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Andreas Gryphius: Abend

Interpretation

Rudolf Knauf (1969)


Das Abendgedicht von Andreas Gryphius ist ein Sonett in Alexandrinern. Die Anordnung des Reimes (abba, abba, ccd, eed) gliedert die 14 Zeilen in zwei Quartette und Terzette, die deutlich voneinander abgehoben sind. Zweigliedrig wie die Form ist auch der Inhalt des Gedichtes. Die Strophen 1 und 2 vergegenwärtigen die Vergänglichkeit des Irdischen, in den Strophen 3 und 4 wendet sich der Sprechende im Gebet dem Ewigen zu.
In der ersten Strophe wird von Tag und Nacht gesprochen, und zwar in einer Weise, als wäre von zwei sich bekriegenden Heeren die Rede. Das auf ‚Tag‘ bezogene Prädikat 'hin sein' in der 1. Halbzeile bedeutet mehr als 'vorüber sein': nämlich auch 'hinüber sein', d. h. 'vernichtet sein'. Die Nacht ist dem Tag überlegen. Gleich einem siegreichen Feldherrn führt sie fahnenschwingend die Sterne (ihre Soldaten) auf (V. 1 und 2). "Menschen, Tier und Vögel" (V. 2 und 3) - sie sind dem Tage zugeordnet - weichen vor der Nacht zurück. Mit ihr breitet sich nicht erquickende Stille über der Welt aus, sondern "trauernde Einsamkeit" (V. 4). Der Tag wird von der Nacht ausgelöscht, wie das Leben vom Tod. Einen Hinweis darauf, dass Tag und Nacht in dem Sonett als Sinnbilder verstanden werden, gibt der Ausruf am Schluss des 1. Quartetts: "Wie ist die Zeit vertan!" Die Verse des 2. Quartetts drücken es noch deutlicher aus. Im Abend erlebt Mensch seine eigene Vergänglichkeit (V. 6 und 7). Trotz dieses irdischen Strebens und Tuns, seines Einsatzes in der Welt, der das Leben zu einer "Rennebahn" (V. 8), zu einem "Laufplatz" (V. 9) macht, entflieht er doch nicht seinem Ende. Im Wettlauf des Lebens entscheidet der Tod. Auf seine Unabwendbarkeit weist schon die paradoxe Bildvorstellung des fünften Verses hin. Der Vergänglichkeit preisgegeben, sieht sich der Mensch auf Gottes Gnade angewiesen. Um sie betet er (V. 9 - 14).
Die Gegenüberstellung von Leben und Tod, versinnbildlicht in Tag und Nacht, kehrt auch in den beiden Terzetten wieder. Im ersten betet der Mensch um Beistand für das Leben: Gott möge ihn nicht 'gleiten', d. h. 'ausgleiten' (= 'hinfallen'), 'entgleiten' (= 'aus den Händen fallen') lassen. Weh und Wohl der Welt ("Ach" und "Angst", "Pracht" und "Lust") erscheinen dem Betenden gleichermaßen als verlockendes Blendwerk, wovor ihn der "helle Glanz" Gottes bewahren soll (V. 11). Im zweiten Terzett betet der Mensch um Erlösung der Seele vom Tode. Es führt zum Anfang des Gedichtes zurück. Die hereinbrechende Dunkelheit erinnert den Erlebenden an den Abend (= das Ende) seines eigenen Daseins. Der Symbolgehalt der im ersten Quartett gestalteten Nacht offenbart sich vollends. Sie kontrastiert nicht nur dem Tag, sondern versinnbildlicht zugleich die dem Tode verfallene Welt, die deswegen der abschließende Vers das "Tal der Finsternis“ nennt.

(Rudolf Knauf, in: Hienger/Knauf 1969, S. 13f.) 
 


   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie die Interpretation des Gedichts "Abend"  von Andreas Gryphius (1618-1664).

  1. Worin sehen Sie Stärken und Schwächen der Interpretation?

  2. Machen Sie Verbesserungsvorschläge.

  

  
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