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Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Die Charakterisierung des Steppenwolfs am Romananfang

Gert Egle


Mit seinen einleitenden Worten stellt der nicht näher vorgestellte Ich-Erzähler klar, dass er nicht nur Herausgeber der Aufzeichnungen des Mannes, den er "Steppenwolf" nennt, sein will. Neben die als authentisch ausgewiesenen Aufzeichnungen will er seine eigenen Erinnerungen an diese Person stellen.
Der Erzähler räumt ein, nichts über Herkunft und Vorleben des Steppenwolfs zu wissen. Seine Informationen über die Person des Steppenwolfs, seine äußere Erscheinung, seine Lebensumstände, sein äußeres Verhalten und seine psychischen Dispositionen sind daher auch spärlich: Der "Steppenwolf" ist ein Mann von etwa 50 Jahren, nicht sonderlich groß gewachsen, mit einem glattrasierten, scharfen Profil. Die Kleidung, von der der Erzähler nur den modernen Wintermantel erwähnt, den der Steppenwolf bei seinem erstmaligen Erscheinen trägt, sowie die beiden Koffer und die große Bücherkiste, die er mit sich führt, sind die spärlichen Informationen, die der Erzähler über die soziale Lage des Steppenwolfs mitteilt. Bei seiner ersten Begegnung mit dem etwas schleppend gehenden "Steppenwolf" erweist sich dieser als rundum höflich, freundlich und korrekt, und mit seiner Bemerkung, es rieche in dem Hause gut, versucht er wohl, seiner künftigen Zimmerwirtin ein Kompliment zu machen. Bei den Mietverhandlungen über die Mansarde und die dazugehörende Schlafkammer zeigt er sich sehr kulant, als er von sich aus eine Mietvorauszahlung anbietet.
Über seine seelische Befindlichkeit weiß der Erzähler nichts Genaues zu berichten. Lediglich seine Ausstrahlung in Form der vom Erzähler gemachten Eindrücke vermag - mit dem dafür nötigen Vorbehalt - auf die psychischen Dispositionen des Erzählers verweisen. So bleibt allein, die auch vom Steppenwolf selbst gebrauchte Bezeichnung "Steppenwolf" das einzige authentische Indiz für Einstellungen und Werte der charakterisierten Figur.
Für die Charakterisierung des Steppenwolfs durch den Erzähler wichtiger als die hauptsächlich beschreibenden Charakterisierungen sind die immer wieder vorgenommenen Bewertungen des "Steppenwolfs" durch den Erzähler, bzw. seine Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften des Steppenwolfs.
In seiner Rolle als sich erinnernder auktorialer Ich-Erzähler, der sich an Ereignisse von neun oder zehn Monaten Dauer vor einigen Jahren erinnert, betont er, dass der Steppenwolf eine starke Persönlichkeit gewesen sei, die seine Sympathie gefunden habe. Daran hat offenbar auch das von ihm bemerkte sozial extrem zurückgezogene Verhalten wie auch das fremdartige, scheue und zugleich wilde Wesen des Steppenwolfs nichts geändert.
Noch sehr genau stehen dem Erzähler die Eindrücke vor Augen, die seine erste Begegnung mit dem Steppenwolf bei ihm hinterlassen hat. Die Gefühle, die dem erinnerten Ich des Erzählers wieder kommen, stehen dabei in einem merkwürdigen Kontrast zu dem eingangs abgegeben Gesamturteil. Sonderbar und zwiespältig sei ihm der Steppenwolf damals erschienen. Das instinktive Wittern des Steppenwolfs beim Betreten des Hauses, sein schleppender Gang, sein eigentümliches Lächeln und die von ihm verbreitete Aura einer fremden Welt, habe sogar eine abweisende und feindliche Atmosphäre erzeugt. Dies, obwohl der Erzähler einräumt, dass der Steppenwolf sich eigentlich, wenn auch mit Mühe, höflich und freundlich verhalten habe. So gipfelt die Widersprüchlichkeit des Erlebens bei der ersten Begegnung mit dem Steppenwolf in einer charakterisierenden Beschreibung seines Gesichts, dessen Züge Eigenartigkeit, Traurigkeit, Wachheit, Gedankenversunkenheit, Lebenserfahrung und Vergeistigung gleichermaßen ausdrücken.
Und, was sich für den Erzähler im Gesicht zeigt, kann auch die Körpersprache nicht verhehlen. Zwar trage der Steppenwolf seinen Kopf selbstbewusst hoch, doch sein höfliches und freundschaftliches Verhalten habe keine Spur von Überheblichkeit, sondern gebe ihm den Gestus des Flehens und mache ihn damit zum Objekt der Rührung. So bleibt am Ende ein insgesamt widersprüchliches Bild, erscheint die Figur des Steppenwolf verrätselt und der Leser wird darauf eingestimmt das Rätsel seiner Person im weiteren Verlauf der Lektüre zu lösen.
Die Charakterisierung des Steppenwolf am Romananfang erfolgt überwiegend direkt. Fast immer handelt es sich um Beschreibungen und Bewertungen, die der Charakterisierung des Steppenwolfs dienen sollen. Nur vereinzelt kommen indirekte Charakterisierungen zum Zuge, wenn aus der Perspektive des erinnerten Ichs, im Erzählerbericht das Verhalten des Steppenwolfs dargeboten wird.

