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Franz Kafka: Gibs auf!

Interpretationsansätze von Kielinger (1971), Politzer (1978) und Richter (1962)

Gert Egle


Franz Kafkas Parabel "Gibs auf" hat verschiedene Literaturwissenschaftler angeregt, Interpretationen zu verfassen. Dabei hat die offene Form dieser und anderer derartiger Erzählungen, die Kafka immer wieder meisterhaft unter Beweis stellte (vgl. Politzer 1978), auch ganz unterschiedliche Sichtweisen bzw. Deutungsperspektiven auf den Text gebracht: Historisch-biografische, soziologische, psychologische, marxistische, existenzialistische, rezeptionsästhetische und andere Interpretationen konkurrieren dabei miteinander und ein Ende ist nicht abzusehen, versucht sich doch so gut wie jeder neuartige Interpretationsansatz am Werk dieses Dichters. Dementsprechend kann und soll an dieser Stelle nicht versucht werden, Licht in die "labyrinthische Fülle an Arbeiten über Kafka" (Andringa 2008, S.318)zu bringen und einen Gesamtüberblick über die wissenschaftlichen Interpretationen zu geben. Stattdessen sollen wenige Beispiele exemplarisch aufzeigen, wie vielfältig die Ansätze sind, mit denen Interpreten den Text zu fassen versuchen. Die "Unerschöpflichkeit, die Vieldeutbarkeit oder gar Undeutbarkeit von Kafkas Werk" (ebd., S.315) steht dabei freilich außer Frage. Wenn "Deutungsprozesse vor allem darin bestehen, Bedeutungen sinnvoll miteinander zu verknüpfen und in einen Zusammenhang zu stellen", indem "jeweils Bezüge zwischen Elementen innerhalb eines Textes oder Œvres oder zwischen Text und Bezugsfelder außerhalb des Textes hergestellt, geprüft und ausgefüllt werden, die sich gegenseitig erhellen und zur Bereicherung des Verstehens und zur Sinnfindung beitragen" (ebd., S. 318), dann ist zumindest dem Anspruch auf die "richtige" Interpretation, bildlich gesprochen, die Zähne gezogen. Die (Re-)Kontextualisierung des Verstehens von Texten ist dann aber auch nicht nur eine akademische Disziplin, denn, wie Azinga weiter betont, "(ist) die Art und Weise, wie die Bezüge hergestellt werden, (...) von den Fragestellungen und Interessen der Interpreten gelenkt" (ebd.). Dies gilt um so mehr im Rahmen des schulischen Literaturunterrichts: Fragestellungen und Interessen von Schülerinnen und Schülern von heute dürfen sich Kafkas Texten anders nähern als akademische Interpretation, die von ihren disziplinären Konventionen, Entwicklungen und Moden bestimmt sind. (vgl. ebd.) Unter diesem Blickwinkel betrachtet verliert auch die Unterscheidung in "ältere" und "neuere" Kafka-Forschung ihren "modischen" Schrecken.
Die nachfolgende Darstellung verschiedener Interpretationsansätze, die exemplarisch zu den "älteren" gehören, können dennoch wertvolle Einblicke in Kafkas Text geben und die (Re-)Kontextualisierung des Textes durch Schülerinnen und Schülern fördern.

"Die alltägliche Situation hat sich in einen Alptraum verwandelt." - Die werkimmanente Interpretation von Thomas Kielinger (1971)

