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1. Aufzug: Armbrustschießen

Die Entfaltung der niederländischen Geschichtswelt

Exposition und Volksszene

 
 
  Die Volksszene im 1. Zwischenakt (Armbrustschießen) des 1. Aufzugs in Goethes »Egmont« steht funktional im Zeichen der perspektivisch angelegten Exposition.
Der Zwischenakt steuert die soziale bzw. nationale Perspektive auf politische Lage, Egmont und die anderen wichtigen Akteure des Dramas zu den anderen Zwischenakten des 1.Aufzugs bei (machtpolitische Perspektive: Palast der Regentin, persönlich-individuelle Perspektive: Im Bürgerhaus).
Darüber hinaus steht sie in einem Szenenkontrast zur 2. Volksszene zu Beginn des 3. Akts, der auf vielfältigen Korrespondenz- und Kontrastbezügen der Figuren beruht.

In einem klassischen Eröffnungsdreischritt führt die Volksszene zu Beginn des Dramas in die Handlung ein.

  1. Sie setzt mit dem Armbrustschießen den dramatischen Auftakt (point of attack).

  2. Sie liefert dabei durch das, was die  Bürger sagen, fast ganz nebenbei expositorische Informationen über die Vorgeschichte und die Hauptcharaktere des Dramas.

  3. Sie verweist mit ihren knappen Andeutungen über einen bevorstehenden Konflikt zwischen den Niederländern und Egmont auf der einen Seite und den herrschenden Spaniern und ihrer Regentin auf der anderen Seite das erregende Moment für die nachfolgende dramatische Handlung, das allerdings erst im zweiten Akt in den Dialogen von Egmont mit seinem Sekretär Richard und Wilhelm von Oranien Gestalt annimmt.

In einem von den Volksszenen »William Shakespeares (1564-1616) beeinflussten Art haben sich einige Bürger Brüssels zum einem Armbrustschießen versammelt.  Mit ihren Trinksprüchen ("Gesundheiten"), die sie zunächst auf die verschiedenen Repräsentanten der politischen Macht in den Niederlanden, zuletzt auf ihre eigene bürgerliche »Eigentümergesellschaft« und ihre Werte ausbringen, geben sie ein beredtes Zeugnis über die politische und gesellschaftliche Lage ab, in der die Figuren agieren.
In ihrer Gesamtheit bringen sie ein zumindest nonkonformistisches Verhalten gegenüber dem spanisch-habsburgischen Regiment zum Ausdruck, zeugen aber auch von einem hohen Grad an Selbstbewusstsein. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings auch die Auffassung, dass sich hinter der "weinseligen" Stimmung  von Anfang nicht mehr als Leerformeln bloßer Verbalrethorik verbergen, die mit der Gegenwart wie auch der nächsten Zukunft des dramatischen Geschehens kaum in Einklang zu bringen sind. Skepsis jedenfalls scheint angebracht.

 

Strukturbild

 

 
     
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