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Nathan

Nathan und der Klosterbruder

Textinterpretation (3)


IV,7

In seinem Gespräch (IV,7) mit dem Klosterbruder kommt Nathan auch auf seine eigene Geschichte zu sprechen.

  1. Ordnen Sie die Textstelle in den Verlauf der Dramenhandlung ein.

  2. Untersuchen Sie das Gespräch zwischen Nathan und dem Klosterbruder.

    • Fassen Sie dazu die wesentlichen Aussagen des Dialogs zusammen, so dass Gedankengang und Ergebnis des Gesprächs deutlich werden.

    • Zeigen Sie, ausgehend von den Wertvorstellungen der beiden Gesprächspartner, weshalb ihre Kommunikation gelingt.
      Wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang die Aussage Nathans:  
      "
      Denn was / Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir / Zum Juden!"?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

KLOSTERBRUDER.          Traut mir, Nathan!
   Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
   Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
   Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
   Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar                       3000
   So ziemlich zuverlässig kennen, aber
   Bei weiten nicht das Gute. - War ja wohl
   Natürlich; wenn das Christentöchterchen
   Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
   Dass Ihr's als Euer eigen Töchterchen
   Erzögt. - Das hättet Ihr mit aller Lieb'
   Und Treue nun getan, und müsstet so
   Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
   Ei freilich, klüger hättet Ihr getan;
   Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand                      3010
   Als Christin auferziehen lassen: aber
   So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds
   Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
   Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
   In solchen Jahren mehr, als Christentum.
   Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
   Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm
   Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
   So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
   Und ist denn nicht das ganze Christentum                            3020
   Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
   Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet,
   Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
   Dass unser Herr ja selbst ein Jude war.
NATHAN. Ihr, guter Bruder, müsst mein Fürsprach sein,
   Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich
   Erheben sollten, - wegen einer Tat -
   Ah, wegen einer Tat! - Nur Ihr, Ihr sollt
  Sie wissen! - Nehmt sie aber mit ins Grab!
   Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,                             3030
   Sie jemand andern zu erzählen. Euch
   Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt
   Allein erzähl ich sie. Weil die allein
   Versteht, was sich der gottergebne Mensch
   Für Taten abgewinnen kann.
KLOSTERBRUDER.                Ihr seid
   Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?
NATHAN. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
   Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
   Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
   Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst                          3040
   Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
   Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
   Befunden, die in meines Bruders Hause,
   Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
   Verbrennen müssen.
KLOSTERBRUDER.  Allgerechter!
NATHAN.                                        Als
   Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch'
   Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. -
   Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
   Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht;
   Der Christenheit den unversöhnlichsten                               3050
   Hass zugeschworen -
KLOSTERBRUDER. Ach! Ich glaub's Euch wohl!
NATHAN.
   Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.
   Sie sprach mit sanfter Stimm': »und doch ist Gott!
   Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!
   Komm! übe, was du längst begriffen hast,
   Was sicherlich zu üben schwerer nicht,
   Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
   Steh auf!« - Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
   Willst du nur, dass ich will! - Indem stiegt Ihr
   Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind,                         3060
   In Euern Mantel eingehüllt. - Was Ihr
   Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
   Vergessen. Soviel weiß ich nur, ich nahm
   Das Kind, trug's auf mein Lager, küsst' es, warf
   Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
   Doch nun schon Eines wieder!
KLOSTERBRUDER.                  Nathan! Nathan!
   Ihr seid ein Christ! - Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
   Ein bessrer Christ war nie!
NATHAN.                            Wohl uns! Denn was
   Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
   Zum Juden! - Aber lasst uns länger nicht                             3070
   Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!
   Und ob mich siebenfache Liebe schon
   Bald an dies einz'ge fremde Mädchen band,
   Ob der Gedanke mich schon tötet, dass
   Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs neue
   Verlieren soll: - wenn sie von meinen Händen
   Die Vorsicht wieder fodert, - ich gehorche!
KLOSTERBRUDER. Nun vollends! - Eben das bedacht' ich mich
   So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
   Euch Euer guter Geist schon angeraten!                              3080
NATHAN. Nur muss der erste beste mir sie nicht
   Entreißen wollen!
KLOSTERBRUDER. Nein, gewiss nicht!
NATHAN.                                                 Wer
   Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich,
   Muss frühere zum mind'sten haben -
KLOSTERBRUDER.                      Freilich!
NATHAN. Die ihm Natur und Blut erteilen.
KLOSTERBRUDER.                                     So
   Mein ich es auch!
NATHAN.               Drum nennt mir nur geschwind
   Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
   Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt:
   Ihm will ich sie nicht vorenthalten - Sie,
   Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde                           3090
   Zu sein erschaffen und erzogen ward. -
   Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn
   Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.
KLOSTERBRUDER. Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! - Denn
   Ihr habt ja schon gehört, dass ich nur gar
   Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.
NATHAN.                                  Wisst
   Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts
   Die Mutter war? - War sie nicht eine Stauffin?
KLOSTERBRUDER. Wohl möglich! - Ja, mich dünkt.
NATHAN.                                                   Hieß nicht ihr Bruder
   Conrad von Stauffen? - und war Tempelherr?                     3100
KLOSTERBRUDER.
   Wenn mich's nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein,
   Dass ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen
   Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als
   Wir ihn bei Askalon verscharrten.
NATHAN.                                       Nun?
KLOSTERBRUDER. Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
   Brevier. - Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
   Ja wohl noch brauchen. - Ich nun freilich nicht -
   Ich kann nicht lesen -
NATHAN.                    Tut nichts! - Nur zur Sache.
KLOSTERBRUDER. In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten,
    Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn                             3110
   Selbsteigner Hand, die Angehörigen
   Von ihm und ihr geschrieben.
NATHAN.                               O erwünscht!
   Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind!
   Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
   Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!
KLOSTERBRUDER.                        Recht gern!
   Es ist Arabisch aber, was der Herr
   Hineingeschrieben. (Ab.)
NATHAN.                     Einerlei! Nur her! -
   Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten,
   Und einen solchen Eidam mir damit
   Erkaufen könnte! - Schwerlich wohl! - Nun, fall'                 3120
   Es aus, wie's will! - Wer mag es aber denn
   Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
   So etwas angebracht? Das muss ich doch
   Zu fragen nicht vergessen. - Wenn es gar
   Von Daja käme?

      
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