Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

John Berger

Ein Gespräch mit John Berger


Bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie als Maler und Zeichenlehrer tätig. Gab es einen besonderen Grund für diesen Wechsel?
Das muss 1951 0der 1952 gewesen sein. Und der Grund dafür war die weltpolitische Lage. Es hatte nichts mit fehlendem Talent zu tun. Ich war gerne Maler und zufrieden mit dem, was ich tat. Aber in dieser Zeit schien die Drohung eines nuklearen Kriegs sehr, sehr nah. Viel näher, als man sich heute erinnert oder sich vorzustellen vermag. Und es gab Hunderttausende, die sich dessen bewusst waren. Die unmittelbare Gefahr bestand in einem Präventivschlag durch Washington, da die Sowjetunion damals noch keine Nuklearwaffen besaß. Selbst bekannte Schriftsteller und Intellektuelle schrieben skandalöse Artikel, in denen sie einen Präventivschlag befürworteten und ernstlich eine Bombardierung Moskaus in Erwägung zogen. In dieser Situation hatten viele von uns das Gefühl, sie hätten nur noch wenige Monate zu leben. Gegen dieses Gefühl mussten wir ankämpfen, und die Malerei schien mir dazu nicht das geeignete Mittel. Natürlich war ich mir bewusst, dass auch mit Schreiben nicht viel auszurichten war, aber als Journalist zu arbeiten und in Artikeln öffentlich Widerstand zu leisten war für mich die einzig denkbare Möglichkeit.

Einer der zentralen Aspekte Ihres Werks, angefangen von Ihrem Romanerstling Die Spiele (1958) bis zur Gegenwart, ist die Verteidigung des Individuums gegen die zerstörerischen Kräfte der Geschichte. Gibt es in Ihrem Werk so etwas wie einen humanistischen Grundimpuls?
Ja, ich denke schon. Obwohl es für einen Schriftsteller immer sehr schwierig ist, sein eigenes Werk zu beurteilen. Andere können das viel besser. Aber ich habe wohl so etwas wie eine tief sitzende Sympathie für die Unterdrückten, auch wenn mir das Wort nicht sonderlich behagt. Vielleicht sollte ich besser Underdogs sagen. Ich glaube, das ist ein fester Bestandteil meines Wesens. Ob man dies mit dem Begriff humanistisch bezeichnen sollte, weiß ich nicht. Das Wort klingt sehr theoretisch und ein bisschen fromm. Bei mir ist es mehr eine Sache, die direkt aus dem Bauch kommt.

Bleiben wir bei den Underdogs. In Ihren Büchern und Essays hat man das Gefühl, als würden Sie Ihre Stimme für die Unterprivilegierten erheben, um ihnen ihre persönliche Würde und Integrität wiederzugeben.
Ich denke, es geht hier nicht um ein Zurückgeben der Würde, denn in meinen Augen haben diese Leute Würde. Es geht vielmehr darum, diese Würde zu erkennen. Sie zurückzugeben wäre eine Art Almosen, und das wäre schrecklich. Man muss vielmehr versuchen, sich weit genug zu öffnen, um die Würde dieser Menschen zu sehen. Es gibt einen wunderbaren Satz von Simone Weil, der lautet: »Irgendwo schreit ein Mensch auf: ›Was geschieht mit mir?‹« Und sie sagt: »Dieser Schrei kann niemals missverstanden werden. Er ist unbezweifelbar.« Man kann ihn nicht in Frage stellen. Andere mögen vielleicht eine tiefgehendere und umfassendere Antwort auf diese Frage geben können, aber der Schrei als solcher ist unhinterfragbar und immer im Recht. In manchen, nicht in allen meinen Texten versuche ich eine Art ausführlichere Version dieses Schreis ›Was geschieht mit mir‹ zu geben, mit all dem Takt und der Zurückhaltung, die dazu notwendig sind. Aber ich bin es nicht selbst, der da spricht. Ich höre nur zu.

In Ihrem Essay »Ev’ry Time We Say Goodbye« bezeichnen Sie unser Jahrhundert als »das Jahrhundert des Verschwindens«. In nie gekannten Dimensionen wurden Menschen durch Krieg, Hunger, politische Verfolgung und andere Gründe aus ihren Heimatländern vertrieben. Verstehen Sie Ihr Werk auch als eine Art Festhalten von Einzelschicksalen, die anderenfalls vergessen würden?
Nun, Sie werden mir sicherlich darin zustimmen, dass dies das bedeutendste Merkmal unseres Jahrhunderts ist, vielleicht sogar das Merkmal, in dem sich unser Jahrhundert am markantesten von allen anderen unterscheidet, obwohl man diese Differenz nicht überstrapazieren sollte. Wenn man also über unser Jahrhundert schreibt, erscheint es nur natürlich, dass dieses Thema wieder und wieder zur Sprache kommt. Und vielleicht hofft man auch ein wenig darauf, in seinem Schreiben etwas von den Geschehnissen dieses Jahrhunderts festhalten zu können. Aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten, denn ich glaube nicht, dass diese Dinge anderenfalls vergessen würden. Zunächst einmal ist man nicht der einzige, der sich dieser Aufgabe widmet. Und zum zweiten werden die Dinge auf vielfältige Weise dokumentiert oder leben in anderen Traditionen fort. Insofern glaube ich nicht, dass ein Schriftsteller seine Aufgabe darin sehen sollte, das Leben anderer in irgendeiner Weise zu bewahren oder dem Vergessen zu entreißen. Das wäre vermessen. Er kann nur ein kleines Stück dazu beitragen.

