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Kafka: Brief an den Vater

Flucht als eine Art Selbstbehauptung

Walter Sokels (2006) Sicht auf Kafkas "Poetik der Flucht"


Walter Sokel (geb. 1917), einer der renommiertesten Kafka-Forscher, betont bei der Betrachtung von Franz Kafkas "Brief an den Vater", dass dieser sowie andere Dokumente aus Kafkas Leben wie z. B. seine Tagebücher, "(...) von tiefstgehender Ambivalenz gegen Autorität im Allgemeinen und die Autorität seines Vaters im Besonderen (zeugen). Auch gaben sie schwersten Selbstzweifeln, bittersten Selbstanklagen und der Selbstverdammung Ausdruck, die kaum ihresgleichen in autobiographischem Schreiben finden. Verehrung des Vaters, der prototypischen Autoritätsgestalt in Kafkas Leben, wechselte ab mit zutiefst rebellischer, ironischer und satirischer Kritik.“ (Sokel 2006, S.22)

Der Entwurf von Kafkas "Poetik" im Brief an den Vater

Zudem entwirft Kafka nach Ansicht Sokels im Brief an den Vater in gewisser Hinsicht seine "Poetik": "Darin gibt er zwei einander widersprechende Intentionen an, die seinem Schreiben zugrunde liegen. Einerseits, so behauptet er, handelt all‘ sein Schreiben von seinem Vater. Schreiben ist ein armseliger Ersatz für die fehlende Anwesenheit des Vaters, für die Verbundenheit mit ihm, die der Vater seinem Sohn immer versagt hat. Im Schreiben, so legt es Kafka dar, stimmt er die Klage an, die ihm an des Vaters Brust zu äußern untersagt ist. Das Schreiben wird zum Ersatz des Lebens. Es gibt der Abwesenheit eine Stimme; es weist auf die Lücke hin, durch die verschwunden ist, was das Herz ersehnt. Schreiben ist Trauern um einen Verlust, ein verhüllter Hilferuf um eine Wiederherstellung, die aber niemals kommen wird. Schreiben drückt die Sehnsucht nach der unmöglichen Wiederkehr väterlicher Gnade aus. […] Obgleich das erwachsene Ich die Wiederkehr blockiert, deutet die Tätigkeit des Schreibens wenigstens die Richtung an, in der eine Überwindung dieser Blockierung liegen mag. Schreiben fungiert als symbolischer Ersatz für die Auflösung des Hindernisses, das das Ich ist. […](Sokel 2006, S.25f.)
Zugleich müsse man aber auch berücksichtigen, dass Kafka an einer anderen Stelle im "Brief an den Vater" von einer geradezu entgegengesetzten Intention für sein Schreiben spreche. An dieser Stelle nämlich erklärt er, "dass sein Schreiben Flucht vor dem Vater ist, ein Streben fort von ihm: Zuflucht und einzig mögliches Sich-Verbergen dort, wohin die Macht des Vaters sich nicht erstreckt.“ (ebd.)

Die Vaterfigur, die Franz Kafka erlebt und in seinem ambivalenten autobiographischen Schreiben darüber verarbeitet, wird dabei nach Ansicht Sokels in seinem späteren Werk "erweitert und verallgemeinert […] zu patriarchalischer Autorität überhaupt und schließlich kollektivisiert als Familie, Gemeinschaft, Volk, biologische Art und Gattung und letzten Endes als prokreatives Leben, als Natur, als physische Wirklichkeit“ (Sokel 2006, S.26)

Flucht als eine Art Selbstbehauptung

Walter Sokel erkennt aber in dem Bemühen von Franz Kafka, sich vor dem Vater zu verbergen, nicht nur eine Fluchttendenz, die den Sohn nur zum Opfer eines übermächtigen Vaters stempelt. Denn "Flucht ist", so Sokel, "eben auch eine Art von Selbstbehauptung, da sie versucht, das Selbst aus der Reichweite patriarchalischer Macht zu retten. In dieser selbsterhaltenden Abwehr entdeckt das Selbst seine eigene Macht, zwar völlig verschieden von der naturverliehenen Macht der Vatergestalt, aber potenziell ihr überlegen wie das Geistige und Magische der natürlichen Macht überlegen ist. In dieser Poetik der Flucht ist Schreiben kein Trauern mehr um Fernbleiben und Verlust, sondern Basis trotziger Selbsterhöhung und deren Bekräftigung."  (Sokel 2006, S.26)
In ähnlicher Weise hat dies Marcel Reich-Ranicki (Kafka der Liebende 1977) ausgedrückt, der die "Angst vor dem Tod und also vor dem Leben" als das zentrale Movens in Kafkas Leben allgemein und bei seinem Schreiben ansieht. Seine Angst habe ihn letztlich zum Schreiben gezwungen und sein Leben zur Qual gemacht und sein Werk sei damit "Beschreibung eines Kampfes mit der Angst", " Angst vor der Demütigung und Hilflosigkeit, vor Folter und Grausamkeit, vor dem Vater und vor der Familie, vor der Schwäche und vor Impotenz, vor der Heimatlosigkeit und der Vereinsamung, der Wurzellosigkeit und der Entfremdung, vor dem jüdischen Schicksal".

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 05.02.2014
 

   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Bedeutung der Brief an den Vater nach Ansicht Sokels für Franz Kafka als Person und sein literarisches Schaffen hat.
  2. Nehmen Sie zur These Sokels kritisch Stellung, wonach Kafkas Poetik der Flucht als "Basis trotziger Selbsterhöhung und deren Bekräftigung" gesehen werden müsse.
     
     
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