Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlands

Interpretation

Erich Trunz (1949)


Das erste Quartett gibt gehäufte Bilder des Kriegselends und in der vierten Zeile tritt kurz als Gegensatz hinzu - doch nur im Unterton, nicht als pointierte Antithese - die Andeutung des Friedens (Arbeit, Fleiß, Vorrat). Das zweite Quartett fährt mit Bildern des Krieges fort. Diesmal sind es wirklichkeitsnähere Bilder, aber nicht in Verbindung mit einer augenblicklichen Impression, sondern sachlich geordnet: die Türme (wehrhafte Sicherheit), die Kirchen (das geistliche Leben), das Rathaus (weltliche Verwaltung), Männer und Frauen [...] Die ganze Häufung ist also eine Zusammenschau von Motiven, die aus der Wirklichkeit als besonders sinnkräftig ausgewählt sind, vermischt mit apokalyptischen Bildern. Die Zeit selbst empfand oft ihr Elend als Anzeichen der Endzeit und sah es mit den Augen der Bibel, zumal der Offenbarung Johannis [...] die ganze Bilderreihe vom Beginn bis hierher [steht] zwischen Vision und Wirklichkeit, wozu auch die verallgemeinernden Einfügungen passen [...] Der Hinweis auf die Kriegsdauer von 18 Jahren führt auf die Überschrift "Anno 1636" zurück. Der Ring scheint sich zu schließen, nachdem alle Bilder des Grauens durchlaufen [...] aber noch steht der Endreim, steht das zweite Terzett aus. Es beginnt: "Doch schweig ich noch von dem ...." Wovon schweigt das Gedicht? Es geht dem Ende zu; es hat, wie Barockgedichte so oft, den Gipfel für den Schluss aufgespart [...] Dadurch dass nicht einfach Beobachtungsbilder gegeben wurden, sondern eine apokalyptische Landschaft, war ganz leise schon ein Bezug zum Religiösen darin. Und jetzt am Ende erfolgt die Wendung ins Geistliche, ins Innerliche, Religiöse [...] Der Schatz, das Wertvollste der Seele, ist - das kann im Barock nicht anders sein - der christliche Glaube. [...] Nicht nur Tod, Pest, Brand und Hunger haben die Menschen vernichtet, sondern in dieser Umwelt sind sie sittlich verkommen, eigensüchtig, bösartig, seelenlos geworden. Alles andere war Schicksal, war Not, die über die Menschen kam wie ein Gewitter oder eine Lawine, wie die apokalyptischen Reiter. Hier aber ist er frei in aller Bedingtheit. [...] Der Mensch kann auch im höchsten Unglück Mensch bleiben und damit das, was "ärger als der todt", selbst überwinden. Mit diesem Schlussgedanken erreicht das Sonett seinen Gipfel. Nach elf Zeilen grausiger, in sich kaum steigerungsfähiger Bilder, folgt diese Aufgipfelung am Ende in steiler Bewegung. Sie füllt genau das letzte Terzett.

(Erich Trunz, Fünf Sonette des Andreas Gryphius. Versuch einer Auslegung (1949), zit. n. Braak 1979, S.61f.)
 

    
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Interpretation des Gedichts "Tränen des Vaterlands" von Andreas Gryphius.

  1. Untersuchen Sie die Form der Textwiedergabe durch den Autor. Was "macht" er mit den im Gedicht vorgegebenen Bildern dabei?

  2. Welche typischen Merkmale der Barocklyrik stellt er in seinen Ausführungen fest?

  3. Vergleichen Sie die Interpretation von Erich Trunz (1949) mit der von Rudolf Knauf(1969).
    Welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede können Sie feststellen?
    Worauf führen Sie die Gemeinsamkeiten zurück?

  

 
  
          

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