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Franz Kafka: Kleine Fabel

Interpretation

Hans-Christoph Nayhauss, 1974 (Auszüge)


Die nachfolgende Interpretation ist im schwierigen Stil der sogenannten Frankfurter Schule verfasst. (Zu ihr gehören u.a. Philosophen und Soziologen, die nach 1968 die literatur-wissenschaftliche Diskussion beherrschten.) Von Nayhauss geht von der Annahme aus, dass man bei dem Wort Fabel unwillkürlich daran denkt, was die Gattung zur Zeit ihrer Blüte, also im achtzehnten Jahrhundert, bedeutet hat. Für den heutigen Leser / Rezipienten entsteht dadurch eine Verunsicherung, dass er der Fabel Kafkas keine Lehre zu entnehmen kann, keine Lebensanweisung, wie sie sonst bei der Textsorte üblich.. Sie hat, nach Nayhauss keine "zivilisatorischen effekte", spiegelt keine "selbst- und fremdszwänge" wider, also auch keinerlei zeitgebundene Verhaltensregeln und -vorstellungen, die man sich auferlegt oder die einem auferlegt werden, weil es so üblich oder Sitte ist.

Von der gattung fabel ist die rede; das attribut "klein" tritt zunächst hinter diesem leitwort zurück. Aufgrund welcher elemente der form und des aufbaus der fabel, wie sie traditionellen vorstellungen entsprechen, konnte Brod den text als kleine fabel einordnen? Es treten tiergestalten auf als spieler und gegenspieler. Letzeres hat einen antithetischen aufbau zur folge. Die handlung setzt ohne umschweife ein. Das geschehen endet mit der niederlage des einen und dem sieg des anderen parts. Der dialog ist alleiniger handlungsträger. Der text enthält eine lehre, die häufig zugleich zur pointe wird. Die bildhälfte der fabel hat dabei die sachhälfte zu unterstützen, d.h., die lehre zu veranschaulichen. Es soll also nichts verrätselt werden wie bei der allegorie. Soweit die hauptkennzeichen der gattungsform! Sie mögen Brod veranlasst haben, den text als fabel zu überschreiben. [...]
Liegt nach diesen feststellungen im sinne der fabel nun auch "ein typischer Fall vor, der als Beispiel für viele Fälle gilt und hier in ein besonderes Gewand gekleidet ist"? Oder, um es mit Lessing fabelideologisch zu sagen, wird hier einem besonderen falle wirklichkeit erteilt und eine geschichte daraus gedichtet, "in welcher man den allgemeinen (moralischen) Satz anschauend erkennt" (Lessing)? Wenn Lessing demonstrativ von dem allgemeinen satz spricht, kann er sich auf ein allgemein als gültig postuliertes moral-, wert- und ordnungsgefüge als bezugspunkt aller menschlichen verbindlichkeiten stützen. Die konsequenz dieser anschauung beruht darin, dass man glaubt, die allgemein gültige wahrheit enträtseln, entschlüsseln zu können. [...]
Das im 18. jahrhundert propagierte ordnungsgefüge hatte zivilisatorische effekte. Die lehre hingegen, die Kafkas katze der maus erteilt, ist nur egoistischen zwecken. Sie ist aus der perspektive einer von katzen bestimmten welt gesprochen, die den mäusen keinen raum lässt. [...]
Haben wir hier im traditionellen fabelsinne einen dialog vor uns? Wir erfahren im ersten teil nichts von einem dialogpartner. Es heisst: "Ach, sagte die Maus,...". Wie erfahren nicht, dass sich die maus dabei an jemanden wendet, wie es in der fabel sonst üblich ist, damit man die konfliktsituation sofort überblickt. Hier referiert und reflektiert die maus ihr leben und ihre situation. Deren kennzeichen sind orientierungslosigkeit und angst. Beide aber sind als bedrängende fixierung nur aus der subjektiven sichtweise der maus verständlich. Daher ist die klage letztlich monologisch, selbstgespräch mit dem fixierten und sich permanent fixierenden eigenen bewusstsein. Ebenso bleibt die katze monologisch, die freilich aus anderem grund für sich spricht. Sie spricht für sich aus persönlichem nutzen, egoistisch, ohne bezugnahme auf etwas intersubjektiv verbindliches. Ihre äusserung ist allein den absichten und zwecken des persönlichen bewusstseins verhaftet [...]
Aus der notwendigkeit, eine persönliche wahrheit produzieren zu müssen, um überhaupt leben zu können, sucht die maus nach richtungsgebenden mauern. Sie produziert die mauern selbst, sie sind produkte ihres wunschdenkens. Als ausstrahlung ihres individuellen bewusstseins gewinnt jedoch dieser schein der dinge zugleich etwas vernichtendes, die maus tödlich fixierendes. Kafka bezeichnet daher diesen schein der dinge als das böse. Da das bewusstsein der fabelfigur immer nur ansichten von den dingen besitzt, kann noch will es letztlich die wahre situation erkennen. Objektiv gibt es also keine weite und keine mauern, sondern diese sind subjektive wahrheiten, sie sich das bewusstsein selber von seiner Situation geschaffen hat. Kafka entlarvt hier den verinnerlichten seit der romantik als selbstschöpferisch gepriesenen subjektivismus in seiner ganzen gefährlichkeit.

(aus: Nayhauss, Hans-Christoph; Franz Kafkas "Kleine Fabel", in: Wirkendes Wort, 24. Jg., 1974, S. 242-245)
 


   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie die wesentlichen Interpretationsaussagen aus dem Text heraus. 
 

   
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