Home
Nach oben
Weiter
 

 

Johannes Bobrowski, Brief aus Amerika

Texterfassung

 

Die nachfolgende tabellarische Übersicht dient dazu, die Kurzgeschichte »Brief aus Amerika« von Johannes Bobrowski inhaltlich zu erfassen und Interpretationsansätze zu gewinnen.
 

Brenn mich, brenn mich, brenn mich, singt die alte Frau und dreht sich dabei, hübsch langsam und bedächtig, und jetzt schleudert sie die Holzpantinen von den Füßen, da fliegen sie im Bogen bis an den Zaun, und sie dreht sich nun noch schneller unter dem Apfelbäumchen. Brenn mich, liebe Sonne, singt sie dazu. Sie hat die Ärmel ihrer Bluse hinaufgeschoben und schwenkt die bloßen Arme, und von den Ästen des Bäumchens fallen kleine, dünne Schatten herab, es ist heller Mittag, und die alte Frau dreht sich mit kleinen Schritten. Brenn mich, brenn mich, brenn mich.

I. Der Tanz der alten Frau unter dem Apfelbäumchen in der Mittagssonne

  • dreht sich und schleudert die Holzpantinen von sich

  • singt: "Brenn mich… liebe Sonne"

Im Haus auf dem Tisch liegt ein Brief. Aus Amerika. Da steht zu lesen:

II. Der Brief des Sohnes Jons aus Amerika

 

Meine liebe Mutter. Teile dir mit, dass wir nicht zu Dir reisen werden. Es sind nur ein paar Tage, sag ich zu meiner Frau, dann sind wir dort, und es sind ein paar Tage, sage ich, Alice, dann sind wir wieder zurück. Und es heißt: ehre Vater und Mutter, und wenn der Vater auch gestorben ist, das Grab ist da, und die Mutter ist alt, sage ich, und wenn wir jetzt nicht fahren, fahren wir niemals. Und meine Frau sagt: hör mir zu, John, sie sagt John zu mir, dort ist es schön, das hast du mir erzählt, aber das war früher. Der Mensch ist jung oder alt, sagt sie, und der junge Mensch weiß nicht, wie es sein wird, wenn er alt ist, und der alte Mensch weiß nicht, wie es in der Jugend war. Du bist hier etwas geworden, und du bist nicht mehr dort. Das sagt meine Frau. Sie hat Recht. Du weißt, ihr Vater hat uns das Geschäft überschrieben, es geht gut. Du kannst deine Mutter herkommen lassen, sagt sie. Aber Du hast ja geschrieben, Mutter, dass Du nicht kommen kannst, weil einer schon dort bleiben muss, weil alle von uns weg sind.

  • Besuchsabsage durch den Sohn

  • Rechtfertigungen von Jons gegenüber Alice

  • nur ein kurzer Besuch

  • gesellschaftliches Gebot

  • jetzt oder nie

  • Einwände von Alice gegen den Besuch

  • Gegensatz von hier und dort: hier geschäftlicher Erfolg - dort Kindheitserlebnisse

  • Abgrenzung der Generationen

  • Angebot, alte Frau (Mutter) einzuladen

  • Gründe der Mutter, nicht zu reisen

Der Brief ist noch länger. Er kommt aus Amerika. Und wo er zu Ende ist, steht: Dein Sohn Jons.

 

Es ist heller Mittag, und es ist schön. Das Haus ist weiß. An der Seite steht ein Stall. Auch der Stall ist weiß. Und hier ist der Garten. Ein Stückchen den Berg hinunter steht schon das nächste Gehöft, und dann kommt das Dorf, am Fluss entlang, und die Chaussee biegt heran und geht vorbei und noch einmal auf den Fluss zu und wieder zurück in den Wald. Es ist schön. Und es ist heller Mittag. Unter dem Apfelbäumchen dreht sich die alte Frau. Sie schwenkt die bloßen Arme. Liebe Sonne, brenn mich, brenn mich.

III. Beschreibung der Zeit und der räumlichen Umgebung

  • Haus, Stall, Garten

  • das nächste Gehöft

  • Fluss, Chaussee, Dorf

In der Stube ist es kühl. Von der Decke baumelt ein Beifußbusch und summt von Fliegen. Die alte Frau nimmt den Brief vom Tisch, faltet ihn zusammen und trägt ihn in die Küche auf den Herd. Sie geht wieder zurück in die Stube. Zwischen den beiden Fenstern hängt der Spiegel, da steckt in der unteren Ecke links, zwischen Rahmen und Glas, ein Bild. Eine Photographie aus Amerika. Die Frau nimmt das Bild heraus, sie setzt sich an den Tisch und schreibt auf die Rückseite: Das ist mein Sohn Jons. Und das ist meine Tochter Alice. Und darunter schreibt sie: Erdmuthe Gauptate geborene Atalle. Sie zupft sich die Blusenärmel herunter und streicht sie glatt. Ein schöner weißer Stoff mit kleinen blauen Punkten. Aus Amerika. Sie steht auf, und während sie zum Herd geht, schwenkt sie das Bild ein bisschen durch die Luft. Als der Annus von Tauroggen gekommen ist, damals, und hiergeblieben ist, damals: es ist wegen der Arme, hat er gesagt, solche weißen Arme gab es nicht, da oben, wo er herkam, und hier nicht, wo er dann blieb. Und dreißig Jahre hat er davon geredet. Der Annus.

IV. Das Verhalten der Frau im Innern ihres Hauses

  • Falten des Briefes und sein Hinüberbringen in die Küche

  • Photographie des Sohnes und der Schwiegertochter

  • Beschriftung der Rückseite der Photographie mit den Namen des Sohnes, der Tochter und dem eigenen Namenszug

  • zupft Blusenärmel (Stoff aus Amerika) herunter

  • Erinnerung an Annus, dem die weißen Arme wert waren zu bleiben

Der Mensch ist jung oder alt.. Was braucht der alte Mensch denn schon? Das Tageslicht wird dunkler, die Schatten werden heller, die Nacht ist nicht mehr zum Schlafen, die Wege verkürzen sich. Nur noch zwei, drei Wege, zuletzt einer.

V. Reflexion des (personalen / auktorialen ) Erzählers

  • Gedanken der alten Frau ?

Sie legt das Bild auf den Herd, neben den zusammengefalteten Brief. Dann holt sie die Streichhölzer aus dem Schaff und legt sie dazu. Werden wir die Milch aufkochen, sagt sie und geht hinaus, Holz holen.

VI. Vorbereitungen zur Verbrennung des Bildes und des Briefes

  • einzige sprachliche Äußerung der Frau

(aus: Johannes Bobrowski, Boehlendorf und andere Erzählungen, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1965, S. 70ff.)
 

 

  

Bausteine ]
 

logo_sm.jpg (3144 Byte)
Copyright 1999/2010

Home ] Sitemap ] News ] Suche ] Arbeitstechniken ] Deutsch ] Geschichte ] Medien ] Pädagogik ] Politik ] Projekte ] Arbeitslosigkeit ] Psychologie ] Didaktik ] Spiele ] Prüfungen ] textPlus ] Pool ] teachSam-Glossar ] FAQ's ] Copyright ] Über teachSam ] Quellen ] Impressum ] teachSam-Corner ] twitter ]