Hebel, Unverhofftes Wiedersehen

Interpretationsansätze


Die Zeitgestaltung in der Kalendergeschichte »Unverhofftes Wiedersehen« von Johann Peter Hebel kann u. a. folgende Aspekte herausarbeiten:
 

Edgar Neis

"Die (Johann Peter Hebels anekdotische Erzählung »Unverhofftes Wiedersehen«, d. Verf.) ist ein Musterbeispiel dafür, wie es traditioneller Erzählkunst gelingt, die äußere und innere Zeit eines Menschenlebens zusammenzuraffen und als Einheit dem Leser sichtbar zu machen. Der Bergmann von Falun, der seine junge, hübsche Braut des Morgens verlässt, um zur Arbeit zu gehen, 'sagt ihr zwar guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr'. In äußerster Kürze wird hier schon das Geschehen des entscheidenden Tages zusammengefasst, alles Unwesentliche ausgelassen und in anschaulicher Bildhaftigkeit nur das Wesentliche gesagt. Fünfzig Jahre müssen vergehen, ehe die Braut, 'jetzt in der Gestalt des dahingewelkten Alters' den unverhofft aufgefundenen, ',in seiner jugendlichen Schöne' wunderbar erhaltenen Leichnam ihres Bräutigams wieder zu Gesicht bekommt, fünfzig Jahre des Schmerzes, der Trauer, der Liebe und Treue - eine unmessbare innere Zeit. Der Sichtbarmachung dieser langen Zeit dient unsere oben angeführte Satzreihe, die genau in der Mitte der Hebelschen Erzählung steht. In genialer Weise rafft der Dichter die außerordentlichen geschichtlichen Zeitereignisse und die immer wiederkehrenden gewöhnlichen menschlichen Tätigkeiten zusammen und verdichtet sie zu einem sprachlichen Gefüge, das symbolhaft den ehernen Gang der Geschichte und zugleich die Flucht der Zeit und Vergänglichkeit des Seins zum Ausdruck bringt. »Wohl in keiner Dichtung der Weltliteratur«, schreibt Bernhard Rang in seinem kleinen Leserhandbuch ,Der Roman', »ist die Zeit so kühn und gleichnishaft, so biblisch, möchte man sagen, zusammengeschaut und verdichtet wie in dieser anekdotischen Geschichte. Alles was 'unterdessen' geschah, zieht parataktisch in scheinbarer Willkür der Reihenfolge an uns vorüber, die Essenz und Summa von fünfzig Menschen und Lebensjahren... Das Vergängliche und das Unvergängliche, hier ist's vom Erzähler nicht als ein Gleichnis, sondern als die Wirklichkeit und Wirkung der Zeit, der Lebens-Zeit, die uns von Gott geschenkt ist, wahr und wirklich dargestellt... In ungeheurer Zeitraffung zieht die Lebenszeit der Bergmannsbraut, zieht das Zeitleben der großen und kleinen Welt an uns vorüber und kündet ebenso memento mori wie memento vivere , das Strömen und den Stillstand der Zeit und aller Zeitlichkeit. Das Sein des Menschen in der Zeit als ein vorübergehendes Sein, eine Wegstrecke hin auf ein anderes, verborgenes, überzeitliches Sein: nicht mehr und nicht weniger lehrt und zeigt uns diese schlichte Kalendergeschichte in ihrer Erzählzeit und Erzählweise wie in ihrer erzählten Zeit.« (Bernhard Rang, Der Roman, Freiburg 1961, S.289f.) Johann Peter Hebel erkennt einen "übergreifenden Sinnzusammenhang", gibt eine "Sinndeutung eines Lebenslaufs" "in seiner Erzählung ,,Unverhofftes Wiedersehen", die von der Beständigkeit der Treue und Liebe handelt und von der Hoffnung auf ein alles Irdische überdauerndes zeitlos-ewiges Leben. Zeit ist für Johann Peter Hebel etwas Dahineilendes, Vorübergehendes, Sich-Verflüchtigendes, etwas, das in die Zeitlosigkeit einmündet (…)

(aus: Edgar Neis, Struktur und Thematik der traditionellen und modernen Erzählkunst, Paderborn: Ferdinand Schöningh 1965, S.61ff.)