Thomas Kielinger (1971) folgt in seiner Interpretation, die am 2.1.1971 in der Zeitung Die Welt - Nr.1 veröffentlicht wurde, den hermeneutischen Prinzipien der werkimmanenten Methode, indem er den Text einer genauen Analyse unterwirft, die bis ins Detail reicht. Wort für Wort, Satz für Satz wird die Erzählung analysiert, um am Ende den Schluss ziehen zu können, dass die "Geschichte (...) mit rigoroser Konsequenz auf das Einverständnis mit dem "Notwendigen", dem Entzug der Hoffnung, angelegt (ist)." Die Genauigkeit und den Fortgang seiner Analyse lohnt es sich näher zu betrachten: "Jemand ist auf dem Weg zum Bahnhof. Die Zeit: »Sehr früh am Morgen«, die Straßen: »rein und leer«. Das suggeriert Sicherheit; wer sehr früh am Morgen, bei offenem Weg, zum Bahnhof aufbricht, braucht nicht zu fürchten, seinen Zug zu verpassen. Diese Freiheit von Angst gibt auch der Sprache ihre Form: die Worte wiegen sich in der Ruhe abgewogener Alternation. Man hört den gleichmäßigen Schritt der ihrer Sache, ihres Weges sicheren Person. Zwei kurze Hauptsätze, von einer hauptsatzartigen Apposition unterbrochen, aber im Fluss nicht gehindert, geben der Einleitung ihre thematische wie sprachliche Zielstrebigkeit. Den Abschluss bildet der Spondeus1 "Bahnhof" - das Bild zweifelsfreier Zuversicht ist vollkommen, Vertrauen verbreitet sich." Im Anschluss daran bemühe sich das Ich darum mit Hilfe einer Autorität, zu der es sich in Beziehung setzen könne, sich und seine Situation in raumzeitlichen Koordinaten zu verorten. Diese Autorität stelle zunächst einmal die Turmuhr dar, an der er seine eigene Uhr auszurichten gedenke. Im Unterschied zum Eingangssatz würden damit aber differenzierte Vorgänge in Spiel gebracht, "die, sprachlich analog, in der Form differenzierterer Satzstruktur artikuliert werden."
So erweise sich rasch, dass die Vorstellung, es sei noch früh am Morgen, die der Mann zunächst hat, als eine Illusion, denn in Wahrheit ist es eben »schon viel später« als er geglaubt. So werden seine Handlungsspielräume, die ihm angesichts dieser Situation bleiben, enger und er muss sich »beeilen«. Und die Notwendigkeit zur Eile, das Müssen, welches das Ich unumstößlich feststellt, führt Kielinger zur Überlegung, ob es nicht prinzipiell denkbar sein könnte, "dass die Turmuhr vorgeht, wäre es nicht grundsätzlich angebracht, die Autorität dieses öffentlichen Chronometers wenigstens für einen kurzen Augenblick in Zweifel zu ziehen?" (ebd.) Die Art und Weise, wie das Ich sich dieser Autorität »ohne Gegenwehr« unterwerfe, lasse schon das endgültige Scheitern erahnen. (vgl. ebd.) Wer Kafka kennt, weiß dass damit eine quasi "archetypische2 Kafka-Situation" in ihrer Entstehung erzählt wird, die beklemmend wirken kann. Dabei wisse man aber zunächst nicht, ob dies eher "der a priori3 gegebenen Unerbittlichkeit der Umwelt oder der nicht weniger "prästabilierten"4 Opferbereitschaft des Individuums" zuzuschreiben sei. In ihrer strukturellen Koppelung aneinander liegt daher sicher die Ursache dieser Wirkung, die sich auch im Bewusstsein des Ichs widerspiegeln. Und dies mit gravierenden Folgen. Als es nämlich feststellt, dass es erschrocken darüber »im Weg unsicher« geworden ist. "Mit dem Einsetzen der Angst," so Kielinger weiter, "beginnen die beiden Koordinaten Raum und Zeit sich zu verändern. Bei viel Zeit, wie sie der erste Satz zu suggerieren5 schien, tritt der Raum zurück, gibt den Einzelnen frei; wird die Zeit knapp, rückt auch der Raum wieder zusammen, stellt sich feindselig in den Weg. Der Schrecken pflanzt sich kettenreaktionsartig fort: fehlt es an Zeit, dann wächst auch die Gefahr, die Raumorientierung zu verlieren (»ließ mich im Weg unsicher werden«), und es ist nur ein kleiner Schritt zu dem katastrophalen Eingeständnis »ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus«. Was folgt, ist eine Kettenreaktion des Schreckens, denn wenn jemand in einer solchen Situation keine Zeit mehr hat, kann er eben auch leicht die räumliche Orientierung verlieren. Das Eingeständnis des Mannes, sich in »in dieser Stadt noch nicht sehr gut« auszukennen, das sich für das Ich anfangs ohne den Zeitdruck nicht sonderlich folgenreich anfühlte, wird fortan zu einer Bedrohung, die Kielinger in die treffenden Worte fasst: "Was vorher nach freier Bahn aussah, gleicht nun mehr und mehr einem Spinnennetz." Fortan muss eben alles schnell gehen, das Ich legt, wie er fortfährt, "hektisches Tempo" vor, das von sechs parataktisch6 aneinander gereihten Kurzhauptsätzen mit einem ungleichen Rhythmus unterstrichen wird. So wird über die sprachliche Gestaltung der zunehmende Kontrollverlust des Ichs verdeutlicht, das in eine "in sich steigernde Abhängigkeit, Getriebenheit" (ebd.) fällt. So scheint klar: "Aus dem offenen Raum droht ein Labyrinth zu werden, aus gleichmäßig ausgreifenden Schritten panische Bewegungen." (ebd.) Nun kann dem Ich nur noch eine andere Autorität helfen. Es findet diese im Schutzmann, von dem es Hilfe aus seiner ausweglos erscheinenden Lage erhofft. "Im Zustand panischer Angst, wo zwei feindselige Größen wie Zeit und Raum bereits unüberhörbar "Gibs auf" insinuieren7," könnte der Schutzmann Mut machen und Schutz gewähren, geradezu in Umkehrung des von ihm Gesagten "Gib nicht auf" formulieren. hat es der Schutzmann in der Hand, den Bann zu brechen, mit einem ermunternden "Gib nicht auf". Doch das Gegenteil ist der Fall, "die vom Ich an den Schutzmann geknüpften Erwartungen - Erwartungen, die der Leser durchaus teilt - " (ebd.) erfüllen sich nicht. arg auf die Folter gespannt. Stattdessen bahne sich eine zweite Desillusionierung8 bahnt sich an, als der Schutzmann lächelnd sagt: »Von mir willst du den Weg erfahren?« Nicht umsonst sagt Kielinger dazu: "Das ist ein schlechter, ein zeitraubender Witz." Die Gegenfrage, mit der er auf die Frage des Ichs antwortet, und sein Lächeln - "eine Mischung aus Spott, Mitleid und Nicht-helfen-Können" -  halten das fragende Ich auf Distanz, weil sich die um Hilfe angegangene Autorität sich damit letzten Endes auch selbst als solche in Frage stellt. Damit, so Kielinger kehre die Frage auf den ursprünglich Fragenden wie ein Bumerang zurück und dabei werde wertvolle Zeit vertan.
Von besonderer Bedeutung ist für Kielinger "die paradoxale9 Entsprechung der beiden Autoritätsträger »Turmuhr« und »Schutzmann« [...]. Das Ich der Erzählung hatte die Turmuhrauskunft mit keinem Zweifel in Frage gestellt; die sententiöse (im Sinne von englisch sentence" = Urteil) Unerbittlichkeit war vorbehaltlos anerkannt worden. Die erste Antwort des Schutzmannes nun zielt auf die gleiche Wirkung: abweisende Unerbittlichkeit (die sich mit der zweiten Antwort endgültig artikuliert). Aber sie wird diesmal gerade durch das Gegenteil erreicht; durch Infragestellen; denn da das Ich sich dem Schutzmann in der ausdrücklichen Hoffnung auf Hilfe zugewandt hat, muss es sich hier durch Fragwürdigkeit in die gleiche Verzweiflung versetzt sehen, wie vorher durch die Fraglosigkeit der Turmuhrinstanz. Kunstvoll - wenn diese ästhetische10 Vokabel bei der Analyse eines offensichtlich existentiellen11 Textes gestattet ist - zieht hier der Autor, zieht Kafka die Schlinge der Ausweglosigkeit ('doppelt verknotet') um den 'Helden' der Erzählung zusammen. Die alltägliche Situation hat sich in einen Alptraum verwandelt."
Kielinger meint, dass in einer solchen Lage jeder Spruch eine befreiende Wirkung habe, so auch der Spruch »Gibs auf, gibs auf«, mit dem der Schutzmann den Fragenden seiner Verzweiflung überlässt. Im Klartext gesprochen wolle der damit sagen: "Deine Lage ist nicht allein prekär12, sie ist nicht nur unsicher - sie ist hoffnungslos. Die Autorität verstößt den Einzelnen - damit ist auch die letzte Illusion entlarvt: dass der Schutzmann ein 'Schutz'-Mann sei, Schutz gewähren könne. Statt dessen wandte er sich "mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen". Mithin schwindet auch die Hoffnung darauf, im Unglück Gemeinschaft zu finden. Ohne dass an irgendeinem Punkte des Frage- und Gegenfrage-Spiels Kontakt entstanden wäre, entfernen sich die beiden Menschen voneinander wie Gestirne im Schwebezustand unendlicher Beziehungslosigkeit."

