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Franz Kafka: Der Aufbruch

Interpretationsansätze

Ulrich Gaier (1969, Auszüge)


A. Allegorische Auslegungen

»Eine allegorische Interpretation wird die Fakten des Textes: Herr, Diener, Pferd, Stall, Tor, Trompete, Abreise, Reise, Proviant, Hunger, Ziel nutzen und für sie analoge Bedeutungen in einem anderen sinnvollen Kontext finden. Diese Methode kann etwa so betrieben werden, dass ein bedeutendes Moment wie das Ziel bis zum Ende, wo es dann als gelungenes Resultat einer Interpretation erscheint, nicht ausgedeutet wird.«

Eine biblisch-christliche Ausdeutung

»Zunächst eine biblische Allegorie: Christus ist der Herr, die Menschheit ist der Diener. Dieser Diener, unvorbereitet für den Tod wie er ist, hört nicht den Klang der Trompete und weiß sogar nichts über dessen Bedeutung. Er ist unfähig zu verstehen, dass der Herr einen besonderen Dienst ausgeführt wünscht, einen Dienst, für welchen er wesentlich angestellt ist. Christus will den gegenwärtigen Zustand in der Welt beenden, er gibt seine vorläufige Haltung auf und geht zum Tag des Jüngsten Gerichts voraus. Das ist das Moment der Krise: die Menschheit ist unvorbereitet. Christus erscheint in einem neuen und fremden Licht, er scheint äußerlich und innerlich immer weiter entfernt, und das Ziel, das er für sich selbst formuliert - weg von hier - ist gleichzeitig ein strenger Befehl für die Menschheit. Das ist die Aussage der Erzählung: der Herr lässt dem Diener alle Möglichkeit offen, aber wehe ihm, wenn er ihm nicht folgt, wenn er diese Welt nicht verlässt und alles Angenehme, was sie enthält, und wenn er sich nicht völlig der Gefahr und Ungewißheit des Weges zu Gott anheim gibt. Wenn er bleibt, dann wird Christus urteilen, das Urteil wird eine völlige Vernichtung von allem sein, was hier ist.«

Die geschichtsphilosophische Auslegung

»Eine dritte, historisch orientierte Interpretation: Der Meister ist ein Mensch, der sich selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer konkreten historischen Situation hinausstößt - welche Situation der Erzähler mit den Wörtern Stall, Tor, Diener umschreibt. Der Diener könnte für all die Gegenstände der belebten und unbelebten Natur stehen, soweit sie von der Menschheit in einer bestimmten historischen Situation genutzt werden. Fortschritt bedeutet der Klang der Trompete, Fortschritt ist das Ziel des "Weg-von-Hier"; es erscheint nur vernünftig, dass die Welt mit ihren traditionellen Formen der Nützlichkeit einen Menschen nicht versteht und ihm nicht helfen kann, der zu einer besseren Zukunft aufbricht und dessen Denken schon an dieser Zukunft orientiert ist. Und das ist die Lehre der Parabel: Ein Mensch sollte in einer historischen Situation unterscheiden zwischen dem, was für den Fortschritt nützlich ist - hier das Pferd - und was nur hinderlich wirkt - hier: Stall, Tor und Diener. Er sollte sich nicht mit unnötigen Traditionen belasten, weil die Reise glücklicherweise endlos ist und weil der Fortschritt so gewaltig sein wird, dass die allmählich zur Vollendung gelangende Menschheit alles, was jetzt vorstellbar ist, hinter sich lässt. Anstatt uns mit unnötigen Dingen zu belasten, die im 21. Jh. bedeutungslos werden, sollten wir darauf vertrauen, dass die Zukunft uns immer wieder mit neuer Kraft für unseren ununterbrochenen Fortschritt ausstattet und dass es nur von uns abhängt, ob wir uns das Verhungern erlauben. Ob das so ist oder nicht, können wir nicht wissen. Menschlicher Fortschritt war gefährlich und mühselig und wird es auch bleiben. Wir können nur unserer Hoffnung vertrauen, die uns eine bessere Zukunft ausmalt.«