Paul Nentwig

Wenn wir Hebels Anekdote mit der Quelle vergleichen, so finden wir zunächst, dass der Dichter an dem Stofflichen nichts geändert hat. Während die Quelle aber nur von dem seltsamen Leichenfund und dem noch seltsameren Wiedersehen der alten Braut mit dem einstigen Bräutigam berichtet, erweitert Hebel diesen Stoff um eine Einleitung, ein Zwischenglied und einem Schluss. In der Einleitung erzählt er von dem Abschied, der dem Wiedersehen voranging. Zweimal wird in diesem Abschnitt ein bestimmter Tag erwähnt, Sankt Luciä (13. Dezember), mit dem ehemals die heiligen zwölf Nächte begannen, die dunkelste Zeit des Jahres. Im Volksmund hieß es: "Lucia bringt die lange Nacht." Diese Zeitangabe ist also vom Dichter nicht willkürlich gewählt, sondern hat symbolische Bedeutung. Die zweite Zeitangabe, im Mittelstück der Anekdote (,,etwas vor oder nach Johannis"), steht in genauer Entsprechung zur ersten: Johannistag - die der langen Tage und der hellen Nächte. Liebe und Hoffnung zweier junger Menschen gewinnen schon in den en Sätzen der Hebelschen Anekdote sinnfällige Gestalt, zugleich aber klingt es im Hinblick auf das kommende Geschick wie tragische Ironie den Worten der Braut: "… Und Friede und Liebe soll darin wohnen; ... denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte lieber im Grab sein als an einem anderen Ort." Als hätte sie das Geschick mit ihren Worten beschworen, tauchte es im nächsten Satz schon mit einer geradezu unheimlichen Bildhaftigkeit auf: "Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweitenmal in der Kirche ausgerufen hatte: ,So nun jemand Hindernis wüsste anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen' - da meldete sich der Tod." In diesem Satz von eindringlichster visionärer Schau ist das Zusammenstürzen des menschlichen Hoffnungsgebäudes unübertroffen versinnlicht: Liebe und Hoffnung sind im Leben so nahe an Tod und Trauer gerückt wie das Rot an das Schwarz des seidenen Halstuchs, das die Braut als Symbol ihrer Liebe dem Bräutigam für den Hochzeitstag säumt. In diesem ersten Teil schon, den der Dichter unabhängig von der Quelle schuf und doch ganz thementreu ausführend, was keimartig in ihr beschlossen lag (der Abschied, der dem "unverhofften Wiedersehen" voraufging), leuchtet die Idee bereits auf: die Unbeständigkeit und rasche Vergänglichkeit alles Menschenglücks. Um die lange Zeit zu versinnbildlichen, die zwischen dem Tode des Jünglings und seiner Wiederauffindung verfloss, reiht der Dichter in einem Zwischenstück die großen geschichtlichen Ereignisse dieser 50 Jahre aneinander und beschließt den Geschehniskatalog mit den bedeutsamen Worten: "… und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt." Versinnbildlicht der Dichter in dem Geschehniskatalog in genial einfacher Weise das unaufhaltsame Strömen der Zeit, so zieht er in diesen Worten mit leiser Ironie allen Prunk der großen Ereignisse ins Fragwürdige, indem er ihrer raschen Vergänglichkeit das Unvergängliche des einfachen Menschenalltags gegenüberstellt: Saat und Ernte, Arbeit und Mühe. Nun erhält aber auch die Begegnung der alten Braut mit ihrem einstigen Verlobten einen tieferen Sinn. Auch sie ist in der Gebrechlichkeit ihres Alters ein Sinnbild der Vergänglichkeit alles Irdischen: sie hat der strömenden Zeit ihren Zoll entrichtet. Der tote Bräutigam aber hat in der ruhenden Zeit sein jugendfrisches Aussehen bewahrt, ein Symbol der Unvergänglichkeit. Der letzte Sinn der Anekdote aber enthüllt sich uns erst in der Schlussszene, die der Dichter wiederum frei erfunden hat, ohne etwas Willkürliches hineinzubringen, und mit der er dem Ganzen erst die letzte künstlerische Rundung gibt. Die alte Braut lässt ihren toten Geliebten in ihr Stüblein tragen, und so erfüllt sich doch noch, worauf sie fünfzig Jahre gewartet hat, wenn auch in anderem Sinne, als sie es einst erhoffte. Sie schmückt ihn mit dem rotgerandeten schwarzen Halstuch ,,und begleitet ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre". Die Liebe der Braut hat die Zeit überdauert; alle "großen" Ereignisse der Weltgeschichte sind im Meer der Zeit versunken, das große Gefühl aber ist lebendig geblieben. hat das Wissen der Mitmenschen überlebt, und sein Symbol, das schwarze Halstuch mit dem roten Rande, hat zwar verschlossen im Kästlein geruht wie die Liebe im Herzen der Braut, doch es ist unversehrt erhalten. Und wenn die Braut in ihrem Abschiedwort an den toten Geliebten sagt: "Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zweitenmal auch nicht behalten", so deutet sie damit ahnungsvoll an, dass ihr das Leben auf dieser Erde nur ein Übergang ist zu einem anderen Sein. Mit diesem Satz hebt der Dichter das Geschehen aus dem Bereich des Irdischen, Vergänglichen ins Metaphysische. So erschließt sich uns in Sinn-Bildern der Sinn der Anekdote, ihre Idee: die Vergänglichkeit alles Irdischen (des Einzeldaseins wie deren große Ereignisse), die Beständigkeit des Menschenalltags, das Zeitüberdauernde des großen Gefühls und das Bewusstsein von einem außerzeitlichen Jenseits, kurz, die Spannung zwischen Vergänglichkeit Beständigkeit im Menschenleben. 

