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Kafka: Prozess - Der Onkel / Leni

Leni - "Hexe" und ein "kleines schmutziges Ding"?

Aspekte der Figurencharakterisierung


Die Gestalt der Leni in Franz Kafkas Roman "Der Prozess" polarisiert noch heute. Insbesondere Schülerinnen und Schüler, die sich mit ihr befassen, schwanken noch immer zwischen Ablehnung und meist, vielleicht nur entwicklungsbedingt zögerlicher Be- und Verwunderung über das unmittelbare, an sexueller Befriedigung orientierte Verhalten der Figur. Ihre Triebhaftigkeit, Ausdruck einer weitgehend selbstbestimmten Sexualität, passt auch heute, im Zeitalter des medial omnipräsenten One-Night-Stands, so scheint es, noch nicht wirklich in die sexuelle Landschaft, das sexuelle Geschlechterverhältnis von Mann und Frau. Kaum eine andere Frauengestalt Kafkas ist bei zahlreichen Interpreten so schlecht weggekommen wie Leni, bei kaum einer anderen Figur werden die moralischen Voraussetzungen ihrer Interpreten so offenkundig wie bei ihr, und bei kaum einer anderen Figur hat die Tatsache, ob ihr Interpret männlich oder weiblich ist, einen solchen Ausschlag gegeben.

  • So betont Walter Sokel (1976, S. 213), dass Lenis "Sirenenziel" die "Versklavung" des Angeklagten sei, die "Hunde aus den Klienten ihres großväterlichen Geliebten" mache. Er fährt fort: "Sades Orgien, Sacher-Masoch und Stekels Krankheitsgeschichten des Sado-Masochismus fallen einem ein, wenn man vom Haushalt des Advokaten [...] liest. Diese Gefängnisse in bürgerlichen Wohnungen, in denen erwachsene Männer zu dauernd gezüchtigten Kindern und getretenen Tieren erniedrigt werden, erinnern ebenso an private Konzentrationslager wie an die Wohnungen eleganter Pariser Faubourgs in dem Roman des Marquis de Sade, wo Menschen zur alltäglichen Belustigung der Eigentümer gefoltert und geschlachtet werden."
  • Wenn Heinz Pollitzer (1978, S.304f.) Leni als einziges Gefühl "Männerhunger" bescheinigt, kann er ganz offensichtlich den männlich-moralisierenden Zeigefinger kaum verbergen, wenn er über Leni urteilt: "Sie ist eine Zwangsschwätzerin, die ihre Gedanken sozusagen im Naturzustand, das heißt in voller grausamer Nacktheit wiedergibt, wobei der Wirklichkeitsgehalt dieser Gedanken für sie keine Rolle spielt." In dem vom Advokaten Huld als "Zudringlichkeit" bezeichneten Verhalten Lenis sieht Pollitzer gar den "insektenhafte(n) Wunsch, sich festzusetzen und einzusaugen, dem eine unstillbare Aggressivität zugrunde liegt." Aber indem sie diese Affären berichtet, verrät sie das einzige Gefühl, dessen sie fähig zu sein scheint, ihren Männerhunger."

Es lohnt sich daher, einen genaueren Blick auf die Figur zu werfen.

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   Arbeitsanregungen:
  1. Führen Sie die Liste zur Figurencharakterisierung von Leni fort.
  2. Belegen Sie Ihre Ausführungen mit dem Verweis auf die entsprechende Textstelle. (→teachSamOER-Dokument)
 
     
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