Die marxistische Auslegung

»Die Parabel spiegelt genau die Situation des Künstlers in der spätbürgerlichen Phase wider. Auf der einen Seite ist die politische und ökonomische Struktur so überwältigend starr und drückend geworden - man denke an den Diener, der seinen Herrn aufhält, um eine Menge von Fragen zu stellen -, dass der Künstler (der Herr) unmöglich bleiben kann; für diesen Typ des bourgeoisen Künstlers muss jede Verbindung zwischen der Kunst und einer solchen Wirklichkeit schädlich für das Wesen des Kunstwerks erscheinen. Die einzig mögliche Reaktion scheint für ihn die Flucht - weg von hier - die Flucht in eine abstrakte und hochfliegende Sprache - der Diener kann ihn nicht verstehen - die Flucht in Träume - Klänge einer Trompete, die sonst von niemand gehört werden - Flucht in eine Form des Verhaltens, die der Wirklichkeit nur in einer sehr indirekten, künstlichen und unwirksamen Weise begegnet. Aber ist das nicht auch Kafkas Problem? In dieser Parabel kritisiert er seine Zeit, ihre Gesellschaft und ihre Künstler, aber worüber er schreibt ist: Herr, Diener, Pferd usw. Anstatt zu versuchen, die Situation der Gesellschaft im Allgemeinen zu ändern, ist er bei all seiner Reflexivität so schwach und labil wie seine Helden; er ist auch ein Flüchtling. Er begnügt sich, die äußere Hilflosigkeit festzustellen, anstatt einen Weg zur Verbesserung der Verhältnisse anzugeben. Seine parabolische, metaphorische, paradoxe Kunst ist ein richtiger Ausdruck seiner fatalistischen Einstellung. «

B. Symbolische Auslegungen

Diese Folge von allegorischen Interpretationen könnte leicht fortgesetzt werden: die Erzählung ist in der einen oder anderen Weise auf jede Situation oder auf jedes Verhältnis, das sich ändert - und Änderung ist überall - anwendbar. Ich will nun einen zweiten Typ der Interpretation vorstellen, den man den symbolischen nennen könnte. Er versucht nicht, möglichst viele interpretatorische Entsprechungen für einzelne Fakten der Geschichte zu finden, sondern konzentriert sich auf das, was am wichtigsten oder auffälligsten in ihr erscheint. Wir wollen einmal die seltsame Prägung "Weg-von-Hier" betrachten. Wir bemerken, als Philosophen, die rein transzendente Struktur dieses Ziels, das in jeder gegebenen Situation gefunden werden kann, oder wir betonen die Tatsache, dass "Weg-von-Hier" als notwendiges und wirksames Korrelat für das Prinzip Hoffnung erscheint, eine negative Macht, die den Menschen dauernd aus seinen kulturellen Sedimentationen hinaustreibt, während das Prinzip Hoffnung mit seiner utopischen Aktivität die Phantasie zu positiven Zielen hinführt.
Wenn wir auf die Prägung als Psychologen blicken, könnten wir den kontinuierlichen Prozess der Sublimation entdecken, der in der Parabel dargestellt wird, oder, indem wir den Autor einbeziehen: wir müssten in ihr die Schwierigkeit ausgedrückt sehen, die er im Hinblick auf Kommunikation hatte (was in vielen seiner Briefe beschrieben ist); dann seine Furcht vor irgendwelchen menschlichen Bindungen (ein Faktum, das im Wechsel seiner Beziehungen zu seinen zwei Verlobten nachweisbar ist). - Wenn man schließlich die Prägung "Weg-von-Hier" mit den Augen eines Theologen sieht, so würde sie den Aspekt der radikalen und dauernden Verweigerung der Welt ausdrücken, welche von echten Gläubigen und besonders von der Mystik erreicht wurde.
Hier will ich mit Durchspielen von interpretativen Möglichkeiten aufhören; es ist klar und deutlich geworden, dass dieser Typ der symbolischen Interpretation vermehrt werden könnte, weil die Prägung ein Modell für jede negative Tendenz oder Haltung in jedem möglichen Gebiet oder Aspekt der Welt darstellt. «

