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In weniger als einem Jahrhundert nach dem Tod Mohammeds (632) hatte der
Islam einen großen Teil der damals bekannten Welt erobert und das Banner
des Propheten von Spanien bis an die Grenzen Chinas aufgepflanzt.
Überall, von Marokko bis Indien, wurden Schulen, Sternwarten und
Paläste, vor allem aber Moscheen, darunter auch der Felsendom und die
El-Aksa-Moschee in Jerusalem, erbaut.
Nach einigen Jahrhunderten verfielen Pracht und Macht des sarazenischen
Riesenreiches. Papst Urban II., vom byzantinischen Kaiser um Hilfe gebeten
und von den Demütigungen der Pilger im Heiligen Land unterrichtet, rief
am 27. November 1095 vom mittelfranzösischen Städtchen Clermont aus die
Christenheit auf, die heiligen Stätten von der muslimischen Herrschaft zu
befreien.
Schon im folgenden Jahr formierten sich staatliche Ritterscharen zum
ersten Kreuzzug [...]. Nach strapazenreichen Märschen und wechselvollen
Kämpfen lag endlich am 7. Juni 1099 das lang ersehnte Ziel vor den
erregten Kreuzfahrern: Jerusalem. Erst nach sechswöchiger Belagerung
gelang es, die Stadt einzunehmen, in der die Sieger ein furchtbares
Blutbad anrichteten.
Die in Jerusalem versammelten Ritter beschlossen, ein Königreich nach
französischem Vorbild zu errichten, und wählten Gottfried von Bouillon
zum Oberhaupt des neuen Staates. [...] Ein Jahr darauf starb er. Sein
Bruder und Nachfolger Balduin ließ sich in der Geburtskirche von
Bethlehem zum König von Jerusalem krönen.
In den folgenden Jahrzehnten, in denen geistliche Ritterorden wie die
Johanniter und die Templer zum Rückgrat des Königreiches wurden,
gelangte das junge Staatswesen zu einer kurzen Blüte. Damit war es
vorbei, als über Ägypten um 1170 ein neuer Stern auftauchte. Am Hof in
Jerusalem, unter den Hochmeistern der Ritterorden, den Lehnsfürsten und
Beratern des Königs, ging sein Name von Mund zu Mund: Saladin.
El-Malik en Nasir Salah ed-Din Jussuf, der unter dem Namen Saladin,
abgeleitet von Salah ed-Din (Wahrheit des Glaubens) in die Geschichte
eingegangen ist, wurde 1138 in Takrid, etwa 150 Kilometer nordwestlich von
Bagdad, geboren. Wie viele ihrer kurdischen Landsleute verließen sein
Vater Ayub und dessen Bruder Schirkuh ihre karge heimatliche Scholle, um
im fremden Sold zu Ruhm und Macht zu kommen. Seine Kindheit und frühe
Jugend verlebte Saladin in Baalbek, wo sein Vater Gouverneur war. In einem
Kloster der Sufis, den Vertretern einer mystisch-asketischen
Glaubensrichtung, erhielt er die ersten religiösen Unterweisungen, die
ihn ein Leben lang prägen sollten.
Mit sechzehn begleitet er seinen Vater nach Damaskus an den Hof des
syrischen Herrschers Nur ed-Din. Als sein Onkel Schirkuh mit der Führung
eines Expeditionskorps beauftragt wird, reitet Saladin neben ihm an der
Spitze von 8000 Kriegern gen Süden. Ihre Aufgabe ist es, das fruchtbare
Niltal vor einer Eroberung durch die Kreuzritter zu bewahren. [...]
Von der Bevölkerung bejubelt, zieht das Heer in Kairo ein. Dem um die
eigene Macht besorgten ägyptischen Wesir Schawar missfällt jedoch die
Volkstümlichkeit der Syrer und er beschließt, Schirkuh und seine
höheren Offiziere bei einem Gastmahl ermorden zu lassen. Das Komplott
wird jedoch entdeckt und Saladin nimmt mit einigen Mamelucken seiner
Leibgarde den verräterischen Wesir fest und übergibt ihn den Eunuchen,
die untereinander wetteifern, dem Wesir den Kopf abschlagen zu dürfen, um
ihn auf dem Basar zu zeigen.
Schawars Nachfolger wird Schirkuh, der aber bereits zwei Monate später
stirbt. Als Kalif El-Adid daraufhin Saladin zum Wesir ernennt, ist dessen
große Stunde gekommen. Für den Islam beginnt eine neue glanzvolle
Epoche, für den Kreuzfahrerstaat ein Zeitalter des Niedergangs.
Saladin ist 32 Jahre alt. Nach zeitgenössischen Berichten ist er keine
majestätische Erscheinung. Er ist relativ klein und zartknochig. Als
gewandter Reiter weiß er auch mit der Lanze und dem Schwert umzugehen.
Von dem jungen Wesir heißt es, dass er gütig und gerecht, aber auch
kühn und entschlossen sei.
Mit eiserner Faust beendet Saladin die Korruption in der ägyptischen
Verwaltung und die Intrigenwirtschaft. Die Folge ist ein blutiger
Aufstand. [...] Kaltblütig lässt Saladin seine syrischen Truppen
angreifen. In einem achtundvierzigstündigen Straßenkampf, in dem
Kasernen und Häuser in Flammen aufgehen, siegen die kampferprobten
Soldaten. Von nun an ist Saladin der uneingeschränkte Herr Ägyptens.
Am 15. Mai 1174 stirbt Sultan Nur ed-Din und hinterlässt einen
elfjährigen Sohn. Wie in solchen Situationen üblich, brechen
Machtkämpfe aus und drohen das Land in ein Chaos zu stürzen. Da treffen
syrische Boten in Kairo ein und bitten Saladin um Rat und Hilfe. [...] Mit
700 kurdischen Reitern macht er sich auf den Weg nach Damaskus und wird in
der Stadt seiner Jugend freudig aufgenommen. In langwierigen Kämpfen
gelingt es ihm, widerspenstige syrische Emire und Städte, die den
kurdischen Usurpator nicht anerkennen wollen, zu unterwerfen. Nachdem er
seinem Bruder Turan Schah die Verwaltung Syriens anvertraut hat, kehrt er
nach Kairo zurück. [...]
Im religiösen Bereich wendet er sich gegen die - wie er meint - Häresie
der Schiiten, die bei Fatimiden um sich gegriffen hatte. Diese Haltung
bringt ihm viel Lob ein und - die Anerkennung als Sultan von Ägypten
durch den Kalifen von Bagdad. Saladin ist auf der Höhe seiner Macht. Als
Herrscher Ägyptens, Syriens und des Jemen kann er nun das Königreich
Jerusalem in die Zange nehmen.
(aus: Ernst Bartsch, Saladin, in: Die
Zeit, 9 (1994) v. 26.2.93, S.90)
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