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Der Brief an den Vater ist die einzig größere
biographische Äußerung Franz Kafkas. [...] Kafka berichtet ja nicht
bloß im Rückblick von den Ereignissen, die sich im Laufe seines Lebens
abgespielt haben. Vielmehr analysiert und wertet der Brief diese
Ereignisse. Dass dabei manches falsch oder verzerrt dargestellt wird,
liegt auf der Hand. [...]
Diese Verfälschungen rühren einerseits aus der Zielrichtung des Briefes,
andererseits trägt auch die Selbsteinschätzung Kafkas dazu bei. Er
bezichtigt sich des Geizes [S.31], was allerdings seinem tatsächlichen
Verhalten widerspricht. Weiter schimpft er sich als schlechter Schüler
[S.44f]. Auch dies eine offensichtliche Fehleinschätzung. Kafka wurde
sogar von einem Schulkollegen als "Musterschüler" bezeichnet.
Mag diese Einschätzung, ob seiner Schwäche im naturwissenschaftlichen
Bereich, etwas übertrieben sein, so stellt ein anderer ehemaliger
Mitschüler später sicher: "Er war nicht eben ein hervorragender
Schüler, drohte aber auch nie durchzufallen." Seine Sorgen, die er
wegen der Matura hatte, waren also gänzlich unbegründet. Auch die
negative Beurteilung seiner Arbeit in der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt
[S.44] verdeutlicht die verkehrte Sichtweise, die Kafka von sich und
seiner Umwelt hatte. Sein Mitarbeiter Alois Gütling lobte ihn im
Rückblick: ,Besonders bei letzterer Agenda war Kafka hervorragend tätig
und seine Erledigungen waren in juristischer Hinsicht ein Vorbild für
andere." Warum Kafka hier ein so negatives Bild von sich zeichnet,
scheint klar. Kafka empfand dies alles schon immer so. Kafkas ganzes Leben
war geprägt von dieser ständigen Verzweiflung. Nicht nur im Brief an den
Vater bedrücken Franz Kafka diese Gefühle, seine Tagebücher
dokumentieren dies. "Die schreckliche Unsicherheit meiner inneren
Existenz." Mit solchen und ähnlichen Sätzen, die Kafka in
persönlichen Dokumenten immer wieder äußert, zeigt sich: Dies ist ganz
und gar typisch für Kafka und seine Selbstauffassung. Das Besondere am
Brief ist jedoch, dass er diese seine Schwäche, versucht zu erklären. Er
macht dieses Urproblem seiner Existenz an der Beziehung zu seinem Vater
fest. Möglicherweise betont er deshalb auch seine geringe
Selbstschätzung etwas über. [...]
Der Adressat des Briefes, Kafkas Vater Hermann, steht im Mittelpunkt
dieses Schriftstücks. An ihm lässt sich die Problematik der
Subjektivität im Brief an den Vater am besten festmachen. Kafka
beschreibt seinen Vater im Brief als Unterdrücker, der die "geistige
Oberherrschaft" [S.13] inne hat. "Du bekamst für mich das
Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht
auf dem Denken begründet ist"[S.13], führt er weiter aus. Auch wenn
er dies anschließend relativiert ("Wenigstens schien es mir
so"[S.13]) und damit auch seine subjektive Wahrnehmung eingesteht,
fragt sich ob der Vater diesem Bild tatsächlich entsprach oder ob Kafka
dieses bewusst überzeichnet hat. Vermutlich lässt sich darüber nur
spekulieren, denn die Meinungen von Kafkas Zeitgenossen gehen auseinander.
Nelly Engel, eine Jugendfreundin Kafkas, erhielt im Rahmen ihrer
Strumpfsammlung für Flüchtlingskinder von Hermann Kafka persönlich
hundert Paar Strümpfe. Max Brod beeindruckte diese Geschichte, die
beweise, dass Kafkas Vater kein Tyrann gewesen sei. Brod widersprach dem
Bild, das Franz von seinem Vater hatte. Er beschrieb ihn sogar als
erkenntnisgetriebenen, menschenfreundlichen Beschwingten. Gleichzeitig
bezeichnet er ihn aber auch als Mann, "dessen Herrscherart die
Familie am liebsten dauernd um sich versammelt hätte." Derart
tyrannisch, wie er von seinem Sohn beschrieben wird, scheint Hermann Kafka
also nicht gewesen zu sein. Friedrich Feigl, ein Zeitgenosse Kafkas,
beschreibt dessen Vater dagegen eindeutiger: "Er hatte einen
despotischen Vater, der ihm ein langweiliges und nüchternes Leben
aufzwang, und mit dem er nicht das geringste gemein hatte." [...]
