Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sind dies vor allem die →Artikel 1-19, die den sogenannten Grundrechtskatalog der aktuellen deutschen Verfassung bilden, z. B. die Artikel 1[Menschenwürde, Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt], Art. 2 [Handlungsfreiheit, Freiheit der Person], Art. 3 [Gleichheit vor dem Gesetz], Art. 4 [Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit] oder auch Art. 5 [Meinungsfreiheit]. Für den Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland ist das Toleranzgebot konstitutiv und unverzichtbar. Aber, und darauf weist (Kuschel 2011, S.12) mit Recht hin, dürfe es auch "in Zeiten, in denen in vielen Ländern dieser Erde religiöser Fanatismus sich austobt und über die Menschen wieder neu Unduldsamkeit, Hass, Spaltung, Terror und Mord bringt", dürfe es auch keinerlei Toleranz für Intoleranz geben, dürften Verstöße oder gar Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Menschenrechte" in keiner Weise toleriert werden. Toleranz in einem modernen Sinne verstanden, dürfe sich dabei durchaus der Worte Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) beherzigen, der einmal geschrieben habe: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." (zit. n. ebd., Hervorh. d. Verf.) Und genau hier beginnt das "Mehr als Toleranz", das sich im Anschluss an Lessings "Nathan" als Bereitschaft zeigen müsse, einen "umfassenden wechselseitigen Lernprozess" in Gang zu bringen, in dessen Verlauf und an dessen Ende die "Wahrnehmung des Reichtums" steht, "den die je andere Kultur und Religion zu bieten hat. Das meint Goethe, wenn er von 'Anerkennung' spricht: Wertschätzen des je anderen durch Kennenlernen des Reichtums seiner Kultur! Und nur wer andere gründlich kennt", kann auch unterschieden. Nur wer um die Andersheit des anderen weiß, weiß auch um die Bedeutung des Eigenen." (ebd.)

 

 

 

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 08.08.2014

 

 
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