Andreas Gryphius: Es ist alles eitel

Interpretation

Marian Szyrocki (1964)


Mitten im Rasen des Krieges, selbst zum Augenzeugen der Vergänglichkeit geworden, erhebt der Dichter als Wahrheitsverkünder und Seher seine prophetische Stimme:
Wo jtzt die Städte stehn so herrlich / hoch und fein
Da wird in kurtzem gehn ein Hirt mit seinen Herden
Der Gedanke von der Vergänglichkeit alles Irdischen wird ausgebaut in einer Kette von antithetischen Halbversen. Sie klingen in der Existenzfrage "Solt denn die Wasserblaß, der leichte Mensch bestehn?" aus. Nach diesem, dem zehnten Vers, folgt der Sonetteinschnitt. In den letzten vier Zeilen zieht der Dichter aus Erlebtem und Durchdachtem die Folgerungen und erhebt Klage über die Nichtigkeit der Welt. "Der Klang des Satzes ist traurig: mit Ach hebt er an, als Frage klingt er aus, die Stimmlage ist tief, dunkel. Aber er endet doch mit einem an sich lieblichen Bild -, eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't - ... Das Irdische, das vergänglich ist und insofern eitel, leuchtet doch einen Augenblick in Schönheit auf, die geliebt erscheint - aber das klingt nur ganz leicht an; ausgesprochen bewusst geworden ist es nirgends. Die neue Exempla-Häufung nennt in raschem Zusammentreffen lauter Dinge, die schnell vergehen und später nicht mehr zu finden sind. Dies klingt hoffnungslos und pessimistisch. Gryphius sieht zwar "in dem was ewig ist" einen Ausweg aus der Sackgasse der Vanitas, doch die Menschen wollen ihn nicht gehen. Mit prophetischer Stimme mahnt Gryphius in dem Sonett die im Bruderkrieg verblutenden Zeitgenossen, leitet aus den angeführten Beispielen die Gesetzmäßigkeit der Vergänglichkeit ab, erhebt Klage und schließt mit einer Anklage.
In dem Gedicht werden verschiedene Möglichkeiten der Antithetik verwertet: zwischen Wort und Wort, Halbvers und Halbvers, zwischen Vers und Vers, Satzperiode und Satzperiode. Der Anfangs- und der Schlussvers stellen das Irdisch-Vergängliche dem Transzendent-Ewigen gegenüber und rahmen durch diese gedanklichen Extreme das Sonett gewissermaßen ein. Die formale Meisterschaft und die erschütternde, tief erlebte Wahrhaftigkeit entschieden über die künstlerische Lebensdauer der dichterischen Aussage des Gedichtes, in dem die Haupterfahrung von Gryphius' schwerer Jugend, das Vanitaserlebnis, einen vollkommenen Ausdruck fand.
(aus: Szyrocki, Marian, Andreas Gryphius. Sein Leben und Werk, Tübingen: Niemeyer 1964, S.59-60; Szyrocki zitiert nach der Fassung von 1637)
 
 
   Arbeitsanregungen:

Fassen Sie die Interpretation des Autors zu »Es ist alles eitel« von Andreas Gryphius zusammen, indem sie ihre Aussagen über die formale und sprachliche Struktur und die von ihr dargestellte Aussageabsicht einander gegenüberstellen.
 

 
  
          


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