Einige Punkte, die Kafka seinem Vater vorhält, treffen scheinbar die
Wahrheit. "Es war auch unmöglich, einem vor lauter Ängstlichkeit
überscharf beobachtenden Kind begreiflich zu machen", schreibt Kafka
im Brief an den Vater, "dass die paar Nichtigkeiten, die Du im Namen
des Judentums mit einer ihrer Nichtigkeit entsprechenden Gleichgültigkeit
ausführtest, einen höheren Sinn haben könnten."[S.39] Und
wirklich, Hermann Kafkas oberflächliches Judentum wird auch von dessen
Zeitgenossen betont, etwa von Leopold B. Kreitner. [...] Die
unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen erdrückten das
Selbstbewusstsein des jungen Kafka: "Ich mager, schwach, schmal, Du
stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mich jämmerlich vor, und
zwar nicht nur vor mir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für
mich das Maß aller Dinge."[S.12] Dieser Eindruck Kafkas scheint
zumindest nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Ein Mitschüler, der
zusammen mit seinem Vater und den beiden Kafkas des öfteren in der
Civil-Schwimmschule den Schwimmsport ausübte, berichtet: "Beide
Väter waren Naturschwimmer, die mit großem Gepuste ihre mäßigen
Künste zeigten." Auch dies verdeutlicht, dass Kafka seinen Vater im
Brief keinesfalls ausschließlich falsch darstellt. Es ist natürlich
ungemein schwierig, sich Jahre danach noch ein genaues Bild von Hermann
Kafka zu machen. Jeder, der ihn kannte, hat eine andere selektive
Wahrnehmung, legt seiner Wertung einen anderen Beurteilungsmaßstab
zugrunde. Möglich auch, dass Hermann Kafka in der Öffentlichkeit ein
anderes Bild abgab als innerhalb der Familie, wie Kafka selbst
schreibt[S.35]. [...]
"Du [bist im Gegensatz zu mir] ein wirklicher Kafka an Stärke,
Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit,
Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer
gewissen Großzügigkeit [...]."[S.9] So schildert Franz seinen Vater
Hermann. Und dabei spielt es nun wirklich gar keine Rolle, ob der Vater so
war oder nicht. Kafka sah sich selbst, wenn er den Vergleich mit dem Vater
wagte, als "Wurm"[S.41]. Ausschlaggebend ist also nicht
unbedingt wie der Vater war, sondern wie Kafka ihn aufnahm. Dass sein
Vater herrschsüchtig war, das ist durchaus möglich. [...]
Selbst über Ursachen und Gründe zu spekulieren, ist jedoch
schwierig. Wenden wir uns lieber dem Text zu. Dort werden Kafkas Ansichten
zu Auswirkungen seiner Beziehung zum Vater beschrieben. Einerseits hebt
Kafka die beiden unterschiedlichen Charaktere von Vater und Sohn hervor.
Hier der Vater, der mit beiden Beinen in der physischen Wirklichkeit steht
und damit den robusten Zweig der Kafkas charakterisiert. Dort der Sohn,
"ein Löwy mit einem gewissen Kafkaschen Fond, der aber eben nicht
durch den Kafkaschen Lebens-, Geschäfts- und Eroberungswillen in Bewegung
gesetzt wird, sondern durch einen Löwyschen Stachel, der geheimer,
scheuer, in anderer Richtung wirkt und oft überhaupt aussetzt."[S.9]
Andererseits ringt Kafka trotz Kenntnis dieses Unterschieds um die
Anerkennung durch den Vater. Seien es die etlichen Tagebucheintragungen,
in denen Kafka dieses Bedürfnis artikuliert, oder sei es der explizit im
Brief an den Vater geäußerte Wunsch der Anerkennung seines
Schreibens[S.41], immer schwingt Kafkas Ruf an den Vater mit, ihm doch ein
wenig Beachtung und Aufmerksamkeit zu schenken. Verständlich scheint
dies, angesichts der Bewunderung, die Kafka in mancher Hinsicht den
Leistungen seines Vaters erwies. Und weil Kafka eben auf der einen Seite
den Unterschied zwischen ihm und seinem Vater zu erkennen glaubt,
andererseits aber um die Liebe seines Vaters nicht aufhört zu kämpfen,
verzweifelt er und resigniert. [...]
