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Goethe: Egmont - 2. Aufzug:  Egmonts Wohnung

Literaturwissenschaftliche Interpretationen

Dialog Egmont und Oranien (II,9) - Auszüge

 
 
 

1.
"Egmonts Gespräch mit Oranien wie mit Alba erschöpft sich nicht in der politischen Stellungnahme. sondern enthüllt die Ohnmacht einer Warnung wie das Verhängnis eines bloßen Scheingesprächs. Gewiss trägt jeder der Unterredner seine Gründe vor; aber mit ihnen ist es nicht getan, dass sie sich von Situation der Sprechenden nicht ablösen lassen. Oranien warnt vor der drohenden Gefahr und rät zu einem vorsichtig-abwartenden Verhalten, während Egmont die Sorgen gering achtet und stattdessen die Folgen eines politisch-taktischen Verhaltens fürchtet. Argwohn und Offenheit, Sorge und Vertrauen stehen sich derart gegenüber, dass die Argumente ohnmächtig werden, weil sie nicht Gewissheit geben, sondern nur auf Möglichkeiten verweisen. [...] So findet das Gespräch aus dem Raum des bloß Möglichen nicht heraus und gibt damit die Ohnmacht des Warners zu erkennen. Im Reden über die Absichten und Hilfsmittel des Gegners enthüllt sich das dem Handeln zugehörige subjektive Moment. Das Verhalten ergibt sich nicht als zwingendes Resultat aus eindeutigen Prämissen, sondern bleibt auf die Beurteilung der Situation bezogen. [...] Nicht die politische Auseinandersetzung als solche bestimmt die Dramatik des Dialogs, sondern die jeder Warnung zugehörige Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit. Der Mensch macht durch das Gespräch seine Gefährdung offenkundig und sieht sich doch nur auf sich selbst, auf sein Lebensgefühl zurückgewiesen. " (Paul Böckmann 1958, S. 155ff.)

2.
"Das Egmontdrama ist nicht darum tragisch, weil hier ein Privatmann das unschuldige Opfer politischer Machtverhältnisse wird und dann nachträglich seinem Tod ein stellvertretender Sinn für den Befreiungskampf der Niederlande unterschoben wird. Sondern tragisch ist, dass gerade der von Goethe so durchaus bejahte Reichtum einer dämonischen Individualität mit ihrer Heiterkeit und Seelenfülle ist, der sie in den Untergang hineinreißt; [...] Besonders deutlich wird die tragische Blindheit der dämonisch von sich selbst besessenen Individualität in der Abschiedsunterredung zwischen Oranien und Egmont. Oranien ist der Erkennende, der die politischen Kräfteverhältnisse wie ein Schachspiel abwägt [...]. Er denkt dabei durchaus überpersönlich und gelangt zu dem Entschluss, nicht aus Unsicherheit oder Angst, der drohenden Gefahr auszuweichen, sondern aus politischer Vernunft, die in einer kritischen Lage den noch möglichen Weg sucht. [...] Egmont ist von Oraniens Auffassung des Lebens als politisches Schachspiel und überpersönlicher Aufgabe weit entfernt. Er will mit seinen Augen sehen, das heißt, er will seine vertrauende Unbeirrbarkeit, seinen Glauben an das Leben, an den König und an die Gegenwart nicht preisgeben. Er ist so durchaus von sich erfüllt, auf vornehme Weise sorglos und unbekümmert, seinem Mut und seinem Glück vertrauend, dass er die politische Sorge, die aus Oranien spricht, von sich weist. Sie ist ein fremder Tropfen in seinem Blute." (Benno von Wiese 1948, S.114ff.)

3.
"Was der Statthalter verliert, gewinnt der Mensch. Schon im Gespräch mit Oranien. Oranien hat politisch recht, und Egmont ist ein gutgläubiger Tor. Doch menschlich hat der Redner Oranien unrecht, und Egmont geht glorreich hervor. Der Politiker nämlich hat das Leben bereits verloren, das sein unbekümmerter Freund erst wagen will. Er steht 'wie über ein Schachspiel', erwägt alle künftigen Möglichkeiten und büßt dafür die Gegenwart ein. Bleich und gespannt betritt er das Zimmer, mit ernstem, durchdringendem, freudlosem Blick. Behagen und Heiterkeit werden in seiner Nähe mit schlechtem Gewissen vergiftet. Dagegen lehnt sich Egmont auf." (Emil Staiger 1952, zit. n.  Ibel 1981b, S.45)

4.
"In dem großen Gespräch zwischen Egmont und Oranien am Schluss des zweiten Aufzuges kommt der Unterschied von beider Wesen zum Ausdruck. Oranien ist der politische Fachmann, der über den politischen Verhältnissen immer 'wie über einem Schachspiel' steht und 'keinen Zug des Gegners für unbedeutend' hält [...]. Oranien ist der Mann der rationalen fachmännischen Überlegung, die auch über den menschlich sympathischen, unpolitischen Heroismus Egmonts mit nüchterner politischer Vernunft hinwegzugehen weiß [...] Egmont fällt dem Schicksal leidend in die Arme, Oranien begegnet ihm mit kühlster Vernunft und wird es durch die politische Tat zu gestalten wissen." (Georg Keferstein 1937, zit.n. Ibel 1981b, S.54f.)

5.
"Egmonts Sprache mit ihren starken Gefühlsakzenten und ihrer Neigung zu freiem Schweifen verrät deutlich den Phantasiemenschen, der an einer idealen Welt baut, in der allein er atmen kann ... Welcher Gegensatz gegen die Sprache eines Oranien, durch dessen Rede etwas Lauerndes, Ausholendes geht, das doch mit zarten Tönen verhaltener und zuletzt überströmender menschlicher Teilnahme gemischt ist. Auch ihm öffnet Egmont seine Seele!" (Robert Petsch, zit.n. Ibel 1981b, S.39)

 
     
     
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Kernthesen der oben aufgeführten Auszügen aus literaturwissenschaftlichen Interpretationen heraus und erläutern Sie diese mit ihren eigenen Worten.
  2. Belegen Sie dabei Ihre Aussagen mit dem Text.
  3. Nehmen Sie zu den Interpretationsaussagen Stellung.
     
 
     
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