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Giovanni Boccaccio (1313 - 1375)*

Die Ringparabel


Saladin, dessen Tapferkeit so groß war, dass sie ihn .nicht nur von einem geringen Manne zum Sultan von Babylon erhob, sondern ihm auch vielfache Siege über sarazenische und christliche Fürsten gewährte, hatte in zahlreichen Kriegen und in großartigem Aufwand seinen ganzen Schatz geleert und wusste nun, wo neue und unerwartete Bedürfnisse wieder eine große Geldsumme erheischten, nicht, wo er sie so schnell, als er ihrer bedurfte, auftreiben sollte. Da erinnerte er sich eines reichen Juden, Namens Melchisedech, der in Alexandrien auf Wucher lieh und nach Saladins Dafürhalten wohl im Stande gewesen wäre, ihm zu dienen, aber so geizig war, dass er von freien Stücken es nie getan haben würde. Gewalt wollte Saladin nicht brauchen; aber das Bedürfnis war dringend und es stand bei ihm fest, auf eine oder die andere Art solle der Jude ihm helfen. So sann er denn nur auf einen Vorwand, unter einigem Schein von Recht ihn zwingen zu können.
Endlich ließ er ihn rufen, empfing ihn auf das freundlichste, hieß ihn neben sich sitzen und sprach alsdann: "Mein Freund, ich habe schon von vielen gehört, du seiest weise und habest besonders in göttlichen Dingen tiefe Einsicht; nun erführe ich gern von dir, welches unter den drei Gesetzen du für das wahre hältst, das jüdische, das sarazenische1 oder das christliche." Der Jude war in der Tat ein weiser Mann und erkannte wohl, dass Saladin ihm solcherlei Fragen nur vorlegte, um ihn m seinen Worten zu fangen; auch sah er, dass, welches von diesen Gesetzen er vor den andern loben möchte, Saladin immer seinen Zweck erreichte. So bot er denn schnell seinen ganzen Scharfsinn auf, um eine unverfängliche Antwort, wie sie ihm Not tat, zu finden, und sagte dann, als ihm plötzlich eingefallen war, wie er sprechen sollte:
"Mein Gebieter, die Frage, die Ihr mir vorlegt, ist schön und tiefsinnig; soll ich aber meine Meinung darauf sagen, so muss ich Euch eine kleine Geschichte erzählen, die Ihr sogleich vernehmen sollt. Ich erinnere mich, oftmals gehört zu haben, dass vor Zeiten ein reicher und vornehmer Mann lebte, der vor allen andern auserlesenen Juwelen, die er in seinem Schatze verwahrte, einen wunderschönen und kostbaren Ring wert hielt. Um diesen seinem Werte und seiner Schönheit nach zu ehren und ihn auf immer in dem Besitze seiner Nachkommen zu erhalten, ordnete er an, dass derjenige unter seinen Söhnen, der den Ring, als vom Vater ihm übergeben, würde vorzeigen können, für seinen Erben gelten und von allen den andern als der vornehmste geehrt werden solle. Der erste Empfänger des Ringes traf unter seinen Kindern ähnliche Verfügung und verfuhr dabei wie sein Vorfahre. Kurz der Ring ging von Hand zu Hand auf viele Nachkommen über. Endlich aber kam er in den Besitz eines Mannes, der drei Söhne hatte, die sämtlich schön, tugendhaft und ihrem Vater unbedingt gehorsam, daher auch gleich zärtlich von ihm geliebt waren. Die Jünglinge kannten das Herkommen in Betreff des Ringes, und da ein jeder der Geehrteste unter den Seinigen zu werden wünschte, baten alle drei einzeln den Vater, der schon alt war, auf das inständigste um das Geschenk des Ringes. Der gute Mann liebte sie alle gleichmäßig und wusste selber keine Wahl unter ihnen zu treffen; so versprach er denn den Ring einem jeden und dachte auf ein Mittel, alle zu befriedigen. Zu dem Ende ließ er heimlich von einem geschickten Meister zwei andere Ringe verfertigen, die dem ersten so ähnlich waren, dass er selbst, der doch den Auftrag gegeben, den rechten kaum zu erkennen wusste. Als er auf dem Todbette lag, gab er heimlich jedem der Söhne einen von den Ringen. Nach des Vaters Tode nahm ein jeder Erbschaft und Vorrang für sich in Anspruch, und da einer dem andern das Recht dazu bestritt, zeigte der eine wie die andern, um die Forderung zu begründen, den Ring, den er erhalten hatte, vor. Da sich nun ergab, dass die Ringe einander so ähnlich waren, dass niemand, welcher der echte sei, erkennen konnte, blieb die Frage, welcher von  ihnen des Vaters wahrer Erbe sei, unentschieden und bleibt es noch heute.
So sage ich Euch denn, mein Gebieter, auch von den drei Gesetzen, die Gott der Vater den drei Völkern gegeben, und über die ihr mich befraget. Jedes der Völker glaubt seine Erbschaft, sein wahres Gesetz und seine Gebote, zu haben, damit es sie befolge. Wer es aber wirklich hat, darüber ist, wie über die Ringe, die Frage noch unentschieden."
Als Saladin erkannte, wie geschickt der Jude den Schlingen entgangen sei, die er ihm in den Weg gelegt hatte, entschloss er sich, ihm geradezu sein Bedürfnis zu gestehen. Dabei verschwieg er ihm nicht, was er zu tun gedacht habe, wenn jener ihm nicht mit so viel Geistesgegenwart geantwortet hätte. Der Jude diente Saladin mit allem, was dieser von ihm verlangte, und Saladin erstattete jenem nicht nur das Dar lehn vollkommen, sondern überhäufte ihn noch mit Geschenken, gab ihm Ehre und Ansehen unter denen, die ihm am nächsten standen, und behandelte ihn immerdar als seinen Freund.