Darin zeige sich auch "das Strukturgesetz heimlicher Analogie13* (ebd.). Hatte man nämlich noch am Anfang des Textes, in der Formulierung des ersten Satzes den Eindruck gewinnen können, dass die darin zum Ausdruck kommende Leere ("die Straßen rein und leer") "noch ganz zur Dimension der Hoffnung, der hoffnungsvollen Erwartung" (ebd.) gehöre,  markiere sie die Aussichtlosigkeit jeder Hoffnung, "die Existenzweise einsamer Einzelner im Angesicht absoluter Verurteilung, von der auch der Schutzmann nicht ausgeschlossen bleibt, denn der »große Schwung« umgrenzt auch seine eigene trostlose Isolation. Sein Lachen ist das Lachen der Verzweiflung - es klingt, um ein Wort Kafkas Gustav Janouch gegenüber zu verwenden, nach "ungeweinten Tränen".
So kommt Kielinger  am Ende zum Schluss: "An der End-Gültigkeit der Situation kann kein Zweifel bestehen - und das nicht nur, weil die Geschichte hier tatsächlich abbricht; auf das vernichtende "Gibs auf" (vernichtend für beide Protagonisten) erfolgt kein Protest, das Urteil - wie zuvor bereits die Auskunft der Turmuhr - erfährt keine Infragestellung mehr, provoziert keinen weiteren Einspruch. Die Geschichte ist mit rigoroser Konsequenz auf das Einverständnis mit dem "Notwendigen", dem Entzug der Hoffnung, angelegt."

