Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Kafka: Brief an den Vater

Interpretation

Ralph Lilienthal, 1995  (Auszug)


Der Brief an den Vater ist die einzig größere biographische Äußerung Franz Kafkas. [...] Kafka berichtet ja nicht bloß im Rückblick von den Ereignissen, die sich im Laufe seines Lebens abgespielt haben. Vielmehr analysiert und wertet der Brief diese Ereignisse. Dass dabei manches falsch oder verzerrt dargestellt wird, liegt auf der Hand. [...]
Diese Verfälschungen rühren einerseits aus der Zielrichtung des Briefes, andererseits trägt auch die Selbsteinschätzung Kafkas dazu bei. Er bezichtigt sich des Geizes [S.31], was allerdings seinem tatsächlichen Verhalten widerspricht. Weiter schimpft er sich als schlechter Schüler [S.44f]. Auch dies eine offensichtliche Fehleinschätzung. Kafka wurde sogar von einem Schulkollegen als "Musterschüler" bezeichnet. Mag diese Einschätzung, ob seiner Schwäche im naturwissenschaftlichen Bereich, etwas übertrieben sein, so stellt ein anderer ehemaliger Mitschüler später sicher: "Er war nicht eben ein hervorragender Schüler, drohte aber auch nie durchzufallen." Seine Sorgen, die er wegen der Matura hatte, waren also gänzlich unbegründet. Auch die negative Beurteilung seiner Arbeit in der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt [S.44] verdeutlicht die verkehrte Sichtweise, die Kafka von sich und seiner Umwelt hatte. Sein Mitarbeiter Alois Gütling lobte ihn im Rückblick: ,Besonders bei letzterer Agenda war Kafka hervorragend tätig und seine Erledigungen waren in juristischer Hinsicht ein Vorbild für andere." Warum Kafka hier ein so negatives Bild von sich zeichnet, scheint klar. Kafka empfand dies alles schon immer so. Kafkas ganzes Leben war geprägt von dieser ständigen Verzweiflung. Nicht nur im Brief an den Vater bedrücken Franz Kafka diese Gefühle, seine Tagebücher dokumentieren dies. "Die schreckliche Unsicherheit meiner inneren Existenz." Mit solchen und ähnlichen Sätzen, die Kafka in persönlichen Dokumenten immer wieder äußert, zeigt sich: Dies ist ganz und gar typisch für Kafka und seine Selbstauffassung. Das Besondere am Brief ist jedoch, dass er diese seine Schwäche, versucht zu erklären. Er macht dieses Urproblem seiner Existenz an der Beziehung zu seinem Vater fest. Möglicherweise betont er deshalb auch seine geringe Selbstschätzung etwas über. [...]
Der Adressat des Briefes, Kafkas Vater Hermann, steht im Mittelpunkt dieses Schriftstücks. An ihm lässt sich die Problematik der Subjektivität im Brief an den Vater am besten festmachen. Kafka beschreibt seinen Vater im Brief als Unterdrücker, der die "geistige Oberherrschaft" [S.13] inne hat. "Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist"[S.13], führt er weiter aus. Auch wenn er dies anschließend relativiert ("Wenigstens schien es mir so"[S.13]) und damit auch seine subjektive Wahrnehmung eingesteht, fragt sich ob der Vater diesem Bild tatsächlich entsprach oder ob Kafka dieses bewusst überzeichnet hat. Vermutlich lässt sich darüber nur spekulieren, denn die Meinungen von Kafkas Zeitgenossen gehen auseinander. Nelly Engel, eine Jugendfreundin Kafkas, erhielt im Rahmen ihrer Strumpfsammlung für Flüchtlingskinder von Hermann Kafka persönlich hundert Paar Strümpfe. Max Brod beeindruckte diese Geschichte, die beweise, dass Kafkas Vater kein Tyrann gewesen sei. Brod widersprach dem Bild, das Franz von seinem Vater hatte. Er beschrieb ihn sogar als erkenntnisgetriebenen, menschenfreundlichen Beschwingten. Gleichzeitig bezeichnet er ihn aber auch als Mann, "dessen Herrscherart die Familie am liebsten dauernd um sich versammelt hätte." Derart tyrannisch, wie er von seinem Sohn beschrieben wird, scheint Hermann Kafka also nicht gewesen zu sein. Friedrich Feigl, ein Zeitgenosse Kafkas, beschreibt dessen Vater dagegen eindeutiger: "Er hatte einen despotischen Vater, der ihm ein langweiliges und nüchternes Leben aufzwang, und mit dem er nicht das geringste gemein hatte." [...] Einige Punkte, die Kafka seinem Vater vorhält, treffen scheinbar die Wahrheit. "Es war auch unmöglich, einem vor lauter Ängstlichkeit überscharf beobachtenden Kind begreiflich zu machen", schreibt Kafka im Brief an den Vater, "dass die paar Nichtigkeiten, die Du im Namen des Judentums mit einer ihrer Nichtigkeit entsprechenden Gleichgültigkeit ausführtest, einen höheren Sinn haben könnten."