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Der Aufstieg Saladins

Ernst Bartsch (1993)

 
 
In weniger als einem Jahrhundert nach dem Tod Mohammeds (632) hatte der Islam einen großen Teil der damals bekannten Welt erobert und das Banner des Propheten von Spanien bis an die Grenzen Chinas aufgepflanzt. Überall, von Marokko bis Indien, wurden Schulen, Sternwarten und Paläste, vor allem aber Moscheen, darunter auch der Felsendom und die El-Aksa-Moschee in Jerusalem, erbaut.
Nach einigen Jahrhunderten verfielen Pracht und Macht des sarazenischen Riesenreiches. Papst Urban II., vom byzantinischen Kaiser um Hilfe gebeten und von den Demütigungen der Pilger im Heiligen Land unterrichtet, rief am 27. November 1095 vom mittelfranzösischen Städtchen Clermont aus die Christenheit auf, die heiligen Stätten von der muslimischen Herrschaft zu befreien.
Schon im folgenden Jahr formierten sich staatliche Ritterscharen zum ersten Kreuzzug [...]. Nach strapazenreichen Märschen und wechselvollen Kämpfen lag endlich am 7. Juni 1099 das lang ersehnte Ziel vor den erregten Kreuzfahrern: Jerusalem. Erst nach sechswöchiger Belagerung gelang es, die Stadt einzunehmen, in der die Sieger ein furchtbares Blutbad anrichteten.
Die in Jerusalem versammelten Ritter beschlossen, ein Königreich nach französischem Vorbild zu errichten, und wählten Gottfried von Bouillon zum Oberhaupt des neuen Staates. [...] Ein Jahr darauf starb er. Sein Bruder und Nachfolger Balduin ließ sich in der Geburtskirche von Bethlehem zum König von Jerusalem krönen.
In den folgenden Jahrzehnten, in denen geistliche Ritterorden wie die Johanniter und die Templer zum Rückgrat des Königreiches wurden, gelangte das junge Staatswesen zu einer kurzen Blüte. Damit war es vorbei, als über Ägypten um 1170 ein neuer Stern auftauchte. Am Hof in Jerusalem, unter den Hochmeistern der Ritterorden, den Lehnsfürsten und Beratern des Königs, ging sein Name von Mund zu Mund: Saladin.
El-Malik en Nasir Salah ed-Din Jussuf, der unter dem Namen Saladin, abgeleitet von Salah ed-Din (Wahrheit des Glaubens) in die Geschichte eingegangen ist, wurde 1138 in Takrid, etwa 150 Kilometer nordwestlich von Bagdad, geboren. Wie viele ihrer kurdischen Landsleute verließen sein Vater Ayub und dessen Bruder Schirkuh ihre karge heimatliche Scholle, um im fremden Sold zu Ruhm und Macht zu kommen. Seine Kindheit und frühe Jugend verlebte Saladin in Baalbek, wo sein Vater Gouverneur war. In einem Kloster der Sufis, den Vertretern einer mystisch-asketischen Glaubensrichtung, erhielt er die ersten religiösen Unterweisungen, die ihn ein Leben lang prägen sollten.
Mit sechzehn begleitet er seinen Vater nach Damaskus an den Hof des syrischen Herrschers Nur ed-Din. Als sein Onkel Schirkuh mit der Führung eines Expeditionskorps beauftragt wird, reitet Saladin neben ihm an der Spitze von 8000 Kriegern gen Süden. Ihre Aufgabe ist es, das fruchtbare Niltal vor einer Eroberung durch die Kreuzritter zu bewahren. [...]
Von der Bevölkerung bejubelt, zieht das Heer in Kairo ein. Dem um die eigene Macht besorgten ägyptischen Wesir Schawar missfällt jedoch die Volkstümlichkeit der Syrer und er beschließt, Schirkuh und seine höheren Offiziere bei einem Gastmahl ermorden zu lassen. Das Komplott wird jedoch entdeckt und Saladin nimmt mit einigen Mamelucken seiner Leibgarde den verräterischen Wesir fest und übergibt ihn den Eunuchen, die untereinander wetteifern, dem Wesir den Kopf abschlagen zu dürfen, um ihn auf dem Basar zu zeigen.
Schawars Nachfolger wird Schirkuh, der aber bereits zwei Monate später stirbt. Als Kalif El-Adid daraufhin Saladin zum Wesir ernennt, ist dessen große Stunde gekommen. Für den Islam beginnt eine neue glanzvolle Epoche, für den Kreuzfahrerstaat ein Zeitalter des Niedergangs.
Saladin ist 32 Jahre alt. Nach zeitgenössischen Berichten ist er keine majestätische Erscheinung. Er ist relativ klein und zartknochig. Als gewandter Reiter weiß er auch mit der Lanze und dem Schwert umzugehen. Von dem jungen Wesir heißt es, dass er gütig und gerecht, aber auch kühn und entschlossen sei.
Mit eiserner Faust beendet Saladin die Korruption in der ägyptischen Verwaltung und die Intrigenwirtschaft. Die Folge ist ein blutiger Aufstand. [...] Kaltblütig lässt Saladin seine syrischen Truppen angreifen. In einem achtundvierzigstündigen Straßenkampf, in dem Kasernen und Häuser in Flammen aufgehen, siegen die kampferprobten Soldaten. Von nun an ist Saladin der uneingeschränkte Herr Ägyptens.
Am 15. Mai 1174 stirbt Sultan Nur ed-Din und hinterlässt einen elfjährigen Sohn. Wie in solchen Situationen üblich, brechen Machtkämpfe aus und drohen das Land in ein Chaos zu stürzen. Da treffen syrische Boten in Kairo ein und bitten Saladin um Rat und Hilfe. [...] Mit 700 kurdischen Reitern macht er sich auf den Weg nach Damaskus und wird in der Stadt seiner Jugend freudig aufgenommen. In langwierigen Kämpfen gelingt es ihm, widerspenstige syrische Emire und Städte, die den kurdischen Usurpator nicht anerkennen wollen, zu unterwerfen. Nachdem er seinem Bruder Turan Schah die Verwaltung Syriens anvertraut hat, kehrt er nach Kairo zurück. [...]
Im religiösen Bereich wendet er sich gegen die - wie er meint - Häresie der Schiiten, die bei Fatimiden um sich gegriffen hatte. Diese Haltung bringt ihm viel Lob ein und - die Anerkennung als Sultan von Ägypten durch den Kalifen von Bagdad. Saladin ist auf der Höhe seiner Macht. Als Herrscher Ägyptens, Syriens und des Jemen kann er nun das Königreich Jerusalem in die Zange nehmen.

(aus: Ernst Bartsch, Saladin, in: Die Zeit, 9 (1994) v. 26.2.93, S.90)
 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Stationen den Aufstieg Saladins kennzeichnen.
  2. Vergleichen Sie die Darstellung mit der Voltaires und Marins.
  3. Wie beurteilen Sie im Vergleich zu der Darstellung von Bartsch die aufklärerische Sicht Lessings im Nathan auf Saladin.

  

     
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