Die Vieldeutigkeit der Texte akzeptieren - Interpretationsansätze in der Analyse von Heinz Politzer (1910-1978)

Heinz Politzer (1978) kann mit seiner Analyse verschiedener Interpretationsansätze nachweisen, dass es wenig Sinn macht, den vieldeutigen Texten Kafkas einen eindeutigen Sinn zuzuschreiben.

 Unter dem Blickwinkel eines historisch-biographischen Ansatzes betrachtet, leidet, so Politzer, der Mann, der sich in der Parabel auf den Weg mache, "an jener akuten Klaustrophobie von der Kafka fast während seines ganzen Lebens besessen war." Die klaustrophobischen Ängste Franz Kafkas - die Angst also vor geschlossenen Räumen - resultierten dabei aus den Besonderheiten seiner sozialen Existenz in Prag, wo er lebte. Dort habe er als deutscher Jude eine dreifache Ghettoerfahrung machen müssen, "in dem jüdischen zuerst, das seinerseits von aufsässigen Slawen umgeben war, um die als ein dritter Wall die Verwaltung der altösterreichischen Beamtenschaft gezogen war, die bis 1918 im Namen Habsburgs Prag regierte." Wie sein Protagonist in Gibs auf, habe auch Kafka sich in Prag nicht sehr gut ausgekannt, obwohl sie seine Geburtstadt gewesen sei. Allerdings hätten ihm Sprachbarrieren zu schaffen gemacht, die ihn "von den Tschechen, aus denen sich die Bediensteten und Angestellten seines Vaters rekrutierten und aus deren Mitte ihm gegen das Ende seines Lebens die leidenschaftliche Milena Jesenská entgegentrat, (getrennt). Dazu sei noch gekommen, dass die Tatsache, dass er als Jude der österreichischen Oberschicht entfremdet geblieben sei, die in Prag nach den Vorstellungen der längst in die Jahre gekommenen Monarchie den Ton angab. In diese gesellschaftliche Atmosphäre passt dementsprechend auch, was sich in "Gibs auf" ereignet. Denn in "dieser Sphäre erschütterter Autorität" werde der Schutzmann der Parabel zum "Sinnbild eines Staatswesens, das sich zwar in der äußeren Form seiner Ämter noch aufrechterhielt, in allem Wesentlichen aber außerstande war, dem einfachen Untertanen Auskunft, geschweige denn Schutz zu gewähren." Unter diesem Blickwinkel wird die Überraschung, die der Polizist auf die Frage des Mannes zeigt, eine Art "Eingeständnis der Ausweglosigkeit von Österreichs politischem Schicksal", seine Aufforderung aufzugeben gleichsam das Todesurteil für die überkommenen politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein. So lässt sich Kafkas Parabel angesichts ihrer Offenheit durchaus auf eine solche Aussage bringen, wobei freilich zu berücksichtigen ist, dass der Autor selbst das Verhältnis von Mann und Schutzmann bewusst nicht weiter ausgeführt hat,