Nüchtern gehandelt, wäre es die einzig logische Konsequenz gewesen,
nämlich auf Distanz zum Vater zu gehen. Doch diese Kraft zur nüchternen
Analyse besitzt Kafka nicht. Statt dessen versucht er auf höchst
emotionale Weise, sein bisheriges Leben zu deuten, und zwar anhand der
Beziehung zu seinem Vater.[...] Die Einseitigkeit, mit der Kafka hier aber
zu Werke geht, wird deutlich in der Beschreibung des Vorfalles auf der
Pawlatsche[S.11]. Die Wirkung, die die Strafe des Hinausstellens auf die
Pawlatsche für Kafka gehabt hat, ist charakteristisch für den Brief an
den Vater. "Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden
Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast
ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche
tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn
war."[S.11] Dieses Erlebnis war für Kafka - geht man nach dem Brief
- von überragender Bedeutung für sein zukünftiges Leben [...]. Aus
dieser Darstellung des Vaters als ausschließliche Ursache für die
eigenen Lebensprobleme erwuchsen die emotionalen und irrationalen Momente,
die Kafka zur Fehlinterpretation verleiteten. So sieht Kafka den Vater als
Hauptschuldigen für das neuerliche Scheitern einer Beziehung, in diesem
Fall der Beziehung zu Julie Wohryzek [...]. Scheinbar hat Kafka die gerade
gescheiterte Beziehung in diesem Zusammenhang falsch eingeordnet. Zwar gab
es den im Brief angedeuteten Widerstand des Vaters gegen die Beziehung zu
einer Frau, die aus einer von Hermann Kafka nicht akzeptierten
gesellschaftlichen Gruppe kam. Doch gab dieser seinen Widerstand noch vor
dem die Trennung auslösenden Moment, der gescheiterten Suche nach einer
Wohnung, auf. Die Ursachen für den Zusammenbruch der Beziehung liegen
jedoch tiefer. Kafka schreibt 1913 in sein Tagebuch: ,Die Erweiterung und
Erhöhung der Existenz durch eine Heirat." Doch dieser Anfall von
Heiratssehnsucht ist einige Tage später bereits wieder stark
abgeschwächt. Kafka stellt zusammen, was für und gegen eine Heirat
sprechen würde. Er hofft zwar, durch eine Heirat, aus der Gemeinsamkeit
Kraft zu schöpfen und sein Leben positiv zu verändern. Doch treibt ihn
die Sorge, das Alleinsein sei die einzige Grundlage für seine Leistungen,
die er bisher vollbracht hat, besonders im literarischen Bereich. Gäbe er
dieses Alleinsein auf, wäre es ihm nie möglich, so glaubt er, seinen
Posten in der Versicherungs-Anstalt aufzugeben. Er könnte sich dann nie
mit voller Kraft dem Schreiben widmen. "Nur das nicht, nur das
nicht!" , schreibt Kafka nachdem ihm der Gedanke kam, das Schreiben
bei einer Heirat sogar ganz aufgeben zu müssen. Und fürwahr, Kafka
trübte hierbei sein Gefühl nicht. Immer während den bedeutenden und
zeitintensiven Phasen einer Beziehung schrieb Kafka keine literarischen
Texte, "stets stellten sich ihm Familie und literarische Arbeit als
unvereinbar dar." Regelmäßig setzte Kafkas literarische Tätigkeit
wieder ein, so die Beziehung beendet war. Nach dem ersten Misslingen der
Beziehung zu Felice im Jahre 1914 entstand beispielsweise »Der Prozess«.
Der missglückte Heiratsversuch lässt sich also zweifellos nur
geringfügig an der Person des Vaters festmachen. [...] Kafkas Brief muss
also unter dem Gesichtspunkt der emotionalen Überbewertung gesehen
werden. Kafka hat nicht etwa Unwahres von sich gegeben, seine Analyse ist
nur nicht uneingeschränkt haltbar. [...] Der Brief ist also sowohl unter
`realen' Bedingungen geschrieben worden als auch unter dem Einfluss
subjektiver Gefühle seitens des Verfassers, besonders der Reduktion
seiner Lebensprobleme auf die Beziehung zum Vater. So muss das
Geschriebene aus den Perspektiven von Kafkas Leben und von Kafkas
persönlichen Gefühlen verstanden werden. [...]
Der Brief gerät somit wieder an den Schnittpunkt von Leben und Werk, er
ist nicht mehr eine nur den Tatsachen entsprechende Lebensbeschreibung.
[...] Weiter dokumentiert dieser Brief die enge Verwobenheit von Kafkas
Person und seinem literarischen Werk auf besonders eindrucksvolle Weise.
Doch die Rätsel, die Kafka als Mensch und Literat aufwarf, die kann der
Brief an den Vater nicht auflösen.[...]
*Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Deutsches Seminar II Wintersemester 1995/96 Hauptseminar: Franz Kafka
Leitung: Prof. Dr. Günter Saße Franz Kafkas 'Brief an den Vater' - der
Schlüssel zu Kafka? Ralph Lilienthal Stefan- Meier-Str.81, 79104 Freiburg
Tel.0761/275292 Politikwissenschaft, Deutsch, Geographie
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