Die Frau lehnte am
Fenster und sah hinüber. Der Wind [...] brachte nichts
Neues. Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die
unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor ihrem Haus
niedergefahren zu werden. Außerdem wohnte sie im vorletzten
Stock, die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf.
Alles lag zu tief unten. [...] der Alte gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den
merkwürdigen Eindruck, [...] Die Frau blieb am Fenster.
I.
Die Situation und ihre Akteure
Grundmotiv: Theater (ein Fenster Bühne, zwei Fenster Zuschauerraum)
- Frau (Rolle der
Zuschauerin)
Wohnung im vorletzten Stock
verbringt Zeit am Fenster
Neugierde, sensationsgierig
- alter Mann im
gegenüberliegenden Häuserblock (Rolle des Schauspielers, Narrs)
hat am helllichten Tag Licht
angeknipst
erleuchtetes Fenster
Der Alte öffnete und nickte herüber.
Meint er mich? dachte die Frau. Die Wohnung über ihr stand leer
[...] Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte
wieder. Er griff sich an die Stirne [...] und verschwand im Inneren des Zimmers.
II.
Missverständnis
Frau nimmt an, dass der Mann mit ihr
kommuniziert
Gleich darauf
[...] in Hut und Mantel [...] zog den Hut und
lächelte. Dann [...] weißes Tuch aus der Tasche und
begann zu winken. [...] Er hing über die Brüstung, dass
man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat
einen Schritt zurück, [...] Er [...] löste seinen Schal
[...] und ließ ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte
er. Und als sie noch einen weiteren Schritt
zurücktrat, [...] wand den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte
er die Arme über der Brust und verneigte sich.
[...] kniff er das linke Auge zu,
als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete
ihr so lange Vergnügen, bis sie plötzlich [...] seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er
stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht
[...] wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt.
III.
Beginn der "Theatervorstellung"
Rückkehr des Mannes in
"Verkleidung" (Hut, Mantel)
Mann winkt mit weißem Tuch
distanziertes "man"
zweimalige zaghafte räumliche
Distanzierung der Frau vom Geschehen
Gesten des Mannes (lächeln, winken,
verneigen, Auge zukneifen) werden von der Frau als quasi
"intime" bzw. Vertrautheit (Einverständnis) aussagende
Gesten gedeutet2q
Frau genießt die Theatervorführung,
bis der Mann auf dem Kopf steht und seine Beine und die geflickten
Hosen einen erbärmlichen Eindruck bei ihr hinterlassen
Frau verständigt Polizei
Und während er, in ein
Leintuch gehüllt, abwechselnd an beiden Fenstern erschien,
unterschied sie [...] das Hupen des Überfallautos. [...]
Der alte Mann lachte jetzt,[...]
schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten und warf es dann hinüber.
Erst [...] gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen.
IV.
Die Theatervorstellung geht weiter
Aufmerksamkeit der Frau ist
zweigeteilt:
hört das Näherkommen des
Überfallautos
blickt gebannt auf die weitere
"Theatervorstellung"
Sie kam atemlos unten
an. Eine Menschenmenge hatte sich um den Polizeiwagen gesammelt.
[...] die Tür aufbrachen. Sie arbeiteten schnell [...].
Es war inzwischen finster geworden. [...] Die Frau schlich hinter
ihnen her.
V.
Auf der Straße
Frau in der sensationsheischenden
Menschenmenge rückt mit der Polizei bis zur Wohnung des Mannes vor.
beobachtet das Vorgehen der Polizei
Als die Tür aufflog,
[...] alte Mann mit dem Rücken zu ihnen gewandt noch immer am
Fenster. [...] großes weißes Kissen auf dem
Kopf, [...] Den Teppich,
[...] trug er um die Schultern. Da er schwerhörig war, wandte er sich auch nicht um,
[...] und die Frau über ihn hinweg in ihr eigenes
finsteres Fenster sah.
VI.
In der Wohnung des alten Mannes (neue Blickrichtung!)
Mann spielt immer noch Theater
Blick auf das finstere Fenster
der Frau
Die Werkstatt unterhalb war, [...] geschlossen. Aber in die
Wohnung oberhalb musste eine neue Partei eingezogen sein. An eines
der erleuchteten Zimmer war ein
Gitterbett geschoben, in dem aufrecht ein kleiner Knabe stand. Auch er trug
sein Kissen auf dem Kopf und die
Bettdecke um die Schultern. Er sprang und winkte herüber und krähte vor
Jubel. Er lachte, [...] Dann warf er es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht.
VII.
Blick auf das Fenster unterhalb der Wohnung der Frau
Fenster-Theater des kleinen Jungen im
Gitterbett
macht die Handlungen des alten Mannes
nach
aus: Aichinger, Ilse: Der Gefesselte. Erzählungen, Frankfurt/M.: S. Fischer
Verlag 1963, S.61ff.