C. Für einen Pluralismus toleranter Interpretationen

Ich hoffe, dass ich in der kursorischen Darstellung der Interpretationsmöglichkeiten so überzeugend war, dass einsehbar wurde, dass jede dieser Deutungen möglich ist und dass jede mehr oder weniger alle Fakten der Erzählung in ihre Analyse einbezieht.
Aber: welche der Interpretationen der Geschichte ist die richtige? Die Erzählung selbst fordert keine und rechtfertigt auch keine von ihnen besonders. Der einzig mögliche Schluss ist deshalb, wie mir scheint, dass keine besondere Interpretation die allein richtige sein kann; dass vielmehr alle spezifischen Interpretationen, die mit den Daten der Erzählung übereinstimmen, in gleicher Weise berechtigt sind. Die Richtigkeit jedes Ergebnisses erweist sich als so begrenzt wie der Aspekt, unter dem es gewonnen wurde; deshalb könnte ein Maximum von Richtigkeit erst dann erreicht werden, wenn alle möglichen Interpretationen und Aspekte einer Erzählung gesammelt, gleichsam, wie in der Mathematik, "integriert" würden: wenn ein solcher Prozess außerhalb der Zahlenwelt durchführbar wäre.
Um zu zeigen, dass wir mit diesem paradoxen vorläufigen Ergebnis in Übereinstimmung mit Kafkas eigenen Überlegungen sind, zitiere ich aus dem Prosa-Nachlass: "Das was man ist, kann man nicht ausdrücken, denn dies ist man eben: mitteilen kann man nur das, was man nicht ist, also die Lüge. Erst im Chor mag eine gewisse Wahrheit liegen." Wir haben gesehen, dass die besondere Interpretation - insofern als sie einen begrenzten Aspekt und ein begrenztes Ergebnis hat - notwendig unvollständig ist und der Ergänzung durch alle anderen möglichen Interessen bedarf, um im Chor mit ihnen eine gewisse Wahrheit zu konstituieren. Das trifft mit dem Schluss zusammen, den wir im Blick auf die Haltung der Kafka-Interpretationen ziehen mussten: Jede Interpretation ist möglich und jede ist nur gültig in Verbindung mit allen anderen.«
Wenn der begrenzte und spezifische Zugriff einer Interpretation ein begrenztes Ergebnis liefert und damit das, was Kafka eine Lüge nennt, dann wäre ein richtiger Zugang zu einem Kafka-Text zu verstehen als etwas, was den Text interpretiert, aber nicht spezifisch interpretiert; als etwas, was ist, aber was nicht spezifisch bestimmbar ist. Diese Bestimmung ist auch für Texte einer großen Zahl moderner Autoren gültig. «

(aus: Gaier, Ulrich: Chorus of lies – on interpreting Kafka, in: German Life an Letters, XXII, 1969, S.283-296; Übersetzung aus dem Englischen von Erwin Leibfried, gekürzt, in: Leibfried, Erwin; Interpretation, München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 3. Aufl. 1977, S.19-22)

Wort- und Sacherklärungen:

Allegorie
(gr. allegorein = etwas anders sagen, bildlich reden) bildhafte Veranschaulichung eines Begriffes, eines abstrakten Gedankens oder Begriffsfeldes durch eine Bild- und/oder Handlungsfolge; oftmals in Form der Personifikation, die quasi flächendeckend über einen ganzen Text oder mindestens einen Textabschnitt ausgedehnt wird; im Unterschied zur Metapher willkürliche Beziehung zwischen Bild und Bedeutung, die rational erklärt werden will;  im Vergleich zum Symbol meist ad hoc konstruiert; zielt auf Sinn und Gefühl; - vgl. Bild, GleichnisMetapher, Personifikation, Symbol, Sinnfiguren
Beispiele: "Justitia" als blinde Frau oder Frau mit verbundenen Augen; "Ehe" als Hafen; "Staat" Schiff
 


   Arbeitsanregungen
  1. Erläutern Sie, was man unter allegorischer im Unterschied zu symbolischer Interpretation versteht. (vgl. Allegorie)

  2. Arbeiten Sie heraus: Tritt Gaier für willkürliche Interpretation ein oder kennt er noch Kriterien für die Schlüssigkeit einer Interpretation?
     

   
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