(Paul Nentwig, Dichtung im Unterricht: Braunschweig: Westermann 1962, S.30-32)

Johannes Pfeifer

Bei Hebel ist der Gang der Sätze von verhaltener Bewegtheit, die Darstellungsform ebenso schlicht und sparsam wie dicht und gediegen; bezeichnend etwa, dass die Eigenschaftsworte in ihrer treffsicheren Abgewogenheit der sachlichen Kennzeichnung dienen: "seine junge, hübsche Braut", "mit holdem Lächeln", "in seiner schwarzen Bergmannskleidung", "in ihrer unterirdischen Werkstatt", "unverwest und verändert", "grau und zusammengeschrumpft", "von einer langen heftigen Bewegung", "in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters", "in seiner jugendlichen Schöne", "im kühlen Hochzeitbett". Die Schilderung der menschlichen und räumlichen Umstände ist auf das Notwendige beschränkt; statt zuständlicher Ausmalung begegnet der beiläufige Hinweis, der in die Erzählung des Vorgangs verwoben ist: In Falun in Schweden küsste vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut... Oder: Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. ... Die erzählerische Vergegenwärtigung zielt auf klare und feste Umrisse ab und verbindet einen kargen Realismus mit sinnbildlicher Transparenz: das Ganze hat etwas von der Durchsichtigkeit einer Parabel. Meisterhaft ist es, wie Abschied und Wiedersehn sich ineinander spiegeln und eben damit hinüberweisen ins überirdische Geheimnis: "Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitbett, und lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten, sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute." Meisterhaft, wie die Zeit zwischen schied und Wiedersehn durch die Aufzählung der sie erfüllenden geschichtlichen Ereignisse mittelbar da ist und der Strom des Vergehens h in unserem schauenden Gefühl verwirklicht: Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, (...) Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Meisterhaft, wie diese Aufzählung mitten im vierten Satz hinüberwechselt von den auffälligen, den Begebenheiten der großen Politik zu jenen kleinen und bescheidenen Alltagsvorgängen, die das Dasein recht eigentlich aufrechterhalten, und wie dann im fünften Satz die Darstellung fast unmerklich zurücklenkt in den Lebenskreis der Bergleute zu Falun; wie das am Abschiedsmorgen vergeblich gesäumte schwarze Halstuch rotem Rand dem unverhofft Wiedergesehenen vor der Beerdigung gelegt wird; wie dem an direkte Rede angenäherten und dadurch dramatisch gesteigerten Ausruf in der Kirche: "So nun jemand Hindernis wüsste anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen" mit einigen knappen wuchtigen Schlägen der abschließende, der zusammenschließende Hauptsatz antwortet: "da meldete sich der Tod." So lebt denn in dieser unscheinbaren Geschichte das ganze Hell-Dunkel des Daseins: seine Lust und seine Wehmut, wie es vergeht und wie Treue das Vergängliche überwindet, wie es zwischen Endlichkeit und Ewigkeit als ein verschwindender Übergang schwebt.

