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Goethe: Egmont - 2. Aufzug:  Egmonts Wohnung

Was ist bei diesen Anweisungen verlangt?

Interpretation des Dialogs Egmont und Oranien (II,9)

 
 
 

Eine mehrteilige Arbeitsanweisung zur Abfassung eines literarischen Aufsatzes (Interpretationsaufsatz, Textinterpretation) zum Dialog von Egmont und Oranien im 2. Aufzug (2. Zwischenakt; II,9) von Goethes Drama »Egmont« könnte wie folgt aussehen.
 

1. Was ist bei diesen Arbeitsanweisungen verlangt?

Ganz allgemein gilt: Eine mehrteilige Arbeitsanweisung gibt die Gesichtspunkte vor, die bei der Interpretation in jedem Fall behandelt werden müssen und setzt dabei Schwerpunkte. Zugleich stellt sie meistens eine Art "Fahrplan" dar, nach der eine Textinterpretation (Interpretationsaufsatz, literarischer Aufsatz) aufgebaut sein sollte. Die meistens durchnummerierte Form der Arbeitsanweisung darf aber nicht so aufgefasst werden, als handle es sich dabei um einzelne Aufgaben, die wie in einer Klassenarbeit, z. B. in Biologie, nacheinander "abgehakt" werden können. Alle Teile zusammen geben das Ganze des Interpretationsaufsatzes, der ein zusammenhängendes Textganzes darstellt.
Die Nummern der einzelnen Arbeitsanweisungen haben daher in der schriftlichen Ausarbeitung des Interpretationsaufsatzes nichts zu suchen!
Wer dem "Fahrplan" der mehrteiligen Arbeitsanweisung folgt, sollte dabei zwischen den einzelnen Teilen des Aufsatzes Absätze einfügen. Wer kann, fügt eine Überleitung hinzu, ansonsten kann der Übergang aber auch ohne sie erfolgen.
Grundsätzlich kann sich der Aufbau des Interpretationsaufsatzes auch am allgemeinen Gliederungsschema orientieren, wobei freilich die jeweiligen Vorgaben in der mehrteiligen Arbeitsanweisung zu berücksichtigen sind. (vgl. Wie baut man einen Interpretationsaufsatz auf?)

ad 1)
Ordnen Sie dazu die Szene in den Gesamtzusammenhang des Dramas ein.

Grundsätzlich geht es bei dieser Aufgabe darum, die zu analysierende und zu interpretierende Textstelle in ihren inhaltlichen und strukturellen Bezügen zum Gesamttext zu betrachten. (vgl. FAQ: Wie ordnet man eine Textstelle ein?)

Im vorliegenden Fall des Dialoges zwischen Egmont und Wilhelm von Oranien bedeutet dies:

  • Das Wesentliche der dramatischen Handlung vor und nach dem Dialog von Egmont und Oranien wiederzugeben.
  • Jene Elemente der dramatischen Handlung zu erfassen und wiederzugeben, die für diese Szene und ihr Verständnis besonders wichtig sind.
  • Wesentliche und auf die Szene fokussierte Handlungselemente nach diesem Kapitel zu erfassen und wiederzugeben.

2. Probleme der Einordnung

Im Fall von Goethes Drama »Egmont« ist die Einordnung einer einzelnen Szene in den Gesamtzusammenhang mit besonderen Schwierigkeiten verbunden, die mit der Struktur bzw. der Komposition dieses Dramas zusammenhängen. Denn die mehr oder weniger lose Szenenfolge, die zwar einen einem linearen zeitlichen Verlauf folgt, aber manche Szenen recht unverbunden hintereinander bringt, führt dazu, dass kein einfacher, einsträngiger Handlungsverlauf dargestellt werden kann. So sind z. B. die Volksszenen am Anfang des 1. und des 2. Akts mit der eigentlichen Egmont-Handlung nur wenig verbunden, auch wenn sie im Rahmen der perspektivisch angelegten Exposition des Charakters Egmonts eine wichtige Funktion haben. Ebenso gilt dies, in eingeschränkterem Maße, gewiss auch für die Szenen des 1. Akts, in denen die Regentin Margarete von Parma mit ihrem Sekretär Machiavell auf der Bühne erscheint. Und schließlich sind auch die Verbindungen der Klärchen-Handlung nur lose mit dem Schicksal Egmonts in Beziehung gebracht. Aus solchen Gründen hat man z. B. auch bei der Aufführung des Dramas immer wieder auf die Inszenierung der Volksszenen verzichtet.

Was also ist dann das Wesentliche der dramatischen Handlung, was vor dem Dialog von Egmont und Oranien bei der Einordnung der Szene darzulegen ist?
Zunächst einmal sind es nur, die Elemente, die den Charakter Egmonts exponieren. Das bedeutet z.B., dass der Ablauf des Armbrustschießens im 1. Akt (1. Zwischenakt) unwesentlich ist. Wesentlich aber ist, die Darstellung der politischen Lage in den spanischen Niederlanden und die Haltung der Niederländer dazu, sowie ihre Einstellung zu und Beurteilung der politischen Akteure wie König, Regentin, Oranien und Egmont.
Das gleiche gilt für das Gespräch der Regentin mit ihrem Sekretär (2. Zwischenakt) und die Szene "Im Bürgerhaus" (3. Zwischenakt)

3. Wie geht man vor?

a) Den Inhalt der Szene erfassen

Zunächst einmal muss man natürlich erfassen, worum es im Dialog zwischen Egmont und Oranien geht. Dies lässt sich u. a. durch die Beantwortung der folgenden Fragen klären:

  • Worüber unterhalten sich Egmont und Oranien?

