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Wir leben ein paar Augenblicke und tun so rasend wichtig. Der eine braucht
den Ausdruck »Schwerpunktthema«, der andre spricht von »musikalischer
Umrahmung«, der dritte sagt: »Anforderungsprofil«, und solche Wörter tönen
so, als würden die, die sie verwenden, ewig leben, und ich kann nicht
begreifen, warum der Mund kein Schamteil ist. Wir leben ein paar
Augenblicke und achten doch auf Bügelfalten, und ist ein weiches Ei zu
hart, macht man Theater. Hier fehlt ein Komma! sagen wir. Und der
Hürlimann nicht endlich seine Büsche stutzt! Ich steh auf Kümmel. Nicht
mein Typ. Naturschwamm oder Kunststoffschwamm?
Sie werden mich noch kennen
lernen. Ich ziehe Schritte in Erwägung, da man beim Schweizer Radio die
vierte Strophe der Jodellieder meistens abklemmt. Du, ist der Meier
schwul, er trägt ein selbst gestricktes Rosa-Westchen. Wir leben ein paar
Augenblicke und sind so falsch, so schwatzhaft, so himmelschreiend
oberflächlich und tun die ganze Zeit die Pflicht, die Pflicht und werden
dabei schlecht und dumm und grölen in der Freizeit blöd herum und vögeln
ruppig. Wir haben den Mut zu nichts und Angst vor allem, wir stehen zeitig
auf und tun die Pflicht und schämen uns, wenn wir mal liegen bleiben, und
wären froh um eine Grippe. Die Eskapadenfreudigkeit nimmt ab, man denkt
schon vor der Sünde an den Katzenjammer, uns fehlt nicht nur die Lust, uns
fehlt sogar die Lust zur Lust, schon sie gilt als obszön, nicht aber der
Verzicht und nicht die Pflicht und nicht die pausenlose feige Füg- und
Folgsamkeit und ihre Folge, die Verblödung. Wir sind so eingeschüchtert,
so elend zahm, Umgänglichkeit hat Vorrang; weil alles so komplex ist und
so erfreulich relativ, sind wir von vornherein entschuldigt, wenn wir
nicht dies, nicht jenes sagen, die Selbstzensur nennt man die gedankliche
Behutsamkeit, und Wahrheitsangst heißt Toleranz, und selbst der
zitterigste Hampelmann hat noch die Chance, als kompromissbereiter Geist
zu gelten. Ist unser Gang entspannt? Er ist es nicht. Wir gehen, wie wir
leben, verkrümmt, gedrückt, geknickt und linkisch. Wie wird bei uns
getanzt? Getanzt wird nicht bei uns, wir hopsen höchstens. Wo ist ein
seliges Gesicht, frei von Verkniffenheit, frei von Verstellung, frei von
der Furcht, nicht zu gefallen? Wo bleiben die Belege, die meine Hoffnung
nähren könnten, dass alle meine Nachtgedanken nur alkohol- und froschbedingte Hirngespinste sind?(aus: Markus Werner, Froschnacht, 2.
Aufl., Salzburg 1986, S.135f.)
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