(Johannes Pfeiffer, Wege zur Erzählkunst, Hamburg: Wittig, 2. Aufl. 1954, S.47-49)

Lothar Wittmann

nd so sind es immer die letzten Dinge, um die diese Parabel vom ängstlich-unvergänglichen Menschen kreist: Glück und Leid, "Hochzeitbett" und "Grab", Leben und Sterben. Diesen transzendierenden parabolischen Sinn haben alle Vorgänge der Erzählung: das "und vergaß ihn nie" etwa, in dem die Braut der Zeit ihrer Tribut verweigert, zeigt, wie in der bewahrenden Erinnerung der Mensch die Zeit aufzuheben und im "nie" als ihrer Negation Überzeitliches zu verwirklichen vermag; die Verben des Mittelabschnitts "wurde. . zerstört", "ging vorüber", "starb", "wurde aufgehoben", "starb", "wurde hingerichtet", "starb auch", "ging auch ins Grab", mit denen die geschichtliche Zeit in ihren Ereignissen aufgereiht wird, veranschaulichen, wie Geschichte in dieser bei zum Gleichnis der Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Seienden wird, jeder Anfang - "fing an", "säeten" - einem Ende zutreibt: "schnitten"; angesichts dieser radikalen Drohung der Vergängnis ist das "freudige Entzücken" vor der "Leiche", das den "Schmerz" übertönt als jener wunderbare Liebesakt zu begreifen, der die Schrecken des Todes bannt und bereits im Diesseits den klaffenden Abgrund überspringt, der hier für alle "Umstehenden" das Leben vom Tod trennt. Und so ist das "Unverhoffte Wiedersehen" noch im Bezirk der Zeitlichkeit - und nicht erst in der Ewigkeit - ein Zeichen dafür, dass es dem Menschen hier gelingt, durch die Kraft der Liebe mitten in der vergehenden Zeit ein Stück Ewigkeit zu verwirklichen. Welche wunderbare Freiheit aber aus der das Vergehen ignorierenden menschlichen Treue entspringt, zeigt die souveräne Gelassenheit der Braut gegenüber aller Zeit: noch einen Tag oder zehen... lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich... komme bald…" Durch diese gelassene, fast spielerische Überlegenheit gegenüber allem Zeitmaß und Zeitbegriff demonstriert die Parabel, wie der Mensch sich hier durch die Kraft seiner Liebe der Ewigkeit vergewissert und sich mit dem Schwerpunkt seiner Existenz aus der Zeit löst, auch wenn sein körperliches Teil ihr noch verhaftet ist. Und so ermöglicht die durch die Liebe erworbene Gewissheit einer unvergänglichen Welt jenen ergreifenden fugenlosen Übergang vom "Tag" der "Beerdigung , zum kommenden "Tag" der anbrechenden Ewigkeit: bald wird's wieder Tag". Hier stehen die Liebenden zugleich auch außerhalb der Zeit: denn nur dort lassen irdischer "Tag" und ewiger "Tag" sich mischen, nur von da her erweist sich alle Zeit als ein Körnchen Ewigkeit.
Hebels Erzählung vom verschütteten Bergmann und seiner treuen Braut wird zur beispielhaften Parabel, indem der sichtbare Vorgang ständig die universellen Dimensionen des Menschseins widerspiegeln und ins Bild bannt; Gleichnis der tröstlichen Gewissheit, dass es dem Menschen gegeben sei, das natürliche Gesetz allgemeinen Zerfalls durch die Kraft seines Herzens zu durchbrechen und so einen Bezirk des Menschlichen zwischen Zeit und Ewigkeit auszusparen. Diese Transposition der einfachen, schmucklos-ländlichen Geschichte in den universellen Horizont menschlichen Schicksals lässt verstehen, was Goethe meint, wenn er voll Bewunderung davon spricht, dass Hebel auf "anmutigste Weise" "das Universum" "verbauere".
 
(Lothar Wittmann, Johann Peter Hebels Spiegel der Welt. Interpretationen zu 53 Kalendergeschichten, Frankfurt/M.: Diesterweg 1969, S.17-18)

