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Kafka: Prozess - Advokat / Fabrikant / Maler

K.s veränderte Einstellung zum Prozess

Lösungsvorschlag Textinterpretation


Die nachfolgende Aufgabenstellung orientiert sich an den Vorgaben für die so genannte Kontextaufgabe (Aufgabentyp I: Werk im Kontext)  im schriftlichen Abitur des Landes Baden-Württemberg. Künftig soll dieser Aufgabentyp freilich entfallen und durch eine Aufgabe, die ein bestimmtes literarisches Themenfeld unter Vorgabe eines auf das Themenfeld bezogenen Referenztextes erschließen soll.
Eine der unten aufgeführten ähnliche Aufgabenstellung hat Martin Brück (2007, S. 1-9) zur Grundlage seiner ausgearbeiteten Übungsaufgabe gemacht, die in der Sammlung von Prüfungsaufgaben zum Abitur 2008 für das Gymnasium und das berufliche Gymnasium Baden-Württemberg (Stark-Verlag) erschienen ist
 

Aspekte der Lösung der Aufgabe

Arbeitsanweisung 1:
Legen Sie kurz dar, in welcher Situation sich K. befindet.

Die Ergänzung des Operators um das Modaladverb "kurz" stellt eine Präzisierung der Arbeitsanweisung dar. Sie legt zweierlei fest:

  • Zum einen wird damit, absolut und in einem relativen Verhältnis zum Textganzen ausgedrückt, welchen Umfang die geforderte Einordnung der Textstelle in das Ganze des Aufsatzes haben soll: Sie soll knapp und im Verhältnis zu den beiden anderen Aufgaben kurz ausfallen.

  • Zum anderen wird damit die Aufgabe verbunden, nur das für die Situation, in der sich K. zu Beginn der Textstelle befindet, wirklich Wesentliche auszuwählen und in knapper Form zur Darstellung zu bringen.

In der Konsequenz bedeutet dies im "worst case": Wer statt knapp und kurz und auf das jeweils geforderte, ausgewählt  Wesentliche beschränkt, seitenlange Inhaltswiedergaben verfasst, erfüllt die Anforderungen dieser Arbeitsanweisung nicht! Er muss trotz seiner umfangreichen reproduzierenden Ausführungen mit klaren Punktabzügen bei der Bewertung seiner Leistungen rechnen.

  • Was bedeutet der Begriff "Situation" in diesem Zusammenhang?

Der Begriff "Situation" bezieht sich primär auf den unmittelbaren Kontext der Textstelle, verlangt aber auch einen, allerdings knapp gehaltenen, Rück- bzw. Ausblick auf die Einbettung dieser Situation in den gesamten Handlungszusammenhang des Romans zu. Insofern muss auch eine gewisse Einordnung in das Textganze erfolgen, ohne dass der Einordnung aber übermäßig Gewicht gegeben werden soll. Wäre diese der Fall, müsste die Arbeitsanweisung den Operator "Einordnen" explizit verwenden, der in Baden-Württemberg deshalb auch dem Anforderungsbereich II zugeordnet worden ist.
Daraus folgt, dass ein paar wenige Sätze zur Einordnung in das Textganze genügen, keinesfalls aber breit angelegte Inhaltswiedergaben gefordert sind. Andernfalls kann es, wie schon oben ausgeführt, zu Punktabzügen kommen.

  • Was gehört zur Situation, in der sich Josef K. in der Textstelle im Rahmen des Kapitelzusammenhangs befindet?

