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A. Allegorische Auslegungen »Eine allegorische Interpretation wird die Fakten des Textes: Herr,
Diener, Pferd, Stall, Tor, Trompete, Abreise, Reise, Proviant, Hunger, Ziel nutzen und
für sie analoge Bedeutungen in einem anderen sinnvollen Kontext finden. Diese Methode
kann etwa so betrieben werden, dass ein bedeutendes Moment wie das Ziel bis zum Ende, wo
es dann als gelungenes Resultat einer Interpretation erscheint, nicht ausgedeutet wird.«
Eine biblisch-christliche Ausdeutung
»Zunächst eine biblische Allegorie: Christus ist der Herr, die
Menschheit ist der Diener. Dieser Diener, unvorbereitet für den Tod wie er ist, hört
nicht den Klang der Trompete und weiß sogar nichts über dessen Bedeutung. Er ist
unfähig zu verstehen, dass der Herr einen besonderen Dienst ausgeführt wünscht, einen
Dienst, für welchen er wesentlich angestellt ist. Christus will den gegenwärtigen
Zustand in der Welt beenden, er gibt seine vorläufige Haltung auf und geht zum Tag des
Jüngsten Gerichts voraus. Das ist das Moment der Krise: die Menschheit ist unvorbereitet.
Christus erscheint in einem neuen und fremden Licht, er scheint äußerlich und innerlich
immer weiter entfernt, und das Ziel, das er für sich selbst formuliert - weg von hier -
ist gleichzeitig ein strenger Befehl für die Menschheit. Das ist die Aussage der
Erzählung: der Herr lässt dem Diener alle Möglichkeit offen, aber wehe ihm, wenn er ihm
nicht folgt, wenn er diese Welt nicht verlässt und alles Angenehme, was sie enthält, und
wenn er sich nicht völlig der Gefahr und Ungewißheit des Weges zu Gott anheim gibt. Wenn
er bleibt, dann wird Christus urteilen, das Urteil wird eine völlige Vernichtung von
allem sein, was hier ist.«
Die geschichtsphilosophische Auslegung
»Eine dritte, historisch orientierte Interpretation: Der Meister ist
ein Mensch, der sich selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer konkreten historischen
Situation hinausstößt - welche Situation der Erzähler mit den Wörtern Stall, Tor,
Diener umschreibt. Der Diener könnte für all die Gegenstände der belebten und
unbelebten Natur stehen, soweit sie von der Menschheit in einer bestimmten historischen
Situation genutzt werden. Fortschritt bedeutet der Klang der Trompete, Fortschritt ist das
Ziel des "Weg-von-Hier"; es erscheint nur vernünftig, dass die Welt mit ihren
traditionellen Formen der Nützlichkeit einen Menschen nicht versteht und ihm nicht helfen
kann, der zu einer besseren Zukunft aufbricht und dessen Denken schon an dieser Zukunft
orientiert ist. Und das ist die Lehre der Parabel: Ein Mensch sollte in einer historischen
Situation unterscheiden zwischen dem, was für den Fortschritt nützlich ist - hier das
Pferd - und was nur hinderlich wirkt - hier: Stall, Tor und Diener. Er sollte sich nicht
mit unnötigen Traditionen belasten, weil die Reise glücklicherweise endlos ist und weil
der Fortschritt so gewaltig sein wird, dass die allmählich zur Vollendung gelangende
Menschheit alles, was jetzt vorstellbar ist, hinter sich lässt. Anstatt uns mit
unnötigen Dingen zu belasten, die im 21. Jh. bedeutungslos werden, sollten wir darauf
vertrauen, dass die Zukunft uns immer wieder mit neuer Kraft für unseren ununterbrochenen
Fortschritt ausstattet und dass es nur von uns abhängt, ob wir uns das Verhungern
erlauben. Ob das so ist oder nicht, können wir nicht wissen. Menschlicher Fortschritt war
