Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlands

Interpretation

Rudolf Knauf (1969)


Das Sonett ist eine Klage. Dies sagt uns schon der Titel. Beweint werden Verwüstungen, die der Krieg in 18 Jahren (vgl. V. 10) angerichtet hat. Der erste Vers formuliert allgemein, was die nachfolgenden Gedichte verdeutlichen: dass der Krieg in einem doppelten Sinne verheert ist. Seine zerstörerische Gewalt hat einerseits das Land in ein Chaos verwandelt ("Wir sind doch nunmehr ganz ... verheeret"), andererseits – "was ärger als der Tod" (V. 12) – viele Menschen um ihren Glauben gebracht ("Wir sind ... mehr denn ganz verheeret"). Die Aussage der zweiten Halbzeile im ersten Vers darf demnach nicht als eine rhetorische Wiederholung verstanden werden. Sie ist eine Steigerung, die auch in der gedanklichen Bewegung des Gedichtes sichtbar wird.
In den Strophen 1 bis 3 häufen sich Bilder, die alle das Kriegselend beschwören. Die Bilder des ersten Quartetts zählen auf, was zum Kriegshandwerk (des 17. Jh.) gehört: "Völker" (= Kriegsvolk, Soldaten), die zum Angriff blasende "Posaune" (offensichtlich in Anlehnung an Joh. Offenbarung 8.9,11), "Schwert" und "Kartaun" (Kanone). Die charakterisierenden Attribute "rasend", "vom Blut fett", "donnernd" geben den Bildern etwas Wirklichkeitsfernes, Visionäres. Die oben erwähnten Sinnbilder des Krieges stehen im Kontrast zu Sinnbildern des Friedens: "Schweiß" (Arbeit), "Fleiß und Vorrat" (V. 4). Was der vierte Vers als die Wirkung des Krieges allgemein bezeichnet, veranschaulicht das zweite Quartett in wirklichkeitsnahen Bildern. Sie zeigen eine im eigentlichen Sinne 'verkehrte Welt'. "Die Türme" bieten keine Wehr mehr; "die Kirch" ist nicht länger Hort des Friedens sondern umgekehrt; "das Rathaus liegt im Graus", d.h. es ist eine Stätte des Schreckens, nicht der bürgerlichen Ordnung; "die Starken" sind Schwache, weil "zerhaun"; "die Jungfern sind geschänd’t", d.h. die Reinen sind befleckt. Der zusammenfassende Satz am Schluss des Quartetts (V. 7 und 8) erweitert, indem er zeigt, dass die vorausgehenden Einzelbilder nicht Einzelfälle demonstrieren. Sie erscheinen einem Raum zugehörig, in dem "Feuer, Pest und Tod" ein Allgemeines sind. Das erste Terzett schreitet fort in der Beschreibung des Grauens. Die adverbialen Bestimmungen "Hier durch die Schanz und Stadt" (V. 9) und "Dreimal ... schon sechs Jahr" (V. 10) stellen den Wirklichkeitsbezug des Geschilderten her. Dagegen steigern die Wendungen "durch ... die Stadt rinnt allzeit frisches Blut" (V. 9) und "unser Ströme Flut (sind) von Leichen fast verstopft" (V. 10 und 11) die Schreckensvisionen der beiden Quartette. Durch die Vermengung beider Bereiche, des wirklichen und des visionären, werden Vorstellungen geweckt, die an das Jüngste Gericht der Offenbarung erinnern. Der Bezug zum Religiösen wird hier wie in den letzten Halbzeilen der Verse 1 und 8 allerdings nur angedeutet. Offen zutage tritt er im abschließenden Terzett, in dem das Gedicht eine weitere Steigerung erfährt. Im Gegensatz zu den drei vorangehenden weist diese Strophe nicht ein einziges Bild auf. Das Grauen, von dem sie spricht, lässt sich nicht mehr ausmalen, sondern nur mit Hilfe von Komparativen ausdrücken. In der Klage um den verlorenen "Seelenschatz" spüren wir jedoch auch Trost. Denn sie verweist auf eine höhere Instanz, angesichts derer der Mensch vom Leid des Irdischen Abstand zu gewinnen vermag.

(Rudolf Knauf, in: Hienger/Knauf (Hg.) 1969, S.14f..)
 

    
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Interpretation des Gedichts "Tränen des Vaterlands" von Andreas Gryphius.

  1. Unterstreichen Sie mit unterschiedlichen Farben folgende Elemente des Textes, in denen es hauptsächlich

    • um Textwiedergabe

    • um die Herstellung des nötigen Textbezugs

    • um die Interpretation des Gedichtes bzw. einzelner Aussagen geht.

  2. Ergänzen Sie die Interpretation um eine Einleitung, in der sie den Text in seine Zeit und die Literaturepoche Barock einordnen.

  

 
  
          

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