    Die Textstelle im Kontext des Kapitels: Advokat - Fabrikant - Maler (HL S. 79-119)

    Da die Textstelle in ein sehr umfangreiches Kapitel gehört, in der hier stets zitierten Ausgabe der Hamburger Lesehefte (2008) umfasst es 40 Seiten) ist es nötig, sich die Binnengliederung des Kapitels vorzunehmen:

    Die drei in der Kapitelüberschrift gemachten Angaben: Advokat, Fabrikant und Maler teilen das Kapitel in drei Einheiten:

    Das (Unter-)Kapitel "Adovkat, dem der zur Interpretation vorgelegte Textauszug entnommen ist, steht am Anfang des Gesamtkapitels und ist mit seinen etwas mehr als 11 Seiten Länge, das zweitgrößte Unterkapitel. Alle drei Unterkapitel bilden eine zeitliche Einheit, deren inneres und äußeres Geschehen sich an einem Wintertag ereignet. In den in erlebter Rede gehaltenen Reflexionen des personalen Erzählers werden dabei auch Rückwendungen zur Darstellung gebracht. Die Unterkapitel Advokat und Fabrikant werden dazu noch räumlich miteinander verklammert. Beide Handlungsabschnitte finden in der Bank, im Arbeitszimmer und Vorzimmer des Büros von Josef K. statt. Daraus ergibt sich eine besonders enge inhaltliche Verbindung zwischen beiden, was sich auch in der nachfolgenden Aufstellung wichtiger Handlungselemente niederschlägt. Auf der Handlungsebene erscheinen alle drei (Unter-)Kapitel vor allem durch die von K. ins Auge gefasste Ablösung des Advokaten, die Übernahme der Verteidigung durch K. selbst und deren Aussichten auf der einen und ihrer privaten und beruflichen Konsequenzen für K. auf der anderen Seite miteinander verknüpft.

    Für die Lösung der Arbeitsaufgabe 1 könnten unter dem Blickwinkel einer knappen Einordnung der zu interpretierenden Textstelle in das Gesamtkapitel folgende Textstellen herangezogen werden. Dabei spielen Zitate bei der endgültigen schriftlichen Ausarbeitung dieser Arbeitsaufgabe eine untergeordnete Rolle. In der folgenden Auflistung sind sie zur Verdeutlichung immer wieder eingebaut. Wer Zitate sparsam verwendet und ansonsten, die eine oder andere Belegstelle im Textverweisverfahren (vgl. S. ... Z.) angeben kann, ist sicher im Vorteil. In jedem Falle ist es zur Lösung der Aufgabe 1 nötig, sich einen kurzen Überblick über das Kapitel als Ganzes zu verschaffen.

  • Was gehört zur Situation, in der sich Josef K. in der Textstelle im Gesamtzusammenhang der Handlung befindet?

Die Textstelle im Kontext des Romans

Um die Situation, in der sich Josef K. in der zu interpretierenden Textstelle befindet, knapp in den Gesamtzusammenhang des Romans einordnen zu können, sollte man sich der bis dahin stattgefundenen Handlung in Grundzügen versichern. Beantwortet werden müssen in diesem Zusammenhang bei der Erarbeitung zunächst zwei Fragen:

  • Welche wichtigen Elemente kennzeichnen die Handlung des Romans bis dahin?
  • Welche dieser Handlungselemente sind für das Verständnis der ausgewählten Situation im Kapitel "Advokat - Fabrikant - Maler" wichtig?

Die Ausarbeitung beschäftigt sich dabei, um ausschweifende, rein reproduzierende Textwiedergaben zu vermeiden, nur um die Antwort auf die zweite Frage, die im Rahmen des Erarbeitungsprozesses eine gewichtende Auswahlentscheidung voraussetzt.

Um hier rasch zu begründeten Ergebnissen zu gelangen, kann man im Clustering-Verfahren vorgehen. Das nachfolgende Cluster, das sowohl Kapitelüberschriften, wie einzelne Handlungsmomente enthält, ist vergleichsweise schnell erstellt und kann als Grundlage für weitere Überlegungen dienen:

Ausgehend von diesem Cluster lässt sich erwägen, welche Handlungselemente für die Situation, um die es geht, bedeutsam sind. Diese lassen sich dann mit Symbolen, Markierungen und Notizen dem Cluster hinzufügen.