Mitte der siebziger Jahre zogen Sie in ein kleines Dorf in der Haute Savoie, um dort die Trilogie Von ihrer Hände Arbeit zu schreiben. In der Einleitung zu diesem Buch findet sich eine harsche Kritik des Fortschrittsglaubens, der in Ihren Augen von Kapitalismus und Sozialismus gleichermaßen vergöttert wurde. Am Beispiel der französischen Bergbauern zeigen Sie die fortschreitende Entwurzelung und Zerstörung der bäuerlichen Lebensart und Kultur durch einen blindwütigen Fortschritt. Bedeutete die Arbeit an diesem Buch für Sie auch so etwas wie den Versuch, die Erinnerung an eine verschwindende Lebensform wachzuhalten?
Ich würde dieser Sichtweise grundsätzlich zustimmen. Allerdings möchte ich noch hinzufügen, dass es mir nicht allein darum ging, die Lebensweise dieser Leute in Erinnerung zu halten, weil wir in dieser Hinsicht ein verlorenes Rennen gegen die Zeit führen. Diese Bauern besitzen in der Tat ein ganz enormes Wissen, und zwar in einem sehr praktischen Sinne. Sie wissen, wie das Land zu bestellen ist, wie man Wälder aufforstet, wie man mit Tieren umgeht oder wie man aus Holz die Gegenstände zum täglichen Gebrauch anfertigt. Sie können mit ihren Händen zwar nicht alles, aber doch ziemlich viel bewerkstelligen. Sie sind nicht auf eine bestimmte Arbeit spezialisiert. Diese große Geschicklichkeit in Verbindung mit ihrer Lebensart – nun, ich will nicht übertreiben, es gibt auch ziemlich üble Kerle unter ihnen –, aber es erscheint nicht abwegig, dass beides in nicht allzu ferner Zukunft wieder gefragt ist. (…) Ich kann mir vorstellen, dass zukünftige Leser einige dieser Geschichten nicht bloß als Rückblick auf Vergangenes lesen, sondern als Beispiele, wie man vielleicht leben könnte.

 Die Kunstkritik nimmt in Ihrem Werk einen wichtigen Platz ein. Von den frühen Kritiken für Zeitschriften wie den New Statesman bis heute haben Sie sich immer wieder diesem Genre gewidmet. Würden Sie den Kunstkritiker Berger auf die gleiche Stufe wie den Romancier Berger stellen?
Nein. Ich habe die Kunstkritik immer nur als Gelegenheitsarbeit betrachtet. Meinem eigenen Selbstverständnis nach bin ich in erster Linie Erzähler, nicht Kritiker. Selbst wenn Sie meine Kunstkritik näher betrachten, werden Sie feststellen, dass ein Großteil davon einen sehr narrativen Charakter besitzt. Sobald ich über ein Gemälde oder einen Maler zu sprechen beginne, kommen mir nahezu automatisch Geschichten oder Lebensschicksale in den Sinn. Ich will damit nicht sagen, dass ich in Bildern nach Geschichten suche, ich hoffe es jedenfalls nicht. Aber mir scheint, dass mein unmittelbares Interesse an der Kunst nicht dem eines Kunsthistorikers entspricht, sondern eher das eines Geschichtenerzählers ist, der viel von der Malerei weiß und darüber schreibt.

Abschließend noch ein Wort zu Ihrem Buch Mann und Frau unter einem Pflaumenbaum stehend. Es handelt sich dabei um zweiundzwanzig kurze Porträts, in denen Sie auf sehr persönliche Art von Begegnungen mit bekannteren, vorwiegend aber unbekannten Menschen berichten. Viele dieser Momentaufnahmen scheinen von einem gewissen Pathos geprägt. Würden Sie diesen Begriff für sich akzeptieren?
Ohne jede Einschränkung. Ich möchte hier keinen qualitativen Vergleich anstrengen, aber wenn wir von Pathos sprechen, so scheinen mir die Erzählungen Tschechows sehr viel davon zu besitzen. Oder, wenn wir uns mehr in der Gegenwart umsehen, die Raymond Carvers, den ich sehr bewundere.

Aber kann Pathos nicht auch sehr gefährlich werden, wenn es selbst noch tiefster Not und Elend den Glanz von Erhabenheit verleiht?
Ja, die Gefahr besteht sicherlich. Ob man ihr unterliegt oder nicht, ist eine Frage des Takts. Takt ist vielleicht die erste Gabe der dichterischen Einbildungskraft, genau wie es auch in der bildenden Kunst Takt gibt. Dabei geht es nicht um eine Form von Höflichkeit, künstlerischer Konvention oder auch Diplomatie. Es ist vielmehr ein besonderes Gespür dafür, ob man in einer bestimmten Situation der Wahrheit gerecht wird oder nicht. Wird man es nicht, fehlte der Takt, oder er war nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Dies muss der einzelne Leser jeweils für sich entscheiden.
Aus Bogen 47-  Carl Hanser Verlag - John Berger. Mitten in Europa

(aus der Pressemappe des Hanser-Verlages zum Autor, 23.09.02)

     
  Center-Map ] Eine Frage ... ] Links ins WWW ] Bausteine ]  
  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de