  • Welche Inhalte/Themen kommen in dem Gespräch zur Sprache?

  • Wann kommt es zu diesem Gespräch?

  • Auf wessen Veranlassung kommt es zustande?

  • In welcher Situation findet das Gespräch statt?

  • In welcher Beziehung stehen die beiden Gesprächspartner zueinander?

  • Was beabsichtigen Egmont und Oranien in dem Gespräch?

  • Wie sind die Gesprächsanteile zwischen beiden Dialogpartnern verteilt?

  • Wie gehen die Gesprächspartner während ihres Gesprächs miteinander um?

  • Wie endet das Gespräch zwischen Egmont und Oranien?

  • Welchen Stellenwert hat diese Szene für den weiteren Verlauf der Handlung?

  • Welche kurzfristigen und längerfristigen Konsequenzen ergeben sich aus dem Gespräch?

Als kurz gefasste Antwort auf diese Fragen lässt sich festhalten:

Das Gespräch zwischen Egmont und Oranien im 2. Aufzug (2. Zwischenakt: Egmonts Wohnung, II,9) dreht sich um das Problem, wie die niederländischen Fürsten auf die bevorstehende Ankunft Herzog Albas, des neuen Regenten, in den zum spanischen Habsburgerreich zählenden niederländischen Provinzen reagieren sollen. In dem Dialog zwischen den beiden im Drama bedeutendsten Fürsten der Niederlande, die den Spaniern zugleich als Statthalter in den Provinzen dienen, bewerten beide die Ergebnisse des erst kurz zuvor beendeten Treffens mit der Regentin Margarete von Parma unterschiedlich.
Während Oranien einen Wechsel der könglich-spanischen Politik in den Niederlanden mit einem härteren Unterdrückungskurs fürchtet und daher einen Wechsel in der Regentschaft kommen sieht, kann Egmont nichts dergleichen erkennen. Er vertraut seine dem König erwiesene Loyalität und das gegenseitige Treueverhältnis. Das Gespräch findet in der Wohnung Egmonts knapp zwei Stunden nach der Sitzung im Rat der Regentin und scheint von Oranien gewünscht worden zu sein, um über eine gemeinsame Strategie bei einer verschärften Hispanisierungspolitik zu beraten. Auch die Tatsache, von Oranien seinem Gesprächspartner mitgeteilt, dass der spanische Herzog Alba mit einem Söldnerheer in der nächsten Zeit in Brüssel erwartet werde, kann Egmont nicht dazu bewegen, sich, wie Oranien vorhat, in seiner eigenen Provinz auf die Auseinandersetzungen mit den Spaniern vorzubereiten. Dies kommt seiner Auffassung nach einem bewussten Treuebruch gegenüber dem spanischen König gleich. Auch wenn Egmont in der Diskussion mit seinem Gegenüber nur wenige stichhaltige Argumente vorbringen kann und dem rationalen Kalkül eines politischen Kopfes wie Oranien wenig entgegensetzen kann, verharrt er doch darin, in Brüssel zu bleiben und dem neuen Regenten seine Reverenz zu erweisen.
Das Gespräch zwischen beiden verläuft sehr offen und nur gegen Ende, als Egmont sich in die Defensive gedrängt sieht, kommt es zu einer etwas polemischeren Auseinandersetzung, deren Wogen aber durch persönliche Gesten der Freundschaft und Anteilnahme Oraniens am möglichen Schicksal Egmonts aber auch rasch wieder entschärft werden können. So verlässt Oranien Egmont im Glauben, dass dessen Entscheidung zugleich seinen Untergang bedeutet. In diesem Dialog werden die zwei Alternativen aufgezeigt, die sich den niederländischen Fürsten angesichts der bevorstehenden Ankunft Albas stellen. Indem sich Egmont dafür entscheidet, seinen eigenen Weg zu gehen, oder wie er sagt, mit seinen Augen sehen will, hat er die letzte Chance vertan, sein Leben zu retten.

Der zentrale inhaltliche Gegenstand der Szene ist die Einschätzung der politischen Lage in den Niederlanden und die politischen Konsequenzen.  Zugleich werden aber in dem Dialog auch Themen berührt, die über die konkrete Problematik hinausweisen und eine allgemeine gesellschaftliche und/oder politische Relevanz besitzen. Solche Themen sind zum Beispiel: die Rolle des einzelnen und die eines politischen Führers in Konflikten, die Legitimation politischen Handelns, die Loyalität gegenüber einem Herrscher oder einem Staat und die ethische Verantwortbarkeit politischen Tuns

b) Die Einordnung vornehmen

Hat man so erfasst, worum es in der Textstelle geht, muss man sich an die Einordnung des dramatischen Geschehens der Szene in den Gesamtzusammenhang des Dramas machen. (FAQ: Was ist genau verlangt, wenn man eine Dramenszene einordnen soll?)

