Andreas Gryphius: Einsamkeit

Einsamkeit als Ort der Meditation

Wolfram Mauser (1982)


Das Sonett ist kein Landschaftsgedicht. Die christliche Tradition kennt Landschaftsdarstellungen im eigentlichen Sinne nicht. Es geht hier vielmehr um eine geistige Auseinandersetzung mit Elementen der Natur. Diese geschieht nicht um ihrer selbst oder landschaftlichen Schönheit willen, sondern im Hinblick auf die eschatologische1 Bestimmung des Menschen. [...] Der Dichter geht also nicht von einer vorgegebenen und erfahrenen Landschaft aus, sondern fügt bestimmte Naturelemente aneinander. Die Gemeinsamkeit dieser Naturelemente erschöpft sich darin, dass die Träger analoger Bedeutung sind. Im Hinblick auf die Wiedergabe der erfahrbaren äußeren Wirklichkeit brauchen die einzelnen Elemente nicht zusammenzupassen, ja sie können sich geradezu ausschließen, wie hier die Vorstellung von "öder Wüste" und "rauhem Wald" (9). [...]
In der Renaissance entdeckte man die Einsamkeit als Ort, der dem schöpferischen Geist förderlich ist (Boccaccio, Franz von Assisi). Im 17. Jahrhundert häufen sich dagegen die Warnungen vor der Einsamkeit. Sie widerspreche der Art und Natur des Menschen und verführe Sünde und Laster. Die Stätte der Anfechtung erweist sich aber zugleich als bevorzugter Ort einer Meditation über die Eitelkeit alles Irdischen. Die einzelnen Requisiten: Eulen, rauer Wald, Tal, Höhle, geborstene Mauern, brachliegende Felder wurden von Gryphius nicht erfunden; er fand sie vielmehr in der Bibel im reichen Arsenal der enzyklopädisch-allegorischen Handbücher und Florilegien2 der Zeit, in denen feste Bedeutungszuordnungen verfügbar gehalten wurden.
Gelehrsamkeit und auch Kunstfertigkeit bestanden im 17. Jahrhundert unter anderem darin, im Rahmen bestehender Bedeutungszuordnungen zu variieren. [...]
Die Einsamkeit der amönen (lieblichen) Landschaft eignet sich dazu, Tugenden und bestimmte affektive Werte zu vergegenwärtigen, nicht aber die Gewissheit, dass die Welt ein Jammertal ist. Vanitas-Gedanken stehen in einem eigenen Feld bildhaft-topischer Entsprechungen. Zu ihnen gehört eine besondere Szenerie der Einsamkeit: so die öde Wüste mit Gegenständen, die zeigen, dass alles Irdische dem Gesetz der Zeit, des Verfalls, der Sterblichkeit unterliegt (1-4, 9-12). Die "stillen Vögel" (4), die hier nisten, deuten das Unheimliche einer menschenverlassenen Gegend an. [...]
Die genannten Gegenstände der Natur sind Sinn-Bilder, Abbilder, Zeichen. Sie vermögen die heilsgeschichtliche Bedeutung der Welt vor Augen zu führen. Wer, wie das Ich des Sonetts, den Schritt der Deutung zu vollziehen vermag, für den ist das öde, verlassene, unfruchtbare ("ungebau'te") Land "schön und fruchtbar" (12f.). In einer sinnreichen Wendung vollzieht Gryphius den Schritt von der heilsgeschichtlichen Dimension des Sonetts zum Aspekt des Seelenheils des einzelnen. [...]
In dem Vers "Hir/fern von dem Pallast; weit von des Pövels Lüsten" (5) wird das Bauwerk ("Pallast") für seine Bewohner, d.h. für die Menschen hohen Standes gesetzt, und mit dem Hinweis auf die "Lüste" des "Pövels" wird als kennzeichnendes Merkmal der untersten Bevölkerungsschichten - nämlich ihre Unfähigkeit, Leidenschaften zu bewältigen - für ihre Charakterisierung verwendet. [...]
Die Vanitas-Dichtung variiert in vielfältiger Gestalt den Grundgedanken der Vergänglichkeit alles Irdischen. Sie erinnert auch den Fürsten an seinen Platz in der Heilsordnung. Zum Selbstverständnis der Obrigkeit gehörte es hinzunehmen, dass an den gehobenen Ständen und am "Regiment" das Prinzip der Zeitlichkeit, der Vorläufigkeit der Welt überdeutlich vor Augen geführt wird (Fallhöhe).

(aus: Wolfram Mauser, Andreas Gryphius' Einsamkeit, in: Meid 1982, S. 231ff.)

1 eschatologisch: heilsgeschichtlich auf die letzten Dinge des Daseins bezogen
2 Florilegium: Zusammenstellung von Texten antiker Schriftsteller
 


   Arbeitsanregungen:
  1. Begründen Sie mit Hilfe der Ausführungen von Wolfram Mauser, warum es sich bei dem Gedicht »Einsamkeit« von  Andreas Gryphius (1618 - 1664) um kein Landschaftsgedicht handelt.

  2. Welche Bedeutung besitzen die im Gedicht verwendeten Bilder im Rahmen der Barockliteratur?

  

  
          

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