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Lessing: Nathan der Weise - 5. Akt

Die Entstehung einer inneren Gemeinschaft, unabhängig von Nation, Bekenntnis, Stand und Wirken in der Welt

Wilhelm Dilthey (1867)


Und welches ist nun die Handlung, mittels derer diese freien Geister miteinander verbunden sind? Sie beruht auf dem dargelegten Moment, das dem Drama Lessings erst sein eigenstes Gepräge gibt. Es erweitert die Seele durch große Wahrheiten; es erhebt sich durch die Anschauung freier Charaktere, welche ohne die Beweggründe des positiven Religionsglaubens das Gute tun: seine letzte und höchste Wirkung liegt doch in der Rührung, welche die Verbindung dieser menschlichen zu einer neuen Gemeinschaft hervorruft. Nicht Leidenschaft vereinigt sie. Wohl macht sie sich in den Beziehungen zwischen dem Tempelherrn und Recha zunächst geltend, sie schürzt den Knoten des Stücks, aber sie wird aufgelöst in das starke, ruhige Gefühl geschwisterlicher Zusammengehörigkeit. Hier herrschend die universalen Stimmungen, die aus den höchsten Relationen zur unsichtbaren Welt entspringen, aus dem Verhältnis derer, die gemeinsam in dieser Religion leben. Leise kleine Fäden gehen zwischen diesen Personen hin und her - ein Entdecken verwandter Naturen, ein Sichbefreunden, ein reinstes Glück, das von da ausgeht. Die Gemeinschaft, die so entsteht, ist eine innere, unabhängig von Nation, Bekenntnis, Stand und Wirken in der Welt. Wir alle sind durch die Ziele, die wir im Leben verfolgen, mit anderen zu einem Gefüge von Handlungen und Schicksalen verknüpft, das unsere äußere Welt ausmacht, In ihr siegen oder unterliegen wir, leiden oder triumphieren. Ihr gehören zunächst auch die Personen des Stückes an: sie leben in Staatsgeschäften, führen Krieg, treiben Handel, vollziehen fromme Pflichten. Aber jenseits dieses äußeren Lebensgefüges dulden und genießen sie ein von diesem äußeren Schicksal Unabhängiges. Dieses macht sie in letzter Instanz, in einer rein innerlichen Welt, gebunden oder frei, glücklich oder elend. Mag nun der Mensch wie der Klosterbruder oder Al Hafi die Welt verlassen, oder mag ihm wie dem Nathan ein eingeschränktes Geschick beschieden sein. oder wie dem Saladin ein königliches Wirken - gemeinsam ist ihnen nach Lessing die Anlage, sich zu vollendeter Menschlichkeit zu entwickeln. Und das verbindet sie miteinander. So schildert das Gedicht, in Übereinstimmung mit dem eigensten und höchsten Zug der deutschen Aufklärung, wie aus freier Menschlichkeit eine Gemeinschaft entsteht, ein Bewusstsein, zusammen fortzuschreiten, einer besseren Gesellschaft entgegen, sicheres Vertrauern, Seelenruhe, eine große Lebensfreude, Heiterkeit. [...]
Wie die Vernunftreligion, in der für Lessing diese Beziehungen gegründet sind, im Denken beruht, so nähern sich auch die Personen einander durch das Denken - fragend, antwortend, dialektisch ihre Verständigung suchend, aus der dann erst das gehaltene Gefühl des Einverständnisses und der Befreundung hervorbricht. Diese Vorgänge sind zusammengefasst zu einer Handlung, die in einem äußeren Symbol die erreichte Gemeinschaft der freien Geister zum tiefsten Ausdruck bringt. Nicht durch Affekt, welcher die Kluft der Geburt, des Blutes, ja des religiösen Glaubens selber überspringt, wird im Verlauf der Handlung zwischen Judentum und Christentum das Band geknüpft; vielmehr blutsverwandt sind die Nationen, sind die großen Religionen, welche sich die Erde teilen. Fremd, ja feindlich einander gegenübertretend, entdecken sie, dass sie eine Familie bilden. Das ist das große Geheimnis, welches der Schluss symbolisch ausdrückt. Auf einem Stamm sind die religiösen Ideen gewachsen, entsprossen aus einer Einheit des ersten Glaubens; sie bilden eine Entwicklung der religiösen Vernunft."

(Wilhelm Dilthey 1867, S.56-58)

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Dieser Auszug aus einem Werk (von Wilhelm Dilthey), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Wie deutet Dilthey den Verlauf der dramatischen Handlung und den Schluss von Lessings Drama "Nathan der Weise". Arbeiten Sie die entsprechenden Interpretationsthesen heraus und erläutern Sie diese.

  2. Gehen Sie vom Standpunkt eines radikalen Kritikers der Auffassungen Diltheys aus und verfassen Sie auf dieser Grundlage eine Gegenkritik, die - unter Bezug auf Diltheys Thesen - durchaus polemisch ausfallen darf.
     

     
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