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Franz Kafka: Der Prozess

Was hat Josef K. mit Facebook & Co. zu tun?

Daniel Soloves Abkehr vom "Big-Brother-Konzept" der Rezeption von Kafkas Roman


Franz Kafkas Roman "Der Prozess" bietet eine ganze Fülle von Ansatzpunkten zur Interpretation. Der Einbruch in seine Privatsphäre, sein fortschreitender Kontrollverlust und sein hilfloses Ausgeliefertsein an eine Entwicklung, die ihm mehr und mehr zu einem Objekt von Willkür zu machen scheint, sind Aspekte, die sich mit der Situation des Einzelnen in sozialen Netzwerken wie Facebook durchaus vergleichen lässt. Manfred Dworschak greift in seinem Spiegel-Artikel "Im Netz der Späher" (Ausgabe 2/2011) solche Fragen auf. Dabei stützt er sich auf die Ausführungen von »Daniel J. Solove im Kapitel "Kafka and Orwell: Reconceptualizing Information Privacy" in dessen Buch "The Digital Person"  (2004). Darin vergleicht der Jura-Professor an der »George Washington University Law School Franz Kafkas "Prozess"-Metapher mit der "»Big Brother"-Metapher, die George Orwell in seinem Roman "1984" entwickelt hat. Solove kommt zum Schluss, dass sich die Beschreibung dessen, was die großen Datensammler im Internet betreiben, nicht mit der "Big Brother"-Metapher vom totalen Überwachungsstaat fassen lässt. Auch wenn es im Einzelnen Ähnlichkeiten gebe, verkenne das den öffentlichen Diskurs lange Zeit dominierende Big-Brother-Konzept, dass es den großen Datensammlern im Netz (etwa Google, Facebook oder Amazon) nicht darum gehe, das Individuum zu unterdrücken, um letzten Endes totale Kontrolle über es zu erlangen. Vielmehr zielten sie darauf ab, das Individuum möglichst genau zu studieren, zu analysieren, um es letztlich für kommerzielle Zwecke ausbeuten zu können. (vgl. Solove 2004, S.37) Was freilich nicht bedeutet, dass die Auswirkungen, die mit den modernen Informationstechnologien und ihren Datenbanken für die weitere Entwicklung der modernen Gesellschaft einhergehen, harmlos sind, denn, was sie in Gang setzen, so Dowrschak im Anschluss an Solove, "könnte ein Gemeinwesen nachhaltiger entkräften, als es die grobschlächtige Gedankenpolizei aus George Orwells '1984' vermocht hätte."
Angesichts der Tatsache, dass sich viele Zeitgenossen kaum Gedanken darüber machten, dass die von ihnen im Netz hinterlassenen Datenspuren ohne weiteres zu dem jeweiligen Internetnutzer zurückführen könnten, seien Warnungen vor einer Hysterie in der öffentlichen Debatte um die Privatsphäre kaum verständlich. Insbesondere das dabei immer wieder hervorgebrachte Hauptargument "Was erfahren die denn schon? Warum soll nicht jeder wissen, dass ich morgen nach München fliege und gestern nach einem Leberknödelrezept gesucht habe? Mit einem Satz: Ich habe nichts zu verbergen." reizt ihn mit Solove zum Widerspruch. Solove betone, wer so argumentiere, verkenne schlicht, was dabei auf dem Spiel stehe. "Es sei ein fundamentales Missverständnis, dass eine Privatsphäre nur brauche, wer etwas ausgefressen hat." Solove sieht auch im Sammeln von Daten, dem alltäglichen Ausspähen und in der Überwachung sämtlicher Aktivitäten der User nicht das größte Problem. Für ihn ist etwas anderes viel Wichtiger, was er zugleich für die eigentliche Bedrohung hält: Das Zusammenführen von überall verstreuten User-Daten durch unzugängliche Instanzen, die niemandem auf der Welt Rechenschaft über ihr Treiben geben müssen. Und genau hier bringt Solove auch Josef K. in Kafkas Prozess ins Spiel. Kafkas Prozess, davon ist er überzeugt, "captures the scope, nature, and effects of the type of power relationship created by databases. My point is not that The Trial presents a more realistic descriptive account of the database problem than Big Brother. Like 1984, The Trial presents a fictional portrait of a harrowing world, often exaggerating certain elements of society in a way that makes them humorous and absurd." (Solove 2004, S.37) Die Hauptfigur des Roman, Josef K., wird nämlich eines Morgens einfach verhaftet, ohne je zu erfahren, was gegen sie vorliegt. Allmählich wird aber klar, dass eine namenlose Behörde offenbar gegen ihn ermittelt hat und dazu alle möglichen Informationen über ihn zusammengetragen hat. Da nicht wirklich Anklage gegen Josef K. erhoben hat, kann er sich natürlich auch nicht gegen mögliche Vorwürfe verteidigen. "Dem Netzbürger", so führt Dworschak wohl in Anlehnung an Solove weiter aus, " ergeht es, vom Ausgang abgesehen, nicht ganz unähnlich. Winzige Details, die für sich nichts bedeuten mögen, werden verknüpft und verglichen, Schlüsse werden gezogen, Voraussagen hochgerechnet und Entscheidungen gefällt. Falsch oder richtig - der Bürger, Objekt unbekannter Analyseapparate, hat bei der fremdgesteuerten Biopsie seines Verhaltens nicht das Geringste mitzureden.
Dieser Entzug der Verfügungsgewalt über die eigene Person verändert die Machtbalance zwischen Menschen und Unternehmen." So ist auch für Solove klar, dass im Zusammengang mit elektronischen Datenbanken Kafkas "Prozess"-Metapher besser greift als Orwells "Big Brother":  "Kafka depicts an indifferent bureaucracy, where individuals are pawns, not knowing what is happening, having no say or ability to exercise meaningful control over the process. This lack of control allows the trial to completely take over Joseph K.’s life. The Trial captures the sense of helplessness, frustration, and vulnerability one experiences when a large bureaucratic organization has control over a vast dossier of details about one’s life. At any time, something could happen to Joseph K.; decisions are made based on his data, and Joseph K. has no say, no knowledge, and no ability to fight back. He is completely at the mercy of the bureaucratic process.
As understood in light of the Kafka metaphor, the primary problem with databases stems from the way the bureaucratic process treats individuals and their information."(Solove 2004, S.38) 

Solove, Daniel J, (2004): The Digital Person. Technology and Privacy in the Information Age, New York/London: New York University Press 2004, im Internet verfügbar unter: http://docs.law.gwu.edu/facweb/dsolove/Digital-Person/text/Digital-Person-CH3.pdf, 5.10.2011

Gert Egle, 5.11.2011

     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, worauf sich Dan Soloves Vergleich von Kafkas "Prozess" und modernen Datensammlern im Internet stützt.
  2. Versuchen Sie unter Bezugnahme auf den Text Franz Kafkas, den Interpretationsansatz Soloves weiterzuverfolgen.
  3. Wie tragfähig scheint Ihnen der Vergleich?
     
 
     
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