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Die nachfolgende
Interpretation ist im schwierigen Stil der sogenannten Frankfurter Schule
verfasst. (Zu ihr gehören u.a. Philosophen und Soziologen, die nach 1968 die
literatur-wissenschaftliche Diskussion beherrschten.) Von Nayhauss geht von
der Annahme aus, dass man bei dem Wort Fabel unwillkürlich daran denkt, was
die Gattung zur Zeit ihrer Blüte, also im achtzehnten Jahrhundert, bedeutet
hat. Für den heutigen Leser / Rezipienten entsteht dadurch eine
Verunsicherung, dass er der Fabel Kafkas keine Lehre zu entnehmen kann,
keine Lebensanweisung, wie sie sonst bei der Textsorte üblich.. Sie hat,
nach Nayhauss keine "zivilisatorischen effekte", spiegelt keine "selbst- und
fremdszwänge" wider, also auch keinerlei zeitgebundene Verhaltensregeln und
-vorstellungen, die man sich auferlegt oder die einem auferlegt werden, weil
es so üblich oder Sitte ist.
Von der gattung fabel ist die rede; das attribut "klein"
tritt zunächst hinter diesem leitwort zurück. Aufgrund welcher elemente
der form und des aufbaus der fabel, wie sie traditionellen vorstellungen
entsprechen, konnte Brod den text als kleine fabel einordnen? Es treten
tiergestalten auf als spieler und gegenspieler. Letzeres hat einen
antithetischen aufbau zur folge. Die handlung setzt ohne umschweife ein.
Das geschehen endet mit der niederlage des einen und dem sieg des anderen
parts. Der dialog ist alleiniger handlungsträger. Der text enthält eine
lehre, die häufig zugleich zur pointe wird. Die bildhälfte der fabel hat
dabei die sachhälfte zu unterstützen, d.h., die lehre zu veranschaulichen.
Es soll also nichts verrätselt werden wie bei der allegorie. Soweit die
hauptkennzeichen der gattungsform! Sie mögen Brod veranlasst haben, den
text als fabel zu überschreiben. [...]
Liegt nach diesen feststellungen im sinne der fabel nun auch "ein
typischer Fall vor, der als Beispiel für viele Fälle gilt und hier in ein
besonderes Gewand gekleidet ist"? Oder, um es mit Lessing fabelideologisch
zu sagen, wird hier einem besonderen falle wirklichkeit erteilt und eine
geschichte daraus gedichtet, "in welcher man den allgemeinen (moralischen)
Satz anschauend erkennt" (Lessing)? Wenn Lessing demonstrativ von dem
allgemeinen satz spricht, kann er sich auf ein allgemein als gültig
postuliertes moral-, wert- und ordnungsgefüge als bezugspunkt aller
menschlichen verbindlichkeiten stützen. Die konsequenz dieser anschauung
beruht darin, dass man glaubt, die allgemein gültige wahrheit enträtseln,
entschlüsseln zu können. [...]
Das im 18. jahrhundert propagierte ordnungsgefüge hatte zivilisatorische
effekte. Die lehre hingegen, die Kafkas katze der maus erteilt, ist nur
egoistischen zwecken. Sie ist aus der perspektive einer von katzen
bestimmten welt gesprochen, die den mäusen keinen raum lässt. [...]
Haben wir hier im traditionellen fabelsinne einen dialog vor uns? Wir
erfahren im ersten teil nichts von einem dialogpartner. Es heisst: "Ach,
sagte die Maus,...". Wie erfahren nicht, dass sich die maus dabei an
jemanden wendet, wie es in der fabel sonst üblich ist, damit man die
konfliktsituation sofort überblickt. Hier referiert und reflektiert die
maus ihr leben und ihre situation. Deren kennzeichen sind
orientierungslosigkeit und angst. Beide aber sind als bedrängende
fixierung nur aus der subjektiven sichtweise der maus verständlich. Daher
ist die klage letztlich monologisch, selbstgespräch mit dem fixierten und
sich permanent fixierenden eigenen bewusstsein. Ebenso bleibt die katze
monologisch, die freilich aus anderem grund für sich spricht. Sie spricht
für sich aus persönlichem nutzen, egoistisch, ohne bezugnahme auf etwas
intersubjektiv verbindliches. Ihre äusserung ist allein den absichten und
zwecken des persönlichen bewusstseins verhaftet [...]
Aus der notwendigkeit, eine persönliche wahrheit produzieren zu müssen, um
überhaupt leben zu können, sucht die maus nach richtungsgebenden mauern.
Sie produziert die mauern selbst, sie sind produkte ihres wunschdenkens.
Als ausstrahlung ihres individuellen bewusstseins gewinnt jedoch dieser
schein der dinge zugleich etwas vernichtendes, die maus tödlich
fixierendes. Kafka bezeichnet daher diesen schein der dinge als das böse.
Da das bewusstsein der fabelfigur immer nur ansichten von den dingen
besitzt, kann noch will es letztlich die wahre situation erkennen.
Objektiv gibt es also keine weite und keine mauern, sondern diese sind
subjektive wahrheiten, sie sich das bewusstsein selber von seiner
Situation geschaffen hat. Kafka entlarvt hier den verinnerlichten seit der
romantik als selbstschöpferisch gepriesenen subjektivismus in seiner
ganzen gefährlichkeit.
(aus: Nayhauss,
Hans-Christoph; Franz Kafkas "Kleine Fabel", in: Wirkendes Wort, 24. Jg.,
1974, S. 242-245)
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