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Aufführungsberichte und -kritiken

Zwischen Satire, Seifenoper und Trash

Frankfurter Inszenierung 2006

 
 
  1. Rezension von Stefan Benz

Stefan Benz unterstreicht bei seiner Rezension der von Armin Petras inszenierten Aufführung am Frankfurter Schauspiel auf der Webseite des Theaterportals

"Es herrscht Lynchpartystimmung in den Straßen von Brüssel. Das Volk stellt die Banker buchstäblich auf den Kopf. Doch bevor der Aufstand in den niederländischen Provinzen eskaliert, ruft Graf Egmont zur Mäßigung: »Bleibt zu Hause«, ist seine Losung. Der Rückzugsbefehl ins Private wird ihm selbst zum Verhängnis werden.
Als Egmont den Widerstand der Massen braucht, verschwindet das Volk in der Versenkung, verschluckt von der Bühne des Frankfurter Schauspiels. Nur Klärchen greift sich einen Benzinkanister. Ihren Freitod wird sie nicht, wie von Goethe vorgeschrieben mit Gift vollziehen, Egmonts Geliebte schickt sich unter der Regie von Armin Petras offenbar an, eine Selbstmordattentäterin zu werden.
In Mannheim hatte Sebastian Baumgarten vor einem halben Jahr in einer herausragenden »Egmont«-Inszenierung die Intervention der Spanier in den Niederlanden mit dem amerikanischen Kampf gegen den Terror in Verbindung gebracht und den Grafen nach Guantanamo geschickt. Auf diese außenpolitische Lesart lässt Armin Petras nun in Frankfurt die innenpolitische folgen – und wieder erweist sich, welche Aktualisierungen dieser Stoff verträgt.
Da fragt das Volk einstimmig, als wäre es ein Chor des seligen Einar Schleef, was denn Nation und Freiheit heute noch bedeuten. Sie lassen orangefarbene Luftballons steigen und verteilen Tulpen, rezitieren Goethe und Schiller, Heine und Hegel, Bismarck und Barzel. Hölderlin nehmen sie als Gewährsmann für die Anarchie: Wenn Freiheit nur noch Mechanik ist, dann »soll der Staat aufhören«.
Aus dem Off singt Tracy Chapman »Talking ’bout a revolution« – und das ist das Problem: Sie reden nur über die Revolution. Warum tut sich nichts in unseren Straßen, fragt Armin Petras? Der Unmut ist da, doch die Reaktion bleibt aus. Jeder scheint Egmonts Formel zu folgen: Die Deutschen bleiben zu Hause.
In zweidreiviertel Stunden schlägt die Regie den Bogen vom 16. ins 21. Jahrhundert. Den interpretatorischen Gewaltakt bewältigt Petras mit erfreulichem Witz – eine der besten Arbeiten seit langem am Frankfurter Schauspiel, bei der Premiere am Samstag mit viel Beifall bedacht.
Das Bürgertum ist offenbar in die Sozialhilfe gerutscht. Patricia Talacko hat Klärchens Elternhaus als Bretterverschlag gezimmert, wie man es vom Trash-Theater der Berliner Volksbühne kennt. Es regnet durchs Dach auf den Wohnzimmertorf, der aus dem Liebesspiel ein Schlammcatchen macht. In diesem Milieu klingt Goethe denn auch nach Gerhart Hauptmann.
Klärchen (Nadja Dankers) benimmt sich in ihren zerrissenen Strumpfhosen wie ein Punkfräulein in einer der Krawall-Talkshows des Privatfernsehens. Brackenburg (Gunnar Teuber), der ihr Herz gewinnen will, muss als UPS-Postillon Egmonts Päckchen austragen. Klärchens Mutter arbeitet erst beim »Minus«-Markt, später in der »Schlucker«-Drogerie. Am Ende darf sie sich mit Brackenburg trösten.
Petras inszeniert Sozialkritik zwischen Satire und Seifenoper: Egmont (Wolfram Koch), der hier keinen Sekretär, sondern eine eifersüchtige Sekretärin (Georgia Stahl) hat, wird bei seinen Staatsgeschäften gefilmt: eine Doku-Soap nach Goethes Drehbuch.
Das Regietheater des Armin Petras ist am Fernsehen geschult. Da heißt es, Akzente zu setzen und nicht dem Text nachzulauschen. Als Wilhelm von Oranien den Freund Egmont zur Flucht überreden will, schnürt er ihn in einen Koffer ein.
Als Margarete von Parma entmachtet wird, zieht sie die Burka über. Und als der Graf im Kerker dem Wahnsinn verfällt, da legt er Helm und Harnisch an: ein Don Quichotte des gemäßigten Protests. Wie Petras sein politisches Theater mit dem Vokabular der Comedy formuliert, das ist sehenswert. "
 

