Thema: Nora schreibt 6 Monate
nach der Trennung von Helmer und ihrer Familie einen Brief an
Christine Linde, indem sie aus der Distanz ihr Handeln, das zur
Trennung von Helmer und der Familie geführt hat, erneut in
Erinnerung ruft und beurteilt. Zugleich gibt sie Einblick in
ihre Entwicklung seitdem und ihre Pläne für die Zukunft.
Eine Schülerin hat den nachfolgenden Brief verfasst:
L
Liebe Christine,
ein halbes Jahr ist mittlerweile vergangen, es tut mir leid, dass
ich mich nicht schon früher bei dir gemeldet habe, aber ich brauchte
erst mal Zeit, um über alles, was passiert ist, nachzudenken.
Ich hoffe, dir und Krogstad geht es gut und ihr seid glücklich
miteinander. Ich bin es jetzt zum ersten Mal richtig. Mit geht es
also, wie du siehst, jetzt schon viel, viel besser und ich habe in
den zurückliegenden Monaten schon so viele aufregende Dinge erlebt.
Dabei habe ich mehr Eindrücke und Erfahrungen über das Leben im
Allgemeinen und die Gesellschaft im Besonderen sammeln können als je
zuvor. Dadurch ist mir auch bewusst geworden, wie unselbständig und
unerfahren ich früher gewesen bin.
Dass ich Torvald verlassen habe, war auf jeden Fall eine gute
Entscheidung. Ich habe mich von ihm einfach nur hintergangen und
ausgenutzt gefühlt, und so gab es eigentlich für mich keinen anderen
Ausweg. Torvald behandelte mich immer nur wie ein Spielzeug, wie
seine Puppe, und das konnte ich nicht mehr länger ertragen, denn
schließlich bin ich doch ein Mensch und habe Gefühle.
Als ich mit Torvald das erste ernste Gespräch geführt habe, nach
acht Jahren Ehe, stell dir das einmal vor, wurde mir sofort klar,
dass ich das Leben, so wie ich es zu diesem Zeitpunkt geführt hatte,
auf keinen Fall so weiter leben konnte.
Eigentlich, so kommt es mir jedenfalls heute so vor, bin ich in der
ganzen Zeit mit Helmer nie richtig glücklich gewesen.
Am schlimmsten finde ich noch immer, wie er mir die Sache mit dem
Darlehen angekreidet hat. Ich habe ihm das Leben gerettet, aber das
hat ihn überhaupt nicht interessiert, ihm war nur sein Ansehen und
sein Geld wichtig.
Liebe Christine, ich bin dir im Nachhinein wirklich dankbar dafür,
dass du mir die Augen geöffnet hast, denn ich war damals wohl zu
blind. Ich glaubte fest daran, dass Torvald alle Schuld auf sich
nehmen und sich beschützend vor mich stellen würde. Heute weiß ich,
dass das naiv von mir war, denn von einem Menschen wie Torvald kann
man so etwas nicht erwarten. Dafür ist er viel zu selbstsüchtig.
Ich bereue kein bisschen von dem, was ich damals getan oder gesagt
habe. Allerdings bedaure ich sehr, dass ich nicht schon früher
bemerkt habe, wie ich in einer Art Puppenheim gefangen gehalten
worden war.
Meine drei kleinen Kinder vermisse ich natürlich, aber auf der
anderen Seite weiß ich auch, dass Anne-Marie gut für sie sorgt, so
wie sie es ja auch für mich früher getan hat. Wahrscheinlich macht
sie das sogar besser als ich es je könnte.
Christine, es gibt so viele Dinge, die ich dir über die Zeit mit
Torvald erzählen könnte, aber ich muss endlich damit abschließen und
meine Gedanken wohl wichtigeren Dingen zuwenden. Du weißt ja, dass
ich an meinen Heimatort zurückgegangen bin. Es ist wirklich schön
hier, das hatte ich fast schon vergessen. Ich bin zur Zeit dabei,
mit eine Arbeit zu suchen, damit ich endlich richtig selbständig
werden kann. Mein größter Stolz ist meine eigene kleine
Zwei-Zimmer-Wohnung, ich konnte alles so herrichten, wie es mir
gefällt; niemand, der mir dazwischenredet oder gar bestimmt, wie
alles aussehen soll. Ich kann jetzt auch Süßigkeiten naschen, wann
immer ich Lust dazu habe, das ist echt toll.
Also, wie du merkst, geht es mir richtig gut. Ich würde mich freuen,
wenn wir uns einmal treffen könnten, damit du mir auch von dir
erzählen kannst, wie es dir jetzt geht.
Liebe Grüße
Deine Nora
Gert Egle. zuletzt bearbeitet am:
04.03.2024
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