gefährlich und mühselig und wird es auch bleiben. Wir können nur unserer Hoffnung
vertrauen, die uns eine bessere Zukunft ausmalt.«
Die marxistische Auslegung
»Die Parabel spiegelt genau die Situation des Künstlers in der
spätbürgerlichen Phase wider. Auf der einen Seite ist die politische und ökonomische
Struktur so überwältigend starr und drückend geworden - man denke an den Diener, der
seinen Herrn aufhält, um eine Menge von Fragen zu stellen -, dass der Künstler (der
Herr) unmöglich bleiben kann; für diesen Typ des bourgeoisen Künstlers muss jede
Verbindung zwischen der Kunst und einer solchen Wirklichkeit schädlich für das Wesen des
Kunstwerks erscheinen. Die einzig mögliche Reaktion scheint für ihn die Flucht - weg von
hier - die Flucht in eine abstrakte und hochfliegende Sprache - der Diener kann ihn nicht
verstehen - die Flucht in Träume - Klänge einer Trompete, die sonst von niemand gehört
werden - Flucht in eine Form des Verhaltens, die der Wirklichkeit nur in einer sehr
indirekten, künstlichen und unwirksamen Weise begegnet. Aber ist das nicht auch Kafkas
Problem? In dieser Parabel kritisiert er seine Zeit, ihre Gesellschaft und ihre Künstler,
aber worüber er schreibt ist: Herr, Diener, Pferd usw. Anstatt zu versuchen, die
Situation der Gesellschaft im Allgemeinen zu ändern, ist er bei all seiner Reflexivität
so schwach und labil wie seine Helden; er ist auch ein Flüchtling. Er begnügt sich, die
äußere Hilflosigkeit festzustellen, anstatt einen Weg zur Verbesserung der Verhältnisse
anzugeben. Seine parabolische, metaphorische, paradoxe Kunst ist ein richtiger Ausdruck
seiner fatalistischen Einstellung. «
B. Symbolische Auslegungen
Diese Folge von allegorischen Interpretationen könnte leicht
fortgesetzt werden: die Erzählung ist in der einen oder anderen Weise auf jede Situation
oder auf jedes Verhältnis, das sich ändert - und Änderung ist überall - anwendbar. Ich
will nun einen zweiten Typ der Interpretation vorstellen, den man den symbolischen nennen
könnte. Er versucht nicht, möglichst viele interpretatorische Entsprechungen für
einzelne Fakten der Geschichte zu finden, sondern konzentriert sich auf das, was am
wichtigsten oder auffälligsten in ihr erscheint. Wir wollen einmal die seltsame Prägung
"Weg-von-Hier" betrachten. Wir bemerken, als Philosophen, die rein transzendente
Struktur dieses Ziels, das in jeder gegebenen Situation gefunden werden kann, oder wir
betonen die Tatsache, dass "Weg-von-Hier" als notwendiges und wirksames Korrelat
für das Prinzip Hoffnung erscheint, eine negative Macht, die den Menschen dauernd aus
seinen kulturellen Sedimentationen hinaustreibt, während das Prinzip Hoffnung mit seiner
utopischen Aktivität die Phantasie zu positiven Zielen hinführt.
Wenn wir auf die Prägung als Psychologen blicken, könnten wir den
kontinuierlichen Prozess der Sublimation entdecken, der in der Parabel dargestellt wird,
oder, indem wir den Autor einbeziehen: wir müssten in ihr die Schwierigkeit ausgedrückt
sehen, die er im Hinblick auf Kommunikation hatte (was in vielen seiner Briefe beschrieben
ist); dann seine Furcht vor irgendwelchen menschlichen Bindungen (ein Faktum, das im
Wechsel seiner Beziehungen zu seinen zwei Verlobten nachweisbar ist). - Wenn man
schließlich die Prägung "Weg-von-Hier" mit den Augen eines Theologen sieht, so
würde sie den Aspekt der radikalen und dauernden Verweigerung der Welt ausdrücken,
welche von echten Gläubigen und besonders von der Mystik erreicht wurde.