2. Zuschauerstimmen zur Frankfurter Aufführung

In der Zuschauerkritik wurde die Inszenierung verschieden beurteilt:

  • Georgia W.
    Es war kein "klassischer" EGMONT, den ich bei meinem Theaterbesuch erwartete, aber was geboten wurde, wäre vielleicht einer mittelmäßigen Schülergruppe zuzurechnen. Sich im Dreck zu wühlen, ist nicht gutes Theater, sondern billiger Klamauk. Eine hysterischer Teenie als Klärchen und ein Brackenburg als UPS-Trottel, was sollte dies bewirken? Goethes Botschaft ging unter diesem Billig-Theater völlig verloren. Alles schien nur ein Gag: Oranien mit Puppen-Babywagen, Egmont mit Klebeband in einen Koffer gesteckt? Alles blödsinniger Straßentheater- Unsinn. Und was sollte dieser politische Deutschlandchor vor der Pause? Wollte sich der Regisseur dort mit Goethe messen, oder sich irgendwie beweisen? Fehlgeschlagen! Was mir so von einigen Besuchern zu Ohren kam, ist auch meine Meinung: um solchen Unsinn anzusehen, muss man keine teure Theaterkarte kaufen, das gibt"s genug im Fernsehen - kostenlos. [...]
  • Marco
    Ich verstehe einfach nicht warum es so viele negative Kritiken gibt. Warum sollte Egmont mal nicht in moderner Weise dargestellt werden? Ich finde, dass es Petras sehr gelungen ist, und es vor allem für jüngere Zuschauer sehenswert ist. [...]
  • Hans D.
    Gestern war der Saal zu einem großen Teil mit Schülern der Oberstufe gefüllt, die sich die Goethe-Pflichtlektüre" im Theater anschauen wollten. Sicher mit der Absicht, sie mit reduziertem Aufwand besser verstehen zu wollen. Für diese Klientel war die Petras-Inszenierung sicher eine herbe Enttäuschung, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass die jungen Leute die Intentionen von Goethe erkennen und verstehen konnten. Warum sollte es ihnen anders gegangen sein als mir ?
    Warum locken heutzutage so viele Regisseure die Zuschauer mit dem Versprechen ins Theater, klassische Stücke zeitnah zu interpretieren ? Soll der berühmte Autor die Zuschauer anlocken nach dem Motto: "Das muss man gesehen haben." ? Es gibt doch eine kaum überschaubare Anzahl guter, zeitgenössischer Theaterstücke, an denen sich die Regisseure abarbeiten können. [...]
  • Norma S.
    [...] Eine tolle Inszenierung, die durch die moderne Form sehr viel gewinnt! Das Stück verliert sich nicht in billigen Effekten und großem Brimborium wie das bei der Räuber-Inszenierung eher der Fall war. Hier passt eigentlich alles und wenn es Effekte gibt, dann drücken sie auch etwas aus! Ich bin schon der Meinung, dass man hier der Vorlage treu geblieben ist - und sich soweit davon entfernt hat, wie es eben heutzutage nötig ist, damit auch ein älteres Stück seine Aktualität nicht verliert! [...]

(aus: Schauspiel Frankfurt Criticalboard, http://www.schauspielfrankfurt.de/criticalboard/zuschauerkritik.asp?StueckInhaltID=3475, 8.1.06, Auszüge

3. Joachim Lottmanns Kritik am Regietheater der Frankfurter Aufführung

"Sie lassen stöhnen, schuften, koitieren und auf der Bühne Notdurft verrichten. Klassiker sind allenfalls Material. Jungdeutsche Regisseure sind dabei, die üppigste Theaterlandschaft der Welt mit ihren abgelatschten Schocks endgültig zu ruinieren. [...]
Goethes 'Egmont' in der Goethe-Stadt Frankfurt. Das dortige Theater hat die Sprachverhunzung schon im Namen, wie ein Programm: 'schauspielfrankfurt" kleingeschrieben und zusammen. Da ahnt man die offene Bühne, den Verzicht auf die Werktreue, auf Kostüme und Bühnenbild bereits beim Kauf der Karte.
Von außen sieht das Haus aber wunderschön aus. Dieses zukunftsfrohe Leuchten und Glitzern der echten Moderne, die noch keine Postmoderne kannte. Glas, Stahl, von diesem Tempel inmitten der Stadt wird der Theaterbesucher bestimmt angezogen. Und umso schrecklicher enttäuscht.
Denn wieder sehe ich diese selbstgeschnitzen Blödmannsszenen, dieses Punk- und Rock-Zeug, alles vom Regisseur geschrieben, von Goethe nur die Stichworte, das sogenannte Material. Der Regisseur hat das Wort 'Vaterland' im Goethe-Text entdeckt. Hey, Mann, 'Vaterland'! Das heißt natürlich Pflichtprogramm. Nämlich 35 Minuten lang 'patriotische' Stellen von allen deutschen Klassikern und Nichtklassikern ins Publikum schreien. Die circa 40 Schauspieler bilden einen Chor und brüllen los. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Brüll! Kreisch! Donner! Schepper! Mein lieber Herr Gesangsverein, heil Hitler aber auch, denke ich.
Das Kritikerblöckchen im Einsatz. Dass auch wieder 'die Sau rausgelassen' wird, interessiert mich kaum noch. Der Schock hat sich durch den 'Macbeth' am Vorabend verbraucht. Nachdem ich nackten, meist alten Männern bei Kacken auf dem Donnerbalken zugeschaut habe, kann mich jetzt das wilde Beischlafgestöhne des Campino-Lookalike mit dem Punk-Klärchen im nassen Schlamm nicht mehr erreichen. Ich langweile mich.
Das Klärchen zieht sich aus, aber Klärchen finde ich hässlich, und Egmont ist ein Mann. Warum isst Wilhlem von Oranien einen Joghurt von Ehrmann? Wieso wird immer nur geflüstert oder geschrien? Warum stecken die Beine des Prinzen von Gaure in einem Teddysack? Oder war es der Herzog von Alba, als Penner verkleidet? Und wozu muss er mit einem Klebeband vom Baumarkt zugepflastert werden, und die Kalaschnikow fällt aus dem Koffer, und Pink Floyd spielt dazu? [...]