[S.39] Und wirklich, Hermann Kafkas oberflächliches Judentum wird auch von dessen Zeitgenossen betont, etwa von Leopold B. Kreitner. [...] Die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen erdrückten das Selbstbewusstsein des jungen Kafka: "Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mich jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor mir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge."[S.12] Dieser Eindruck Kafkas scheint zumindest nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Ein Mitschüler, der zusammen mit seinem Vater und den beiden Kafkas des öfteren in der Civil-Schwimmschule den Schwimmsport ausübte, berichtet: "Beide Väter waren Naturschwimmer, die mit großem Gepuste ihre mäßigen Künste zeigten." Auch dies verdeutlicht, dass Kafka seinen Vater im Brief keinesfalls ausschließlich falsch darstellt. Es ist natürlich ungemein schwierig, sich Jahre danach noch ein genaues Bild von Hermann Kafka zu machen. Jeder, der ihn kannte, hat eine andere selektive Wahrnehmung, legt seiner Wertung einen anderen Beurteilungsmaßstab zugrunde. Möglich auch, dass Hermann Kafka in der Öffentlichkeit ein anderes Bild abgab als innerhalb der Familie, wie Kafka selbst schreibt[S.35]. [...]
"Du [bist im Gegensatz zu mir] ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit [...]."[S.9] So schildert Franz seinen Vater Hermann. Und dabei spielt es nun wirklich gar keine Rolle, ob der Vater so war oder nicht. Kafka sah sich selbst, wenn er den Vergleich mit dem Vater wagte, als "Wurm"[S.41]. Ausschlaggebend ist also nicht unbedingt wie der Vater war, sondern wie Kafka ihn aufnahm. Dass sein Vater herrschsüchtig war, das ist durchaus möglich. [...] 
 Selbst über Ursachen und Gründe zu spekulieren, ist jedoch schwierig. Wenden wir uns lieber dem Text zu. Dort werden Kafkas Ansichten zu Auswirkungen seiner Beziehung zum Vater beschrieben. Einerseits hebt Kafka die beiden unterschiedlichen Charaktere von Vater und Sohn hervor. Hier der Vater, der mit beiden Beinen in der physischen Wirklichkeit steht und damit den robusten Zweig der Kafkas charakterisiert. Dort der Sohn, "ein Löwy mit einem gewissen Kafkaschen Fond, der aber eben nicht durch den Kafkaschen Lebens-, Geschäfts- und Eroberungswillen in Bewegung gesetzt wird, sondern durch einen Löwyschen Stachel, der geheimer, scheuer, in anderer Richtung wirkt und oft überhaupt aussetzt."[S.9] Andererseits ringt Kafka trotz Kenntnis dieses Unterschieds um die Anerkennung durch den Vater. Seien es die etlichen Tagebucheintragungen, in denen Kafka dieses Bedürfnis artikuliert, oder sei es der explizit im Brief an den Vater geäußerte Wunsch der Anerkennung seines Schreibens[S.41], immer schwingt Kafkas Ruf an den Vater mit, ihm doch ein wenig Beachtung und Aufmerksamkeit zu schenken. Verständlich scheint dies, angesichts der Bewunderung, die Kafka in mancher Hinsicht den Leistungen seines Vaters erwies. Und weil Kafka eben auf der einen Seite den Unterschied zwischen ihm und seinem Vater zu erkennen glaubt, andererseits aber um die Liebe seines Vaters nicht aufhört zu kämpfen, verzweifelt er und resigniert. [...]
Nüchtern gehandelt, wäre es die einzig logische Konsequenz gewesen, nämlich auf Distanz zum Vater zu gehen. Doch diese Kraft zur nüchternen Analyse besitzt Kafka nicht. Statt dessen versucht er auf höchst emotionale Weise, sein bisheriges Leben zu deuten, und zwar anhand der Beziehung zu seinem Vater.[...] Die Einseitigkeit, mit der Kafka hier aber zu Werke geht, wird deutlich in der Beschreibung des Vorfalles auf der Pawlatsche[S.11]. Die Wirkung, die die Strafe des Hinausstellens auf die Pawlatsche für Kafka gehabt hat, ist charakteristisch für den Brief an den Vater. "Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war."[S.11] Dieses Erlebnis war für Kafka - geht man nach dem Brief - von überragender Bedeutung für sein zukünftiges Leben [...]