Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Lessing: Nathan der Weise

Interpretationsansätze im Überblick

III,7: Die Ringparabel


Für die Die Ringparabel (III,7) gibt es hauptsächlich drei Interpretationsansätze:
  1. Biographischer Ansatz: Ringparabel als Beitrag Lessings im Rahmen seiner Auseinandersetzungen mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze (vgl. Fragmentenstreit)

    • Goezes Positionen: Bibel ist unmittelbare Offenbarung Gottes, Christentum kann daher automatisch den Anspruch auf Wahrheit erheben

    • Lessings Position: Bibel ist keine Gotteswerk, sondern Werk von Menschen, historisch-philosophische Kritik und Auslegung nötig; Wahrheit der Bibel ist objektiv nicht nachweisbar

  2. Geistesgeschichtlicher Ansatz: Ringparabel als poetisches Votum für allgemein tolerante und undogmatische Religionsausübung und für allgemeine Denkfreiheit (vgl. Aufklärung)
    Für Eibl (1981, S.20) gibt der Richter die Empfehlung "jeder Religion zu folgen, als ob sie die wahre wäre", ohne dass die Konkurrenz der Kulturen, zu denen sie gehören, um die Verwirklichung des Guten damit aufgehoben wäre. "Der Dichter", so Eibl, " fordert damit ein radikales Umdenken, weg vom Begründungsdenken, hin zum Bewährungsdenken. Denn mögen Traditionen auch nicht bis hin zu »Speis und Trank« begründbar und im Sinne solcher kausaler Herleitung rational zu legitimieren sein, so haben sie doch eine rational zu rechtfertigende Aufgabe. Des Richters Rat besteht darin, den Wahrheitsentscheid auf sich beruhen zu lassen und die wechselseitigen Herrschaftsansprüche zu suspendieren, das Herrschaft durch historische Herleitung nicht legitimiert werden kann; wenn, in »über tausend Jahren«, irgendein Entscheid getroffen werden kann, dann nur auf Grund der Wirkung der Ringe, d.h. auf Grund der Humansierungs- und Integrationskraft, die einer Tradition innewohnt und die beim Streit um die historische Legitimation ganz in Vergessenheit geraten war, ja, sich in ihr Gegenteil verkehrt hatte." 

  3. Fricke/Zymner (1993, S.277) sehen in der Möglichkeit von bestimmten inhaltlichen Elementen des Erzähltextes auszugehen, einen weiteren möglichen Interpretationsansatz. Ansatzpunkte sind der Opal, der Künstler und die Zahl der Ringe.
    Nach Ansicht des Richters müssen insgesamt vier Ringe vorhanden sein, da offenbar keiner der von den Söhnen getragenen Ringe die Eigenschaften des Wunderringes zur Geltung bringen kann. In diesem Sinne sind sie "betrogene Betrieger".
    Der Künstler gibt dem Vater drei vollkommen gleiche Ringe zurück, die auch vom Vater nicht mehr unterschieden werden können.
    Der Edelstein Opal aber, der im Originalring gefasst ist, ist als einziger Edelstein nicht künstlich herstellbar, was dem Künstler aber raffend und aussparend unterstellt wird. Drei gleiche Opale gibt es aber nicht. Daher müssen alle drei Ringe "unecht" sein. Dies ist für das zeitgenössische Publikum Lessings klar.
    "Ist also der Künstler der Betrüger, besitzt der Künstler den echten Ring - und nach der Uneigentlichkeit der Parabel kann man sich fragen: Besitzt nun der Künstler (und nur der Künstler) den rechten Glauben, die wahre Religion? Die Ringparabel gibt auf diese versteckte Frage keine Antwort; und im einbettenden Dialograhmen der Ringparabel wird diese Frage nicht angesprochen, weil Nathans Überredungskünste den Sultan Saladin über die anschauende Erkenntnis zu einer Art von Antwort führen - nicht jedoch zur einzig möglichen: die Ringparabel schließt die Interpretation eben auch nicht aus, eine poetische und besonders listige Kunst-Apotheose zu sein."  (Fricke/Zymner (1993, S.278)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 09.09.2014

     
  Text ] Bausteine ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de