Betrachtet man die Geschichte von einem psychologischen Ansatz aus, dann, so Politzer, lese sie sich wie eine Studie über Neurasthenie. Diese Nervenschwäche, von der man heute allerdings in der Psychotherapie nicht mehr spricht, da heutzutage etliche andere Krankheitsbilder wie Depressionen oder auch Burn-Out die der Neurasthenie zugeschrieben Symptome aufweisen. Laut Wikipedia gehörte die Diagnose "Neurasthenie" im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht." Zu ihren Hauptsymptomen wurden anhaltende Erschöpfung und Ermüdungszustände gezählt, die auf unterschiedliche Ursachen zurückgeführt wurden und zu Folgeerscheinungen wie "Ermüdung, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen, Neuralgie, Konzentrationsstörungen, Freudlosigkeit und Melancholie. Ferner können sich Betroffene kaum oder gar nicht entspannen, haben davon Spannungskopfschmerz und zeigen sich oft als sehr leicht reizbar. In der Parabel zeigt der Mann nach Politzer dreimal, wie ihm die Nerven versagen: "wenn er sein Zuspätkommen entdeckt, wenn ihn der Schutzmann mit seiner Gegenfrage mystifiziert und wenn er am Ende in die Ohnmacht völligen Schweigens zurücksinkt." Auf diese Weise lieferten in uralte Ängste Situationen aus, deren Probleme er, wegen seiner Ängste, überhaupt nicht anpacken will und kann. Politzer   versteht die Angst des Mannes unter psychologischer Deutungsperspektive als eine Allegorie auf Kafkas Vater und dessen Erziehungsmethoden, so wie sie Franz Kafka im "Brief an den Vater" (1919) selbst beschrieben hat. Genau hier passe nämlich, dass "der Schutzmann (...) dem Wegsuchenden erst mit einer Gegenfrage (antwortet) und dann mit dem vernichtenden Endurteil seiner letzten Worte." Oder wie es im "Brief an den Vater heißt: »Wenn ich etwas zu tun anfing, was Dir nicht gefiel, und Du drohtest mir mit dem Misserfolg, so war die Ehrfurcht vor Deiner Meinung so groß, dass damit der Misserfolg unaufhaltsam war« . Eine besondere Bedeutung gewinnen nach Politzer   aber auch der Schutzmann und der Turm als Phallus-Symbole: So könne man hinter dem Polizisten "die hünenhafte aufgereckte Traumfigur des Vaters" sehen, der dem Sohn den Weg in das normale Leben versperrt habe, und im Tenor des "Gibs auf" dieses Vatersymbols klängen "Kafkas Zweifel an seiner eigenen Männlichkeit" an, die auch im "Brief an den Vater" thematisiert werden.

Neben diesen Deutungsperspektiven lässt sich die Parabel Kafkas auch mit einem religiösen Ansatz interpretieren. Hier stelle der Schutzmann nicht mehr die Figur des leiblichen Vaters dar, "sondern erscheint als der Sendung einer spirituellen Sphäre, die der menschlichen nichts anderes mitzuteilen hat als das Gebot, "es aufzugeben", und sich sodann majestätisch den eigenen Obliegenheiten zuwendet. Das Fremdgefühl des Menschen auf dieser Erde, die Unvertrautheit des Mannes mit der Stadt erhalten nun einen metaphysischen Sinn," wobei das Urteil 'Gibs auf" zum "Gottesurteil" wird (Politzer): "Angesichts dieser totalen Entfremdung zwischen Oben und Unten gewinnt das 'glücklicherweise', mit dem der Wanderer das Sicherheitsorgan begrüßt, den Tonfall religiöser Ironie. Denn für diesen Mann, den Heimatlosen, bedeutet es in der Tat schon unverhofftes Glück, einen Abglanz der verlorenen Heimat zu Gesicht zu bekommen [...] Freilich fügt er im selben Atemzug hinzu, dass dieses Glück ihm nicht gegeben war, freilich vollführt der Polizist den großen Schwung seiner Abwendung, und unsere Anekdote wird zur Aussage über eine Situation der Menschengeschichte, in welcher der Abfall der Welt von ihrem Schöpfer dem Einzelnen als unheimliche Ungewissheit über seinen Weg ins Bewusstsein getreten ist."