Für die Einordnung in den Gesamtkontext des Romans sind wichtige Handlungsmomente wichtig, die auf die Textstelle bezogen, darzustellen sind.

Bis dahin nämlich glaubt K. daran, dass sein Eingehen auf den Prozess mehr oder weniger gezwungermaßen erfolgt sei (HL S.41 Z. 21f.), und natürlich ohne jede Form von Schuldanerkenntnis oder daraus resultierendem Rechtfertigungszwang. Sein Auftritt vor dem Untersuchungsrichter und der Versammlung war von K. ja zunächst auch noch im Bewusstsein zu Ende gegangen, dass er, indem er die Anklage mit seinem selbstbewussten Auftreten umgedreht hatte ("Ihr seid ha die korrupte Bande, gegen die ich sprach“, HL S.39 Z.5f.), die Anklage mehr oder weniger zu Fall gebracht habe.
Allerdings ist diese nach außen demonstrierte Selbstsicherheit und Auflehnung K.s gegen den ihm aufgezwungenen Prozess, in ihren psychischen Resultaten gespiegelt, schon mehr als brüchig. So weist die Tatsache, dass er ohne unmittelbare Aufforderung zur ersten Untersuchung erscheint, als auch sein, wiederum unaufgefordertes, Wiederaufsuchen des Gerichtssaals, eine Woche später, dass es um die zur Schau getragene Selbstsicherheit K.s ("Ihr Lumpen … ich schenke euch alle Verhöre“, HL S.39 Z. 26f.) nicht gerade bestens bestellt ist.
Was K. als Teil seiner äußeren Realität noch nicht anerkennen will, nämlich ein Gerichtsverfahren gegen seine Person, wird jedoch mehr und mehr innerpsychische Realität. Das Gericht bzw. seine Instanzen verlagern sich mehr und mehr in die Psyche Josef K.s.
So glaubt er zwar, getäuscht von der Tatsache, dass er trotz seiner "angeblichen“ (HL S.41 Z. 21) Verhaftung nicht arrestiert worden ist, immer noch daran, so frei zu sein, "das ganze Gericht, wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen“ (HL S.45 Z.15f.) zu können. Und wenn er sich einmal dazu durchringt, den Prozess gegen sich als Tatsache anzusehen, bescheinigt er diesem jedenfalls keine Erfolgsaussichten. So ficht ihn auch äußerlich nicht an, als er  z.B. vom Gerichtsdiener erfährt, dass von diesem Gericht "in der Regel keine aussichtslosen Prozesse geführt“ werden (HL S.49 Z.29)
Zugleich zeigen sich aber deutliche Symptome der seelischen Konflikte, in die er geraten ist. Die seelische Dynamik, die der Prozess freisetzt, alarmiert seine psychische Abwehr, und so wirkt auch die folgende Entwicklung K.s stets widersprüchlich.
So lässt K. im Gespräch mit dem Angeklagten auf dem Dachboden diesen seine ganze, von Selbstüberschätzung und sozialer Arroganz gezeichnete Herablassung spüren, als er betont: "ich z. B. bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden will, weder einen Beweisantrag gestellt noch sonst irgendetwas Derartiges unternommen.“ HL S.51 Z. 20)
Aber K.s vollständiger körperlicher und psychischer Zusammenbruch auf dem Dachboden ("fast jeder bekommt einen solchen Anfall, wenn er zum ersten Mal herkommt“ (HL S.53 Z. 37f.).), zeigt auch, dass diese psychische Abwehr zumindest zeitweise versagt.  Das geht dann so weit, dass K. in einen Zustand der körperlichen und geistigen Desorientierung und Kontrollverlusts gerät. Auch wenn K. sich diesen Zustand nicht wirklich erklären kann (HL S. 58 Z. 7f.) und damit die Alarmsignale verleugnet, kann er sich mit einer einfachen Selbstversicherung darüber, dass der Anfall ganz im Gegensatz zu seiner ansonsten ausgesprochenen Gelassenheit gegenüber dem Prozess stehe ("Wollte etwa sein Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozess bereiten, da er den alten so mühelos ertrug?“, HL S.58, Z.7ff.), für eine Weile wieder aus seiner seelischen Bedrängnis befreien, indem er alles rationalisiert und damit verdrängt.

