Andreas Gryphius: Abend

Das Gedicht in der Allegorese

Winfried Freund (1990)


Das erste Quartett leitet mit der Situationsschilderung die thematische Entfaltung (inventio) ein. In wenigen markanten Strichen entsteht ein Bild des Abends. Dem allgemeinen Hinweis auf den vergangenen Tag schließt sich eine hierarchisch aufgebaute Beschreibung an. Wechselt die Blickführung zunächst vom Abendhimmel hinab zur Erde, so folgt erst nach der Erwähnung des Menschen die Erwähnung der Tiere. In typisierender Weise erscheint der Abend als Zeit des Rückzugs, die abendliche Szene als leer und verlassen, wie eine Bühne, von der die Akteure abgetreten sind.
Einsamkeit ergibt sich als zwingende Konsequenz aus dem Dargestellten. Der typisierenden Schilderung folgt der gedankliche Schluss. Dem Bewusstsein der verflossenen Zeit entspricht der einleitende Hinweis auf den schnellen Tag. Damit runde sich das erste Quartett. Im hermeneutischen Sinn legen die einleitenden vier Verse, reduziert auf das wiederkehrend Allgemeine, den eigentlichen Wortsinn des Abends dar (sensus litteralis), das, was sich den Sinnen stets anbiete. Das erste Quartett stellt aber nicht nur das Motiv dar, sondern bildet die Grundlage der weiteren Argumentation. [...]
Bereits die erste Zeile des zweiten Quartetts weitet die Abendsituation zum Lebensabend aus. Abend ist allgemein Endzeit, das Herannahen der Sterbestunde. Dem Wortsinn folgt im hermeneutischen Argumentationsverlauf die allegorische Auslegung, das, worauf die Situation wesentlich verweist (sensus allegoricus). Die Erscheinung ist nicht Selbstzweck, sondern nur äußere Hülle des Wesens, das es zu enthüllen gilt. Die Allegorese, das Eindringen in den tieferen Sinn führt zur Erkenntnis. [...]
Die unabweisbare Gewissheit des Todes beschwört die Frage nach dem angemessenen menschlichen Verhalten im Leben herauf (sensus moralis). [...] Gläubige Zuversicht und göttlicher Beistand vermögen vereint die irdische Situation bestehen.
Nach der Entfaltung des moralischen Sinns gestaltet das abschließende Terzett den heilsgeschichtlichen Aspekt, den Verweis auf das Emporführen des Menschen (sensus anagogicus). Über den Lebensabend hinaus steht der Abend nun am Anfang eines neuen, des ewigen Morgens. [...] Der einleitend von oben nach unten geführte Blick richtet sich am Ende mit der Zuwendung zum Jenseits wieder auf. Blickführung und die aufsteigende Auslegung nach dem vierfachen Schriftsinn erweisen sich als parallel geführt. Abend und Nacht haben sich verfinstert zur Nacht der Sünde und des Todes, aus der nur die Erlösung durch Gott den rettenden Weg weisen kann.

(aus: Freund 1990, S.13f.)
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Prinzipien der allegorischen Auslegung (Allegorese) des Gedichts »Abend« von Andreas Gryphius (1618-1664) heraus.

  2. Stellen Sie Ihre Ergebnisse in Form einer tabellarischen Übersicht dar.

  3. Untersuchen Sie die Ausführungen Freunds zum ersten Quartett. Welche Aussagen sind primär Inhaltsangabe, welche Beschreibung der Textstrukturen und welche Interpretation?

» Allegorese (Diagramm) - » Freund, Winfried: Sonett und vierfacher Schriftsinn (1990)

   

  
          

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