. Aus dieser Darstellung des Vaters als ausschließliche Ursache für die eigenen Lebensprobleme erwuchsen die emotionalen und irrationalen Momente, die Kafka zur Fehlinterpretation verleiteten. So sieht Kafka den Vater als Hauptschuldigen für das neuerliche Scheitern einer Beziehung, in diesem Fall der Beziehung zu Julie Wohryzek [...]. Scheinbar hat Kafka die gerade gescheiterte Beziehung in diesem Zusammenhang falsch eingeordnet. Zwar gab es den im Brief angedeuteten Widerstand des Vaters gegen die Beziehung zu einer Frau, die aus einer von Hermann Kafka nicht akzeptierten gesellschaftlichen Gruppe kam. Doch gab dieser seinen Widerstand noch vor dem die Trennung auslösenden Moment, der gescheiterten Suche nach einer Wohnung, auf. Die Ursachen für den Zusammenbruch der Beziehung liegen jedoch tiefer. Kafka schreibt 1913 in sein Tagebuch: ,Die Erweiterung und Erhöhung der Existenz durch eine Heirat." Doch dieser Anfall von Heiratssehnsucht ist einige Tage später bereits wieder stark abgeschwächt. Kafka stellt zusammen, was für und gegen eine Heirat sprechen würde. Er hofft zwar, durch eine Heirat, aus der Gemeinsamkeit Kraft zu schöpfen und sein Leben positiv zu verändern. Doch treibt ihn die Sorge, das Alleinsein sei die einzige Grundlage für seine Leistungen, die er bisher vollbracht hat, besonders im literarischen Bereich. Gäbe er dieses Alleinsein auf, wäre es ihm nie möglich, so glaubt er, seinen Posten in der Versicherungs-Anstalt aufzugeben. Er könnte sich dann nie mit voller Kraft dem Schreiben widmen. "Nur das nicht, nur das nicht!" , schreibt Kafka nachdem ihm der Gedanke kam, das Schreiben bei einer Heirat sogar ganz aufgeben zu müssen. Und fürwahr, Kafka trübte hierbei sein Gefühl nicht. Immer während den bedeutenden und zeitintensiven Phasen einer Beziehung schrieb Kafka keine literarischen Texte, "stets stellten sich ihm Familie und literarische Arbeit als unvereinbar dar." Regelmäßig setzte Kafkas literarische Tätigkeit wieder ein, so die Beziehung beendet war. Nach dem ersten Misslingen der Beziehung zu Felice im Jahre 1914 entstand beispielsweise »Der Prozess«. Der missglückte Heiratsversuch lässt sich also zweifellos nur geringfügig an der Person des Vaters festmachen. [...] Kafkas Brief muss also unter dem Gesichtspunkt der emotionalen Überbewertung gesehen werden. Kafka hat nicht etwa Unwahres von sich gegeben, seine Analyse ist nur nicht uneingeschränkt haltbar. [...] Der Brief ist also sowohl unter `realen' Bedingungen geschrieben worden als auch unter dem Einfluss subjektiver Gefühle seitens des Verfassers, besonders der Reduktion seiner Lebensprobleme auf die Beziehung zum Vater. So muss das Geschriebene aus den Perspektiven von Kafkas Leben und von Kafkas persönlichen Gefühlen verstanden werden. [...]
Der Brief gerät somit wieder an den Schnittpunkt von Leben und Werk, er ist nicht mehr eine nur den Tatsachen entsprechende Lebensbeschreibung. [...] Weiter dokumentiert dieser Brief die enge Verwobenheit von Kafkas Person und seinem literarischen Werk auf besonders eindrucksvolle Weise. Doch die Rätsel, die Kafka als Mensch und Literat aufwarf, die kann der Brief an den Vater nicht auflösen.[...]

*Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutsches Seminar II Wintersemester 1995/96 Hauptseminar: Franz Kafka Leitung: Prof. Dr. Günter Saße Franz Kafkas 'Brief an den Vater' - der Schlüssel zu Kafka? Ralph Lilienthal Stefan- Meier-Str.81, 79104 Freiburg Tel.0761/275292 Politikwissenschaft, Deutsch, Geographie

   


   Arbeitsanregung

Arbeiten Sie die heraus, welche biographische Bedeutung der Brief an den Vater nach Ansicht des Autors hat.

  

     
Überblick ] Volltext ] Auszug ] Bausteine ]
              
 

logo_sm.jpg (3144 Byte)
Copyright 1999/2010

Home ] Sitemap ] News ] Suche ] Arbeitstechniken ] Deutsch ] Geschichte ] Medien ] Pädagogik ] Politik ] Projekte ] Arbeitslosigkeit ] Psychologie ] Didaktik ] Spiele ] Prüfungen ] textPlus ] Pool ] teachSam-Glossar ] FAQ's ] Copyright ] Über teachSam ] Quellen ] Impressum ] teachSam-Corner ] twitter ]