Dazu muss man den Inhalt des Dramas überblicken und zusammenzufassen. Allerdings soll der Inhalt der Dramenhandlung dabei nicht seitenlang ausgebreitet und jede Einzelheit erwähnt werden.
Die Gesamthandlung muss, wie schon oben gesagt,  in ihren wesentlichen Zügen skizziert und jene Gesichtspunkte daraus besonders hervorgehoben werden, die für das Verständnis der Szene besonders wichtig sind.
Die Leistung, die hier erbracht werden soll, ist also nicht der Nachweis darüber, dass man den Text bis zum Ende gründlich gelesen hat, sondern dass man unter einer bestimmten Problemstellung zu einer Szene das Wesentliche aus dem Text "herauslesen" kann.
Dabei können z. B. die folgenden Fragen helfen:

  • Was zeitlich vor der Szene geschehen?
  • Was sind davon die wichtigsten Geschehnisse?
  • Welche Geschehnisse usw. sind unter dem Blickwinkel dessen, was im Dialog von Egmont und Oranien "passiert", besonders wichtig?
  • Was geschieht unmittelbar nach der Szene, was im weiteren Verlauf des Dramas?
  • Welche der nachfolgenden Geschehnisse sind in einem besonders engen Zusammenhang mit dem zu sehen, was im Gespräch zwischen Egmont und Oranien zur Sprache gekommen ist?

ad 2)
Fassen Sie den Inhalt des Gesprächs unter Berücksichtung seiner inhaltlich-thematischen Gliederung  in Form einer kurzen Inhaltsangabe zusammen.

Ohne Aussagekern wird dabei ein kurz gehaltene Inhaltsangabe der zu analysierenden Szene verlangt. Dabei sollten Inhalt und Verlauf der dramatischen Rede berücksichtigt werden. Wenn sowohl der Inhalt, als auch der Verlauf dargestellt werden soll, muss man das Gespräch in Sinnabschnitte einteilen. Am besten stellt man diese Beschreibung des Aufbaus nach Sinnabschnitten an den Beginn, ehe man sich dann, noch einmal darauf zurückgreifend, dem Inhalt des jeweiligen Sinnabschnittes wieder zuwendet. (FAQ: Was bedeutet der Arbeitsauftrag: Geben Sie den Inhalt der Dramenszene unter Berücksichtigung der inhaltlichen Gliederung des Gesprächsverlaufs wieder?)

ad 3)
Arbeiten Sie die unterschiedlichen politischen Positionen Egmonts und Oraniens heraus.

Bei diesem Arbeitsauftrag geht es zunächst darum, die Szene unter einem systematischen Blickwinkel zu beschreiben und zu analysieren. Dies erfolgt systematisch, getrennt für Oranien und Egmont, und unter klarem Textbezug, der durch sinngemäßes und wörtliches Zitieren hergestellt wird. (vgl. FAQ: Wie funktioniert das eigentlich mit einem korrekten Textbeleg?). Diese Analyse mündet in einem Vergleich der beiden Positionen.
 

ad 4)
Vergleichen Sie, ausgehend von dieser Textstelle, die Charaktere von Egmont und Oranien.
Inwiefern beeinflusst die Persönlichkeit Egmonts den Ausgang des Dramas?

Dieser Arbeitsauftrag der Arbeitsanweisung lenkt den Blickwinkel auf die beiden Charaktere und verlangt eine literarische Charakteristik. Damit stellt sich die Aufgabe, beide Figuren anhand der im Text enthaltenen Aussagen (explizite und implizite Figurencharakterisierung) in ihrer (charakterlichen) Eigenart zu erfassen, zu beschreiben und miteinander zu vergleichen. Konkret bedeutet dies, alle jene Textstellen im Dialog zwischen Egmont und Oranien noch einmal unter die Lupe zu nehmen, die darüber eine Aussage machen. Da sind, nur um einige zu nennen, jene Textstellen, die zeigen, dass Oranien ein klar und rational denkender Fürst ist, oder die zur Anschauung bringen, dass Egmont von einer besonderen ethischen Verantwortung politischen Handelns ausgeht.
Schließlich gibt die Arbeitsanweisung aber auch deutlich vor, dass diese Charakteristik, insbesondere im Falle Egmonts nur von der Textstelle ausgehen soll, damit also auch weitere Aspekte aus dem Gesamtdrama berücksichtigen muss.

 

 
       
      
    Arbeitsanregung:

Analysieren und interpretieren Sie das Gespräch zwischen Egmont und Oranien im 2. Aufzug (2. Zwischenakt; II,9) von Goethes Drama »Egmont«  auf der Grundlage der obigen mehrteiligen Arbeitsanweisung.

Achten Sie dabei darauf, dass die einzelnen Arbeitsaufträge Teile in einem insgesamt geschlossenen Text darstellen und nicht als einzelne Arbeitsaufgaben "abgehakt" werden.
 

 
     
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