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Andreas Gryphius: Abend

Vergleich mit »Reklame« von Ingeborg Bachmann


Walter Hinck (2000) betont, dass er beim Lesen des Sonetts »Abend« von Andreas Gryphius sogleich an Ingeborg Bachmanns Gedicht »Reklame« erinnert worden sei. Dabei seien es vor allem die ähnlichen Motive "Dunkelheit, Sorge, Tod und die Frage nach dem Nachher" (Hinck 2000, S.45) gewesen, die ihn zu diesem Vergleich veranlasst hätten:

Ingeborg Bachmann

REKLAME

Wohin aber gehen wir
ohne Sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Todesstille
eintritt

"Auch in Ingeborg Bachmanns Gedicht wird der Sorge Trost angeboten, ja aufgedrängt, in einer Wechselrede von Frage und Antwort (Scheinantwort). Die Kursivschrift deutet eine andere Art von Rede an, hilft uns die Antworten als Einflüsterungen zu verstehen. Geht die erste Frage aus dem Bedürfnis nach Geborgenheit hervor, so wünscht sich die zweite Orientierung in der geistigen und existenziellen Unsicherheit, die aus der Gewissheit unserer Endlichkeit entspringt. Sie löst die Fragen nach einer letzten Instanz aus und nach dem, was beim Eintreten des Todes und danach geschieht." (Hinck 2000, S.45)

Inhaltliche Analogien führen Walter Hinck (2000) in seinem Vergleich von Ingeborg Bachmanns »Reklame« und Andreas Gryphius‘ »Abend« zu den folgenden Feststellungen:
"Ständig unterbricht die Reklame das Fragen, und ihre Scheinantworten sind Versuche, die Fragenden zu beschwichtigen, zu beruhigen, einzulullen; sie möchte abwiegeln. Der Singsang der Werbesprache appelliert an die Sorglosigkeit und verspricht Heiterkeit – Musik ist Droge. Wo im Sonett des Barockdichters das Gebet zum Vermittler der Hoffnung wird, wiederholt die Reklame mit der Eintönigkeit von Gebetsmühlen ihr Beschwörungs- und Betäubungsvokabular. Werbung ist Abwerbung, Ablenkung des Menschen von seiner Suche nach einem Daseinsziel. Die Litanei der Werbesprache reizt Süchte nach flachem Glück." (Hinck 2000, S.45)

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die von Hinck festgestellten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Gedichte heraus.

  2. Eignen sich Ihrer Ansicht nach die beiden Gedichte zu einem Vergleich?

   

  
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