Hier will ich mit Durchspielen von interpretativen Möglichkeiten
aufhören; es ist klar und deutlich geworden, dass dieser Typ der symbolischen
Interpretation vermehrt werden könnte, weil die Prägung ein Modell für jede negative
Tendenz oder Haltung in jedem möglichen Gebiet oder Aspekt der Welt darstellt. «
C. Für einen Pluralismus toleranter
Interpretationen
Ich hoffe, dass ich in der kursorischen Darstellung der Interpretationsmöglichkeiten so überzeugend war, dass einsehbar wurde, dass jede dieser
Deutungen möglich ist und dass jede mehr oder weniger alle Fakten der Erzählung in ihre
Analyse einbezieht.
Aber: welche der Interpretationen der Geschichte ist die richtige? Die
Erzählung selbst fordert keine und rechtfertigt auch keine von ihnen besonders. Der
einzig mögliche Schluss ist deshalb, wie mir scheint, dass keine besondere Interpretation
die allein richtige sein kann; dass vielmehr alle spezifischen Interpretationen, die mit
den Daten der Erzählung übereinstimmen, in gleicher Weise berechtigt sind. Die
Richtigkeit jedes Ergebnisses erweist sich als so begrenzt wie der Aspekt, unter dem es
gewonnen wurde; deshalb könnte ein Maximum von Richtigkeit erst dann erreicht werden,
wenn alle möglichen Interpretationen und Aspekte einer Erzählung gesammelt, gleichsam,
wie in der Mathematik, "integriert" würden: wenn ein solcher Prozess außerhalb
der Zahlenwelt durchführbar wäre.
Um zu zeigen, dass wir mit diesem paradoxen vorläufigen Ergebnis in
Übereinstimmung mit Kafkas eigenen Überlegungen sind, zitiere ich aus dem
Prosa-Nachlass: "Das was man ist, kann man nicht ausdrücken, denn dies ist man eben:
mitteilen kann man nur das, was man nicht ist, also die Lüge. Erst im Chor mag eine
gewisse Wahrheit liegen." Wir haben gesehen, dass die besondere Interpretation -
insofern als sie einen begrenzten Aspekt und ein begrenztes Ergebnis hat - notwendig
unvollständig ist und der Ergänzung durch alle anderen möglichen Interessen bedarf, um
im Chor mit ihnen eine gewisse Wahrheit zu konstituieren. Das trifft mit dem Schluss
zusammen, den wir im Blick auf die Haltung der Kafka-Interpretationen ziehen mussten: Jede
Interpretation ist möglich und jede ist nur gültig in Verbindung mit allen anderen.«
Wenn der begrenzte und spezifische Zugriff einer Interpretation ein
begrenztes Ergebnis liefert und damit das, was Kafka eine Lüge nennt, dann wäre ein
richtiger Zugang zu einem Kafka-Text zu verstehen als etwas, was den Text interpretiert,
aber nicht spezifisch interpretiert; als etwas, was ist, aber was nicht spezifisch
bestimmbar ist. Diese Bestimmung ist auch für Texte einer großen Zahl moderner Autoren
gültig. «
(aus: Gaier, Ulrich: Chorus of lies on
interpreting Kafka, in: German Life an Letters, XXII, 1969, S.283-296; Übersetzung aus
dem Englischen von Erwin Leibfried, gekürzt, in: Leibfried, Erwin; Interpretation,
München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 3. Aufl. 1977, S.19-22)
Wort- und Sacherklärungen:
Allegorie
(gr. allegorein = etwas anders sagen, bildlich reden) bildhafte Veranschaulichung eines
Begriffes, eines abstrakten Gedankens oder Begriffsfeldes durch eine Bild- und/oder
Handlungsfolge; oftmals in Form der Personifikation, die quasi flächendeckend über einen
ganzen Text oder mindestens einen Textabschnitt ausgedehnt wird; im Unterschied zur
Metapher willkürliche Beziehung zwischen Bild und Bedeutung, die rational erklärt werden
will; im Vergleich zum
Symbol meist ad hoc
konstruiert; zielt auf Sinn und Gefühl; - vgl.
Bild,
Gleichnis,
Metapher,
Personifikation,
Symbol,
Sinnfiguren,
Beispiele: "Justitia" als blinde Frau oder Frau mit verbundenen Augen;
"Ehe" als Hafen; "Staat" Schiff
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