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1.
»Heinrich
Böll (1917-1985) schrieb 1955 über •
Wolfgang Borcherts
Kurzgeschichte •»Das
Brot«:
"[...] Wo das
Röntgenauge eines Dichters durch das Aktuelle dringt, sieht es den
ganzen Menschen, großartig und erschreckend – wie er in Borcherts
Erzählung 'Brot' zu sehen ist. Die 'Helden' dieser Geschichte sind recht
alltäglich: ein altes Ehepaar, neununddreißig Jahre miteinander
verheiratet. Und der 'Streitwert' in dieser Geschichte ist gering (und
doch so gewaltig, wie ihn die Augenzeugen der Hungersnot noch in
Erinnerung haben mögen): eine Scheibe Brot. Die Erzählung ist kurz und
kühl. Und doch ist das ganze Elend und die ganze Größe des Menschen mit
aufgenommen – wie hinter dem gebrochenen Nasenbein auf der
Röntgenaufnahme der Totenschädel des Verletzten zu sehen ist. Die
Erzählung 'Brot' ist Dokument und Literatur. [...]"
(aus: Heinrich Böll,
Die Stimme Wolfgang Borcherts. In: Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze,
Köln, Berlin: Kiepenheuer&Witsch 1961)

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2.
Hans-Gerd
Winter (2004,
S.25f.,) betont in seiner Interpretation, dass "die Geschichte dem
Anliegen Borcherts (entspricht), die ›Wahrheit‹ über die eigene Zeit
auszusagen – so wie er sie sieht und erlebt [...]. Es handelt sich in
diesem Fall um keine politische oder gesellschaftliche Wahrheit, sondern
um eine zutiefst menschliche [...]. Gestaltet ist die existenzielle
Ambivalenz des Menschen, seine Fähigkeit zu Betrug und Liebe in einem.
Dabei handelt es sich um Durchschnittsmenschen und um eine ganz
alltägliche Situation. [...] Die Geschichte belegt Borcherts Fähigkeit,
an etwas so Bescheidenem und von heute aus Unwichtigem wie einer
zusätzlich abgeschnittenen und verzehrten Scheibe Brot die Schwächen und
Stärken des Menschen zu verdeutlichen."

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3.
Für Wilhelm
Große
(1995/2017, S.47f.) steht in Borcherts Kurzgeschichte eine "Geste
der Humanität" im Mittelpunkt, die ohne jedes übertriebene Pathos
gestaltet sei: "Auch hier ist ein Akt der Liebe oder der Humanität, der
in eine Welt, die von zerstörerischen Kräften beherrscht wird, Ausgleich
und Harmonie auf ganz elementare Weise einbringt. Nicht heroisch, nicht
pathetisch, sondern alltäglich und eben selbstverständlich handelt die
Frau, die sich von ihrem Mann hintergangen sehen muß, ihm aber diese
Handlung verzeiht, weil sie in ihr die ganze Hinfälligkeit des Menschen
erkennt. Sie akzeptiert den Menschen in dieser Hinfälligkeit, deckt
diese liebevoll zu und gründet darauf erneut eine Gemeinschaft. [...]
Und elementar ist auch die rettende Handlung der Frau. Es ist eine
einfache Form der Humanität, bezeugt in der Scham als der gegenseitigen
Achtung voreinander."
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
25.05.2025