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Lessing: Nathan der Weise - 4. Akt

Der Typus des dogmatischen Fanatikers

IV,2: Der Tempelherr beim Patriarchen


Bei seinem Zusammentreffen mit dem im ganzen Pomp auftretenden Patriarchen von Jerusalem in den Kreuzgängen des Klosters muss sich der Tempelherr zunächst die verhohlen vorgetragene Kritik des Patriarchen wegen seiner Verweigerung des Mordplans gegen Saladin anhören. In diesem Zusammenhang stellt der Patriarch klar, dass er keine Kritik am Machtanspruch der Kirche und keinen Zweifel an der Übereinstimmung kirchlichen Handels mit der göttlichen Theodizee gestatte. Als ihm der Tempelherr im Anschluss daran, den Fall Recha ohne Nennung irgendeines Namens vorträgt, lässt er keinen Einwand des Tempelherrn mehr gelten, sondern wiederholt stereotyp, dass ein Jude, der einen Christen zum Abfall vom rechten Glauben (Apostasie) verleitet habe, auf dem Scheiterhaufen brennen müsse. Der Tempelherr, der diese letzte Konsequenz nicht annehmen will, wird, als er sich vom Patriarchen verabschieden will, von diesem aufgefordert, ihm den Namen des Juden preiszugeben. Denn er wähnt sich darin sogar mit Saladin über die Grenzen der Religion hinweg einig, dass Staat und Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert würden, wenn das integrierende Band des Glaubens zerrissen würde. Mit dem Hinweis, er müsse vor Saladin erscheinen, kann der Tempelherr weiteren insistierenden Fragen des Patriarchen ein Ende setzen und erklären, es habe sich nur um einen hypothetischen Fall gehandelt. Nach seiner Verabschiedung beauftragt der Patriarch, der dieser Beteuerung misstraut, den Klosterbruder der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Figur des Patriarchen in  IV,2: Der Tempelherr beim Patriarchen stellt im Gegensatz zum Tempelherrn als Charakter, einen Typus dar, eine Figur, die auf einige wenige Merkmale reduziert, eine bestimmte "Sorte von Menschen" darstellen soll. Dies wird mit der nachfolgenden Strukturskizze  (Schaubild, Strukturbild) visualisiert.

Das Mittelalter als Handlungszeit für Lessings Stück war für Lessings religions- und geschichtsphilosophische Absichten, die er mit dem "Nathan" verfolgte, vor allem auch deshalb geeignet, weil er damit, "den Gegner in die Rolle des mittelalterlichen Inquisitors" drängen konnte. (Barner/Grimm/Kiesel/Kramer 1987, S.318ff.) Denn: Auf der Bühne des Theaters wollte Lessing die Auseinandersetzung um »Theodizee und »Deismus fortführen, für die der Fragmentenstreit, wie die Auseinandersetzung mit seinem Hauptwidersacher, dem Hamburger »Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1787), über die Wahrheit der Offenbarungsreligionen genannt wurde. Mit der Figur des Patriarchen hat ihm Lessing im "Nathan" ein satirisch wirkendes "Denkmal" gesetzt. Das gilt selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass die fast grotesk wirkenden Züge des Patriarchen, nicht nur darauf abzielten, damit "eine Satire auf Goezen" (Lessing) auf die Bühne zu bringen. Denn, wie (Barner/Grimm/Kiesel/Kramer 1987, S.318ff.) im Anschluss an Seeba betonen, sei die Figur des Patriarchen "sprachlich gerade durch den Mangel an orthodoxen Inhalten, durch die Formalisierung eines Standpunktes charakterisiert" (Seeba) gekennzeichnet. Genau damit habe Lessing nämlich "die entscheidenden Punkte des Goeze-Streits und der Auseinandersetzung mit erstarrten "Orthodoxisten" (Lessing) überhaupt" ins Visier nehmen können:  "Aus formalen Gründen wurde die inhaltliche Diskussion unterbunden; um die Geschlossenheit des Systems zu bewahren, wurden weiterführende Überlegungen blockiert." (ebd.)

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