Jochen Vogt (1990, S.111-114) hat seinen Blick insbesondere auf die  Zeitgestaltung in der Kalendergeschichte »Unverhofftes Wiedersehen« von Johann Peter Hebel gerichtet. Dabei rückt er "die gliedernde Funktion der zentralen Raffung" in den Blick, die mit ihrem starken Wechsel des Erzähltempos drei verschiedene Erzählphasen schaffte. Die erste bestehe aus den drei nur knapp angedeuteten Szenen bzw. Geschehnissen Brautkuss, Aufgebot und Abschied.
Während in der ersten Szene mit ihrer dominierenden direkter Wechselrede noch personales oder gar neutrales Erzählen vorherrsche und zeitdeckend erzählt werde, ändere sich dies in der zweiten Szene. Sie "führt mit der allegorischen Personifizierung eines Geschehens ("da meldete sich der Tod") aus dem Raum des äußerlich fassbaren bzw. subjektiv wahrnehmbaren Geschehens hinaus, wie es von personalem Erzählen erfasst werden kann. Man muss sie als auktorialen Erzählereingriff verstehen, ähnlich wie die räsonierende Einmischung 'der Bergmann hat sein Totenkleid immer an'."  Daher, so Vogts Schluss, dominiere auktoriales Erzählen "bereits im Übergang zur zweiten Erzählphase." Er belegt seine Behauptung an den ersten (18) Zeilen (Z 1 - 13 in der vorliegenden Fassung, d. Verf.) bzw. 5 Sätzen (Erzählzeit) , in denen nur ein paar wenige ausgewählte Ereignisse gereiht würden, die sich innerhalb weniger Tage (erzählte Zeit) ereignen. Da diese drei Szenen aus einem Gesamtverlauf von drei Tagen herausgegriffen würden, könne man schon hier von einer Zeitraffung sprechen.
Im weiteren Verlauf der Erzählung werde das Geschehen indessen "wesentlich stärker, ja extrem gerafft", so Vogt weiter: "Die ausgedehnte Raffung konstituiert hier selbst eine ganze, die zweite Erzählphase (Z 12 Er kam… bis Z 27 …Werkstatt): Eine Erzählzeit von nur 15 Zeilen ( 13 Zeilen in der vorliegenden Fassung) soll den Ablauf eines halben Jahrhunderts veranschaulichen, dem nach dem Unglückstod des Bergmanns die ganze Welt, damit auch seine junge Braut unterworfen ist, während sein Leichnam ihm paradoxerweise entrückt scheint." (ebd.)

Die erzählerische Wirkung des Textes beruht nach Jochen Vogt (1990, S.111-114) auf der Anwendung und Kombination von drei Techniken:

Weitung des Erzählwinkels
Am Anfang spielt sich das erzählte Geschehen in einer fast idyllisch anmutenden Privatsphäre ab. Erst allmählich weitet sich dieser "Erzählwinkel" "ins Globale und Welthistorische": "Von der zurückgebliebenen Braut ist nur noch überleitend (und bereits stark raffend) die Rede: 'und vergaß ihn nie" (Z 15). Dann aber wird in der scheinbar regellosen Aufzählung historischer Ereignisse der Fluss der Zeit angedeutet, ja er wird geradezu spürbar, wobei die souveräne raum-zeitliche Überschau eine wahrhaft auktoriale Erzählhaltung anzeigt (und hier in engem Zusammenhang mit der Gattung und Wirkungsabsicht der Kalendergeschichte steht.)."

Raffende und rhythmisierende Aufzählung: Sukzessive Raffung
Die Art und Weise, wie der Erzähler die Geschehnisse darbietet, ist raffend und rhythmisiert dadurch den Erzählablauf. In syndetischer ("und… und … und")  Reihung präsentiert er zunächst einmal siebzehn historisch-politische Ereignisse. Die ersten fünfzehn davon lassen sich, so Vogt weiter, "zumeist in Dreiergruppen ordnen, wobei als drittes jeweils der Tod einer historischen Person steht."
Was der Erzähler "aus der ungeheuren Fülle dieses halben Jahrhunderts (Geschehen) ausgewählt " habe, seien allesamt wichtige historische Ereignisse. Die meisten davon hätten dabei mit Scheitern und Vergehen zu tun und ließen damit Rückschlüsse darauf zu, wie die Geschichte konzeptionell funktioniert: "Zur Geschichte geordnet werden sie linear und quasi parallel zur historischen Chronologie." (ebd., Hervorh. d. Verf.) Diese fortschreitende Aneinanderreihung von Begebenheiten wird mit Lämmert (1995, S.83) als sukzessive Raffung bezeichnet, der darunter "eine in Richtung der erzählten Zeit fortschreitende Aufreihung von Begebenheiten" versteht, deren "Grundformel" "das 'Dann ...und dann ...' " darstellt. Da die Raffungsintensität in der Kalendergeschichte Hebels an dieser Stelle jedoch besonders hoch ist, spricht Jochen Vogt (1990, S.111-114) hier von Sprungraffung (im Gegensatz zur Schrittraffung).