(aus: Giovanni Boccaccio: Das Dekameron (1,3). übers. von Karl Witte, 3 Aufl. Leipzig 1859, Bd. 1. zit. nach: G. E. Lessing: Werke und Briefe in zwölf Bänden. hrsg. von W. Barner u. a., Bd. 9. hrsg. von A. Schilson. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1993, S. 1154- 1156)

*Giovanni Boccaccio (1313-1375); ital.-Schriftsteller, siedelt 1327 nach seiner Jugend von Florenz nach Neapel, beginnt dort zunächst eine Banklehre, studiert dann kurz Theologie und widmet sich dann ganz der Literatur; über seinen Vater Boccaccio de Chellino, einem Mitarbeiter des Bankhauses Bardi in Florenz, erhält B. Zugang zum königlichen Hof; 1340/41 Rückkehr ins väterliche Haus nach Florenz, mehrere diplomatische Missionen; Begegnung mit Petrarca 1350 führt zu einer stärker humanistisch geprägten Ausrichtung seiner Werke; in seinem Hauptwerk »Il Decamerone«, (Erstdruck 1470, dt. 1471, 1843) das zu den bekanntesten Novellensammlungen der Weltliteratur zählt,  zehn junge Leute, die während der Großen Pest von 1348 Zuflucht auf einem Landgut bei Florenz gefunden haben, zehn Tage lang je zehn Geschichten erzählen; 

1 Sarazenen: hier: Moslems, Muslime
  

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   Arbeitsanregungen:
  1. Vergleichen Sie die Erzählung Giovanni Boccaccios mit Lessings Gestaltung der Ringparabel in III,6 und III,7 des Nathan.

  2. Zeigen Sie, welche Motive aus Boccaccios Vorlage von Lessing aufgenommen werden und an welchen Stellen er von der Vorlage abweicht.

  3. Stellen Sie dar, worin sich die Aussagen der beiden Gestaltungen der Ringparabel unterscheiden.

  4. Legen Sie dar, welche aufklärerischen Überzeugungen Lessing zu seinen Änderungen veranlasst haben könnten. Ziehen Sie dazu ggf. die  folgenden Äußerungen  Gerhard Kaisers (1976b, S.132) mit heran.

"Bei Boccaccio werden die drei monotheistischen Weltreligionen- Christentum, Judentum, Islam - von einem weisen Juden, den der Sultan Saladin mit der Frage nach der besten Religion in Verlegenheit bringen will, drei Ringen verglichen, von denen zwei so treue Kopien des dritten sind, dass man den echten Ring nicht herausfinden kann. Der religiösen Wahrheitsfrage wird Skepsis entgegengestellt. Lessing lässt den Helden seines Dramas, den weisen Juden Nathan, in der gleichen Situation die Geschichte weiterführen: Der Richter, zur Entscheidung des Streits der Erben aufgefordert, verweist die Streitenden auf die dem echten Ringe zugesprochene Eigenschaft, seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, und zieht die Folgerung, dass derjenige der Erben, dem es gelingen werde, durch seine Liebeskraft diese Fähigkeit seines Ringes an den Tag zu legen, der Besitzer des echten Ringes sei. Mit diesem Spruch ist der Ring aus einem Besitz in eine Aufgabe umgedeutet. Die Religion ist dem Menschen nicht als Wahrheit, sondern als Mittel der Bewährung gegeben; die religiöse Wahrheit kann nicht formuliert, nur gelebt werden. Lessings Toleranz ist nicht Skepsis, sondern vielmehr Herausforderung. "

  Lösungsvorschlag 

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

       
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