Andreas Gryphius: Es ist alles eitel

Interpretation

Konrad O. Kenkel (1980)


 Das Zentralthema des Gryphschen Gesamtwerkes ist das Vergänglichkeitsmotiv, das vor allem in den Sonetten in unzähligen Varianten gestaltet wird. Der Vanitasgedanke als Ausdruck der Spannung zwischen dem zeitlichen und ewigen Aspekt wird zum Kristallisationspunkt der barocken Lebenshaltung. Diese Dichotomie* zwischen carpe diem einerseits und carpe coelum andrerseits wird für Gryphius zur entscheidenden Erfahrung des christlichen Glaubens, die sich in allen Bereichen des Lebens manifestiert. Doch gerade den christlichen Glauben sieht er durch die politischen Zeitumstände des Dreißigjährigen Krieges einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Reformation und Gegenreformation haben das Individuum nicht nur einem äußeren Chaos ausgeliefert, sondern sie haben auch zu einer inneren Verunsicherung in Glaubensfragen geführt, in der Gryphius eine gefährliche Unterminierung des Heilsgedankens erblickt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in seinen Gedichten das antithetische Lebensgefühl seiner Zeit mit einem unerschütterlichen Glaubenspathos verbindet, mit dem oft in fast beschwörender Weise der Leser direkt angesprochen wird. […]
Gleich die erste Zeile enthält […] ein für Gryphius typisches Stilmerkmal. Er wendet sich direkt an den Leser, indem er ihn unmittelbar mit dem Thema des Gedichts, d.h. mit der Eitelkeit dieser Welt, konfrontiert. Diese abrupte, fast schockartige Akzentuierung der Grundidee eines Gedichts in der Eröffnungszeile, sei es in Form einer Aussage oder einer Frage, findet sich in einer ganzen Reihe Gryphscher Gedichte. Wie sehr es ihm auf den direkten Leserbezug ankommt, zeigt die Tatsache, dass er die Ich-Form der ersten Fassung von 1637 ("Vanitas, Vanitatum, Et Omnia Vanitas") in der hier vorliegenden Version von 1643 in die Du-Form umgewandelt hat. Durch die direkte Ansprache wird der Leser von vornherein in eine Antithetik einbezogen, die erst aus der letzten Zeile ersichtlich wird, deren Versrhythmus als einziger mit dem der ersten Zeile identisch ist. Beide Zeilen zusammen bilden ein Kontrastpaar, das die dazwischen liegenden zwölf Zeilen in die Polarität von irdischer Vergänglichkeit und christlicher Ewigkeitslehre stellt. Die sich daraus entwickelnde antithetische Grundhaltung des gesamten Gedichtes wird sowohl durch das Versmaß als auch durch die intensive Bildlichkeit unterstrichen. Da der Alexandriner nach der dritten Hebung eine deutliche Zäsur aufweist, entsteht eine Mitteldiärese**, die es Gryphius ermöglicht, die zwei Halbverse einer Zeile antithetisch zu gestalten, ohne dabei gegen den Sprachrhythmus schreiben zu müssen. Infolgedessen fügt sich die Bildlichkeit, die durchgängig auf Kontrastmetaphern beruht, nahtlos in das vorgegebene Versschema ein. Die Gegensatzpaare von bauen und einreißen, von Stadt und Wiese, von Glück und Beschwerden und schließlich von Ruhm und Traum dienen einzig dem Zweck, die Bedingtheit alles Zeitlichen, d.h. den Vergänglichkeitsgedanken in konkreten Bildern dem Leser vor Augen zu führen. (…)
Der Vergänglichkeitsgedanke wird zum dominierenden Faktor des Gedichts. Was bei den alttestamentlichen Predigern noch als Hoffnung auf eine positive Lebensbewältigung erscheint, wird bei Gryphius in ein totales Gegenteil, nämlich in die absolute Negation alles Irdischen verkehrt. Und wie Marvin Schindler treffend beobachtet, ist die Negation so total, dass sogar das Ewige ungenannt bleibt; es manifestiert sich nur indirekt in der durch Vergänglichkeit gezeichneten Erscheinungswelt. Mit Hilfe von biblischer Bildlichkeit, die hier, beinahe zweckentfremdet, zu einer Schreckensmetaphorik umgewandelt wird, versucht Gryphius in diesem Gedicht, den Leser mit einer ernsten, unmittelbaren Warnung anzusprechen: Betrachte die eigentlichen Werte der menschlichen Existenz, gedenke deines ewigen Seelenheils, andernfalls bist du verloren! Dieser offensichtliche Lebenspessimismus, hervorgerufen durch die tiefe Glaubenserschütterung seiner Zeit und dargestellt mit fast missionarischem Unterton, ist typisch für die Gryphsche Lyrik.

WORTERKLÄRUNGEN:
*Dichotomie (griech.) Zweiteilung, Auseinanderstreben.
** Diärese (griech.) starke Zäsur: zugleich Ende eines Versfußes und eines Wortes; typisch für den Alexandriner.

(aus: Konrad O. Kenkel, "Was liefert die Welt? Rauch, Nebel und Gedichte." Die Lyrik des Andreas Gryphius. In: text+kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 7/8, 2. Aufl. 1980, S. 88)
 

 
   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie die wichtigsten Interpretationsthesen von Kenkel zu »Es ist alles eitel« von Andreas Gryphius und ihre Begründungen heraus.

   

 
  
          


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