(aus: Joachim Lottmann, "Hau ab, du Arsch!" Sie lassen stöhnen, schuften, koitieren und auf der Bühne Notdurft verrichten. Klassiker sind allenfalls Material. Jungdeutsche Regisseure sind dabei, die üppigste Theaterlandschaft der Welt mit ihren abgelatschten Schocks endgültig zu ruinieren, in: Der Spiegel 10/2006, S. 164-165)

4. Wolfgang Höbels Verteidigung des Regietheaters am Beispiel der Frankfurter Aufführung 2006:

"»Ist unser Theater denn nur noch versaut?« fragte in brennender Sorge jüngst die »Bild«-Zeitung den von einem Schauspieler in einer Vorstellung attackierten Chefkritiker der »Frankfurt Allgemeinen«, Gerhard Stadelmaier - und zitiert den Fachmann: »Dieses Müll- und Trash-Theater geht teilweise zu weit. Theater ist Phantasie. Blut muss nicht Sirup; Gier, Pein und Sex müssen nicht Fleisch sein.«
Was geht zu weit? Wer legt die Grenzen des Erlaubten fest? Wer regelt die Ausweitung der Schamzone? Es ist eine merkwürdige, erbitterte Abneigung, die sich da artikuliert: gegen die Zumutungen des modernen Theaters, wo (so die Reizvokabeln) »Müll und Trash«, »Blut und Hoden«, »Gewalt und Sperma« regierten. Herbeigewünscht wird ein schmutzfreier Rückzugsort fürs Wahre und Schöne der Kunst.
Nun ist es keineswegs neu, dass besorgte Menschen eine Rückbesinnung auf Sitte und Anstand in öffentlich subventionierten Theaterhäusern fordern, eine Selbstbeschränkung der Bühnenkünstler auf mehr Textfrömmigkeit und traditionelle Mittel. Das Theater böte dann den Gegenentwurf zu einer Welt, in der wir dank der ziemlich totalen Bilder- und Informationsversorgung täglich mit verstümmelten Leibern und pornografischer Nacktheit konfrontiert sind; es könnte dienen als Stätte der Kontemplation, der zahmen Text- und Seelenbehandlung; es könnte Trost und Erbauung spenden: Frag sich nur, was diese Idylle noch mit lebendiger Kunst zu tun hätte, die notwendig ein Spiegelbild ihrer Zeit ist, die von den Ängsten, Schrecken, Katastrophen der Gegenwart erzählen sollte und nicht nur museal ausstellen, was früher einmal war.[...]"

(aus: Wolfgang Höbel. Ausweitung der Schamzone. Ein Plädoyer für die zeitgenössische Bühnenkunst, in: Der Spiegel 11/2006, S. 168f.)

 
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Modernisierungen das Egmont-Drama in der Frankfurter Aufführung unterzogen wird.

  2. Wie beurteilt Stefan Benz diese Modernisierungen bei der Inszenierung des Dramas?

  3. Nehmen Sie in Form eines kommentierenden Leserbriefs zu den Modernisierungen Stellung.

  4. Arbeiten Sie aus den Zuschauerstimmen die unterschiedlichen Positionen heraus, vergleichen Sie diese mit Ihrer eigenen Auffassung und nehmen Sie zu der jeweils geäußerten Kritik Stellung.

  5. Arbeiten Sie die Kritik Joachim Lottmanns am modernen Regietheater heraus und vergleichen Sie seine Position mit der von Wolfgang Höbel.

 
      
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