Arbeitsanweisung 2:
Interpretieren Sie die Textstelle aus dem Roman; beziehen Sie die sprachliche und erzählerische Gestaltung in ihre Untersuchung mit ein.

Ausgangspunkt der Analyse könnte K.s Gedanke zu Beginn seiner Reflexion über den Advokaten sein: "Der Gedanke an den Prozess verließ ihn nicht mehr.“ (HL S.80)  K. überlegt sich eine eigene Verteidigungsschrift zu verfassen, obwohl er die Anklage nicht einmal kennt. Damit hat K. das, was er im Gespräch mit Leni bei ihrer ersten Begegnung einige Zeit vorher (wahrscheinlich liegen Monate dazwischen, HL S. 80 Z 15) noch als einen Fehler angesehen hat ("ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn“, HL S. 76 Z.41), äußerlich korrigiert.
Allerdings hat er damit aus Lenis damaliger Andeutung ("Sie sind zu unnachgiebig, so habe ich es gehört“, HL S.76 Z. 42f.) keine Konsequenzen gezogen.
Die Tatsache, dass K. noch nicht weiß, was ihm vorgeworfen wird, lässt ihn ihm den Gedanken aufkommen, eine "kurze Lebensbeschreibung“ (HL 80 Z. 7) zu verfassen, die er als eine "Verteidigungsschrift“ bei Gericht einzureichen gedenkt (HL 80 Z. 5f.).
Mit der Bereitschaft, sich selbst nun aktiv im Rahmen vermeintlich regelkonformer, irgendwie rechtsstaatlich verfasster Prozessabläufe engagieren will, verändert er seine Prozessstrategie grundlegend und zeigt damit eine neue Einstellung zu seinem Prozess.

Folgende Textstellen sollten bei der Analyse des Romanauszuges besondere Beachtung finden:

  • "Es war unbedingt nötig, dass K. selbst eingriff. "(HL S.89 Z. 16] "Die Verachtung, die er früher für den Prozess gehabt hatte. galt nicht mehr.“ (HL S.89 Z. 20f.)

  • "[…] seine Stellung war nicht mehr vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses (HL S.89 Z.25f.)

  • "kurz, er hatte kaum mehr die Wahl, den Prozess anzunehmen oder abzulehnen, er stand mittendrin und musste sich wehren. […] Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund.“ (HL S. 89 Z. 31ff.)

  • "Es gab keine Schuld.“ (HL S.89 Z. 42)

  • "Der Prozess war nichts anderes als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil für die Bank abgeschlossen hatte, innerhalb dessen, wie dies die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt werden mussten.“ (HL S.89f. Z.42)

  • "Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit Gedanken an irgendeine Schuld spielen, sondern den Gedanken an den eigenen Vorteil möglichst festhalten.“ (HL S.90 Z. 3f.)

  • "Zu diesem Zwecke würde es natürlich nicht genügen, dass K. wie die andern im Gang saß und den Hut unter die Bank stellte.“ (HL S.90 Z 15 f. – vgl. HL S.50 Z. 27)

  • "Er selbst oder die Frauen (!) oder andere Boten mussten Tag für Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen, […] K.s Eingabe zu studieren. Von diesen Anstrengungen dürfte man nicht ablassen, alles müsste organisiert und überwacht werden (!), das Gericht sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand.“ (HL S.90 Z.16)

  • "…] die Eingabe musste gemacht werden.“ (HL S.91 Z. 1f.)

  • ...

 

     
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