Der Steppenwolf ein Weltverächter als Einzelgänger

Für Eva Jaeggi (1994, S. 27-37) ist der Steppenwolf als "Weltverächter" ein "Prototyp des literarischen Einzelgängers", der am liebsten "in sauberen Kleinbürgerwohnungen (logiert), wo seine immer wieder durchbrechende Sehnsucht nach der Welt des »Normalbürgers« ein wenig gestillt wird. »Ich wohne weder in Palästen noch in Proletarierhäusern, sondern ausgerechnet stets in diesen hochanständigen, hochlangweiligen, tadellos gehaltenen Kleinbürgernestern, wo man erschrickt, wenn man einmal die Haustür laut ins Schloss hat fallen lassen oder mit schmutzigen Schuhen heimkommt. Ich liebe diese Atmosphäre ohne Zweifel aus meinen Kinderzeiten her, und meine heimliche Sehnsucht nach so etwas wie Heimat führt mich, hoffnungslos, immer wieder diese alten, dummen Wege. Nun ja, und ich habe auch den Kontrast gern, in dem mein Leben, mein einsames, liebloses und gehetztes, durch und durch unordentliches Leben, zu diesem Familien- und Bürgermilieu steht... und habe es gern, dann über die Schwelle meines Zimmers zu treten, wo das alles aufhört, wo zwischen den Bücherhaufen die Zigarrenreste liegen und die Weinflaschen stehen, wo alles unordentlich, unheimisch und verwahrlost ist...« Dabei werde der Alleinlebende "als unzugänglich und kalt (charakterisiert); der normal Kontaktfähige ist selbstverständlich verheiratet. So sind denn auch alle Kumpane des Steppenwolfs Außenseiter, Randexistenzen. Was das Alltagsleben von Harry Haller angeht, so besteht es in einem vagen Umherirren durch Kneipen und nachtdunkle Straßen sowie in einem einsamen (und ziellosen) Stöbern in Büchern und alten Partituren. Dass Alleinleben trostlose Einsamkeit bedeutet, ist hier sehr deutlich ausgedrückt, während »Junggeselle« im üblichen Sinn derjenige ist, der noch nicht geheiratet hat - so z. B. der fiktive »Herausgeber« der Schriften Harrys."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 

   Arbeitsanregung:
  1. Gliedern Sie die vorstehende literarische Charakteristik nach Sinnabschnitten.

  2. Belegen Sie die Aussagen am Text, indem Sie korrekt zitieren.

  3. Arbeiten Sie heraus: Welchen Typus des "Singles" in der Romanliteratur sieht Eva Jeaggi im Steppenwolf gestaltet?

  4. Welche Unterschiede bestehen Ihrer Ansicht nach zwischen dem Steppenwolf und einem modernen Single? 

 

      
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