"Die Realität wird durchgängig mystifiziert." Helmut Richters Ablehnung der Parabel aus der Sicht der DDR-Literaturwissenschaft

Helmut Richter (1962, S.219) macht aus seiner Ablehnung der Parabel Kafkas aus der Sicht der DDR-Literaturwissenschaft der sechziger des vorigen Jahrhunderts keinen Hehl. Für ihn manifestiert sich in der Erzählung "die untergründige Sinnlosigkeit des Lebens" und damit eine werde eine Vorstellung von (gesellschaftlicher) Wirklichkeit zur Darstellung gebracht, "die infolge der Betrachtungsweise eines durch diese Widersprüche entscheidend beeinflussten Beobachters abermals entstellt worden ist." Er stützt seine Behauptung u. a. auf die nachfolgende Analyse: "Der Schutzmann, der auf die unbefangene Frage nach dem Weg zum Bahnhof ein höhnisches "Gibs auf!" zur Antwort gibt, wird zum Propheten der Vergeblichkeit alles Suchens überhaupt. Hier ist nur ganz persönliches Weltgefühl gestaltet, der Komplex eines Menschen, dem das Leben infolge seiner spezifischen Betrachtungsweise des Daseins - die natürlich letzten Endes durch gesellschaftliche Erfahrungen bedingt ist - nichts mehr zu bieten hat." So habe das Stück den den Charakter einer Traumepisode". Daher sei das Stück im Grunde "nur die schlaglichtartige Inkarnation eines falschen Dogmas und vermag auch in der Gestaltung nicht zu überzeugen. Es ist bezeichnend, dass Kafka immer auch künstlerisch scheitert, sobald er zu gestalten versucht, dass es grundsätzlich unmöglich sei, mit der Welt fertig zu werden. Ein weiteres Beispiel dafür ist das ebenso rein artifizielle Stück »Eine alltägliche Verwirrung«, das ein zufälliges Verfehlen zweier Menschen so monströs systematisiert, bis nur absoluter Unsinn übrig bleibt. Hier liegt nur noch eine sehr indirekte Widerspiegelung vor: Nicht eine durch Widersprüche entstellte Wirklichkeit wird dargestellt, sondern eine Wirklichkeit, die infolge der Betrachtungsweise eines durch diese Widersprüche entscheidend beeinflussten Beobachters abermals entstellt worden ist. Künstlerische Erkenntnis und Gestaltung von Realität ist auf dieser Basis nicht möglich. Die Realität wird durchgängig mystifiziert."

WORTERKLÄRUNGEN:

1 Spondeus: Versfuß aus zwei Längen
2
archetypisch: der Ursprungsform entsprechend, der Urform entsprechend
3 a priori: allg. von vornherein, grundsätzlich; von der Erfahrung oder der Wahrnehmung unabhängig; durch vernunftgemäßes, logisches Erschließen gewonnen;
4 prästabiliert: im Voraus festgelegt, nicht veränderbar
5 suggerieren: 1. jemandem etwas einreden, ohne dass dies dem Betroffenen bewusst wird; 2. darauf abzielen, einen bestimmten Eindruck entstehen zu lassen, der den Tatsachen nicht entspricht (täuschen)
6 parataktisch: Aneinanderreihung von Hauptsätzen (→Parataxe)
7 insinuieren: einschmeicheln
8
Desillusionierung: 1. (ohne Pl.) Enttäuschung, Ernüchterung 2. enttäuschendes Erlebnis; Erfahrung, die eine Illusion zerstört
9 paradoxal: auch: paradox; 1. widersinnig, einen Widerspruch enthaltend 2. (ugs.) sehr merkwürdig, unsinnig, völlig abwegig
10 ästhetisch: 1. die Ästhetik betreffend 2. stilvoll, schön, geschmackvoll
11 existentiell: auf das unmittelbare und wesenhafte Dasein bezogen, daseinsmäßig
12
prekär: misslich, schwierig, heikel
13 Analogie: Entsprechung, Ähnlichkeit, Übereinstimmung

 

 
 
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