Kombination von sukzessiver Raffung und iterativ-durativer Raffung
Die besondere Qualität der Zeitgestaltung mit dem Element der Raffung in Hebels Kalendergeschichte zeigt sich aber nach Vogt vor allem in der Kombination der beiden Raffungstechniken: sukzessiv und iterativ-durativ. Vogt demonstriert dies an dem nachfolgenden Beispiel, betont dabei, dass der Übergang sich innerhalb einer Dreiergruppe gleitend vollziehe: " 'Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten.' (Z 25) Nicht mehr herausragende Geschehnisse, sondern überdauernde Zustände bzw. regelmäßig wiederholte Tätigkeiten werden benannt: 'und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.' (Z 26f.) Hier liegt eine iterativ-durative Raffung vor." Diese fasst nach Lämmert (1995, S.84) "einen mehr oder weniger großen Zeitraum durch Angabe einzelner, regelmäßig sich wiederholenden Begebenheiten (iterativ) oder allgemeiner, den ganzen Zeitraum überdauernder Gegebenheiten (durativ) zusammen. Beide Formen treten nicht selten eng verflochten auf und haben die gleiche Grundtendenz, ruhende Zuständlichkeit zu veranschaulichen; daher sind sie in einer Kategorie zusammengefasst. Ihre Grundformeln sind: 'Immer wieder in der Zeit … oder Die ganze Zeit hindurch …' "
Die Kombination der beiden Raffungsarten in der Kalendergeschichte Hebels zeigt nach Vogt (1990, S.111-114), dass das normale, alltägliche Leben neben den sich abspielenden, bedeutsamen historischen Ereignissen "seinen gleichbleibenden Gang" hat. Anders ausgedrückt: Privates Schicksal und die großen Staatsaktionen bleiben einerseits eingebunden in das System gesellschaftlicher Arbeit, das seinerseits eng mit der Natur, ihren Ressourcen und ihrem Zeitrhythmus verschränkt ist; andererseits, zumindest in Hebels Perspektive, eingebunden in die christliche Heilsordnung, die Zeit grundsätzlich aufzuheben vermag. Erzähltechnisch wird in dieser Raffung der Blickwinkel unmerklich wieder auf die beiden Brautleute und ihr Schicksal gerichtet. […] Hieran schließt sich dann bruchlos die Rückkehr auf den engen ursprünglichen Schauplatz und, mit ziemlich genauer Datierung, in die Sukzession der privaten Geschichte an: "im Jahre 1809, etwas vor oder nach Johannis" (Z 27)."
Die dritte Erzählphase, die aus den beiden Szenen nicht erwartetes Wiedersehen und dem Abschied "auf dem Kirchhof" (Z 55) besteht, wird in einem langsamen Erzähltempo, vergleichsweise breit, erzählt. Dabei zeigt sich, dass der Zeitenlauf auch biographisch Wirkung hat: "Die "junge hübsche Braut" (Z 2) erscheint "in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters" (Z 45f.), während der Tote von den Wirkungen der Zeit verschont und als "jung" blieb." (ebd.)

Die Analyse der Zeitgestaltung, die Vogt vornimmt, zeigt, dass sie einen wesentlichen Schlüssel zum Verständnis des Textes bereithält. Erst über sie erschließt sich nämlich, was den Sinn der Geschichte ausmachen kann: Die Zeit und ihr unaufhaltsames Fortschreiten bestimmt alles Leben. "Entziehen kann man sich ihm allein um den Preis des Todes. Aber das mag bereits die Sicht des Lesers sein, der aus modernem Zeitbewusstsein heraus spricht; in Hebels Erzählung wird dies Bewusstsein von der radikalen Zeitlichkeit der Existenz noch aufgefangen durch die christlich verbürgte Heilsgewissheit einer Ewigkeit jenseits der Zeit, eines Lebens jenseits des Todes. Die wahrhaft 'zeitlose' Treue der Braut erscheint als weltlicher Reflex solcher Ewigkeit und insofern als zumindest subjektiv wirksame Überwindung der Zeit." (ebd.)

(aus: Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa: Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, 7., neubearb. und erw. Aufl., Opladen: Westdt. Verlag 1990, S. 111-114; Zeilenangaben durch den Verfasser an die vorliegende Textformatierung angepasst)

 

      
     

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